„Ein­fach Faul­sein und se­hen, was mit ei­nem pas­siert“

Wis­sen­schaft­ler emp­feh­len: Öf­ter mal aus dem Hams­ter­rad aus­stei­gen / Mor­gen ist der „Faul­pelz-Tag“

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Chris­ti­ne Süß-De­muth

Freiburg. Chil­len und in der Hän­ge­mat­te ent­span­nen – da­zu braucht es kei­nen ex­tra „Faul­pelz-Tag“, wie ihn ei­ni­ge am 10. August be­ge­hen. Wis­sen­schaft­ler emp­feh­len, öf­ter mal aus dem Hams­ter­rad aus­zu­stei­gen: „Ein­fach Faul­sein und se­hen, was mit ei­nem pas­siert“.

Faul­pel­ze ha­ben es in der Gesellschaft schwer. Dies be­wei­sen Sprü­che wie „Mü­ßig­gang ist al­ler Las­ter An­fang“oder „Was du heu­te kannst be­sor­gen, das ver­schie­be nie auf mor­gen“. Wäh­rend in der An­ti­ke Mu­ße ein Ide­al war, gel­ten Fleiß, Ef­fi­zi­enz und Ef­fek­ti­vi­tät heu­te als er­stre­bens­wert, nicht nur im Beruf, son­dern auch in der Freizeit.

Trotz­dem – oder ge­ra­de dar­um – sehnt sich manch ei­ner in ein mär­chen­haf­tes Schla­raf­fen­land, in dem Faul­heit ei­ne Tu­gend und Fleiß ei­ne Sün­de ist: Ein­fach un­ter ei­nem Baum lie­gen und le­cke­re Spei­sen flie­gen ei­nem Mund.

Ähn­lich wird jähr­lich der 10. August als „Faul­pelz-Tag“auch in so­zia­len Netz­wer­ken ze­le­briert. Die Tipps sind sim­pel: Ein­fach im Bett lie­gen blei­ben und den Piz­za-Lie­fer­dienst an­ru­fen. Über den Ur­sprung des Spaß-Tags, der aus den USA stammt und dort vor ei­ni­gen Jah­ren als „Na­tio­nal La­zy Day“auf­tauch­te, ist nichts be­kannt. Vi­el­leicht geht er auf ei­nen Scherz zu­rück, auf je­den Fall fin­det er zahl­rei­che Nach­ah­mer – der Ge­dan­ke an ei­nen fau­len Tag im Som­mer ist wohl ein­fach zu ver­lo­ckend. An der Uni­ver­si­tät Freiburg be­schäf­ti­gen sich Ex­per­ten wis­sen­schaft­lich mit der Aus­zeit vom All­tags­stress: Im Son­der­for­schungs­be­reich „Mu­ße“ar­bei­ten Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, So­zio­lo­gen, Eth­no­lo­gen, Psy­cho­lo­gen, Me­di­zi­ner, Phi­lo­so­phen und Theo­lo­gen in­ter­dis­zi­pli­när zu­sam­men. Auch sie wis­sen nichts über den Er­fin­der des Eh­ren­tags des Faul­pel­zes: „Lei­der sind wir wohl zu faul ge­we­sen, um das zu re­cher­chie­ren“, scherzt Eli­sa­beth Cheau­ré, Spre­che­rin der For­schungs­grup­pe.

Für die Wis­sen­schaft­ler steht je­doch fest: Mu­ße ist kei­nes­wegs nur Nichts­tun. Viel­mehr über­schrei­te die Mu­ße Ge­gen­sät­ze wie Ar­beit und Freizeit, Be­schleu­ni­gung und Ent­schleu­ni­gung, Tä­tig­keit und Un­tä­tig­keit. Der Frei­bur­ger Ger­ma­nist Pe­ter Riedl, Vor­stand im For­schungs­be­reich, be­schreibt es so: „Mu­ße ist ein selbst­be­stimm­tes frei­es Ver­wei­len in der Zeit.“

Eli­sa­beth Cheau­ré erkennt kei­nen Wi­der­spruch zwi­schen Ar­beit und Mu­ße: „Ich kann auch mit Mu­ße ar­bei­ten“. Un­tä­tig­keit wer­de oft mit Faul­heit gleich­ge­setzt und sei im Ge­gen­satz zur Mu­ße ne­ga­tiv be­setzt, sagt die Sla­wis­tin. Tat­säch­lich sei die Gren­ze zwi­schen Mu­ße und Faul­heit je­doch flie­ßend: „Wer be­stimmt ei­gent­lich, ob ich faul bin oder Mu­ße ha­be?“

Nicht nur für den 10. August emp­fiehlt die Mu­ße-For­sche­rin: „Ein­fach mal Faul­sein und se­hen, was mit ei­nem pas­siert“. Faul­heit kön­ne ein sehr pro­duk­ti­ver Zu­stand sein. „Wenn ich still da­sit­ze, kom­me ich in ei­nen Zu­stand, in dem die Ge­dan­ken flie­gen und Zeit kei­ne Rol­le mehr spielt. Ich nut­ze den Raum selbst­be­stimmt in mei­nem ei­ge­nen Rhyth­mus.“

Die wis­sen­schaft­li­che Be­schäf­ti­gung mit der Mu­ße hat auch die Wis­sen­schaft­le­rin ver­än­dert: „Jetzt ha­be ich kein schlech­tes Ge­wis­sen mehr, wenn ich mal ei­nen Tag nichts ma­che“, sagt Cheau­ré. Es tue gut, aus dem Hams­ter­rad aus­zu­stei­gen. Da­nach ge­he die Ar­beit viel leich­ter und schnel­ler von der Hand. Ge­gen die „Atem­lo­sig­keit als Sta­tus­sym­bol“, „Zei­t­raf­fer­men­ta­li­tät“und „Be­schleu­ni­gungs­wahn“wen­det sich auch der Theo­lo­ge und Pu­bli­zist Ful­bert Stef­fens­ky. Er hat fest­ge­stellt, dass die Mu­ße es schwer hat in ei­ner Zeit, in der der „Glau­be an Gott durch den Glau­ben an die Ef­fi­zi­enz er­setzt“wor­den sei. Die Ge­schäf­tig­keit ha­be auch die Got­tes­diens­te er­reicht, kri­ti­siert er in sei­nem Auf­satz „Spie­len und Schwei­gen. Mu­ße braucht un­ge­jag­te Zeit“. Der Zwang, Got­tes­diens­te in­ter­es­sant und span­nend zu ma­chen, stö­re das Mo­ment der Mu­ße. Denn ei­gent­lich sei­en Got­tes­diens­te „die schöns­ten Stel­len der frei­en Ab­sichts­lo­sig­keit, der Mu­ße und des Spiels“, schreibt Stef­fens­ky.

In der Bi­bel selbst ist das Nichts­tun an meh­re­ren Stel­len ver­pönt: Faul­pel­ze soll­ten sich die Amei­se als Bei­spiel neh­men, heißt es in den bi­bli­schen Sprü­che Sa­lo­mos im sechs­ten Ka­pi­tel: Oh­ne An­trei­ber be­rei­te sie doch „ihr Brot im Som­mer und sam­melt ih­re Spei­se in der Ern­te“. Auch Martin Lu­ther (1483–1546) mein­te of­fen­bar, dass der Mensch zum Ar­bei­ten ge­bo­ren sei: „Von Ar­beit stirbt kein Mensch, aber vom Mü­ßig­ge­hen kom­men die Leu­te um Leib und Le­ben.“

Hun­dert­pro­zen­tig über­zeugt war aber wohl auch er nicht. Denn den Wert der Mu­ße hat er durch­aus er­kannt. Über­lie­fert ist von ihm auch fol­gen­des Zitat: „Man dient Gott auch durch Nichts­tun, ja durch kei­ne Sa­che mehr als durch Nichts­tun“.

„Gren­ze zwi­schen Mu­ße und Faul­heit ist flie­ßend“

CHILL MAL: Um run­ter­zu­kom­men und zu ent­span­nen braucht es kei­nen ex­tra „Faul­pelz-Tag“, der mor­gen an­steht. Fo­to: dpa

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