Wet­ter­pro­gno­sen – ein viel­stim­mi­ger Chor

Sta­bi­ler Hoch­druck, gu­te Vor­her­sa­ge­qua­li­tät / Aus ei­ner Qu­ell­wol­ke ent­steht in kur­zer Zeit ein aus­ge­wach­se­nes Ge­wit­ter

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Frü­her wur­de im Som­mer im­mer auf die Ozon­ge­fahr hin­ge­wie­sen. Und jetzt wird der Ozon nicht ein­mal mehr er­wähnt. War­um?

Jung: Das The­ma bo­den­na­hes Ozon, und nur dar­um ging es bei den vie­len Ozon­war­nun­gen, hat sich et­was re­du­ziert. Es ist ein­fach nicht mehr so dra­ma­tisch wie frü­her. Es ist aus Au­to­ab­ga­sen ent­stan­den. Doch heu­te gibt es fast in al­len Au­tos sehr gu­te Ka­ta­ly­sa­to­ren. Ozon ist im­mer noch ein Pro­blem, das hat sich aber deut­lich re­du­ziert. Fe­in­staub ist da­ge­gen mehr in den Fo­kus ge­rückt.

Wie sta­bil sind Wet­ter­pro­gno­sen?

Jung: Wie gut oder schlecht Wet­ter­pro­gno­sen sind, hat mit der chao­ti­schen At­mo­sphä­re zu tun. Wet­ter­mo­del­le ge­ra­ten an ih­re Gren­zen, wenn die Wet­ter­la­gen sehr tur­bu­lent und wech­sel­haft wer­den. Wir kön­nen un­mög­lich am Vor­tag ge­nau sa­gen, wo und wann Schau­er oder Ge­wit­ter nie­der­ge­hen wer­den. Man­che Apps gau­keln ge­nau das aber vor und tun so, als könn­ten sie ge­nau den Ort be­stim­men. Das ist aber falsch. Man kann am Vor­tag ma­xi­mal sa­gen: Mor­gen kann es in die­ser Re­gi­on Ge­wit­ter ge­ben, wo ge­nau kann man aber nicht sa­gen. Wie gut ei­ne Pro­gno­se ist und wie weit man noch in die Zukunft ge­hen kann, das hängt sehr von der Groß­wet­ter­la­ge ab. Hat man ein sta­bi­les Hoch, dann kann man fünf bis bis sie­ben Ta­ge vor­her tol­le Pro­gno­sen ab­ge­ben. Ist die Wet­ter­la­ge sehr wech­sel­haft, kann ei­ne Pro­gno­se schon für 24 St­un­den schwie­rig sein.

War­um wird der Stadt­be­reich Karls­ru­he so gut wie nie von rich­ti­ge Ge­wit­tern ge­trof­fen?

Jung: Das ist ein­fach nur Glück. Das hat auch nichts mit an­geb­li­chen Wet­ter­schei­den zu tun. Die Ge­wit­ter sind so ge­zo­gen, wie sie nun mal ge­zo­gen sind: meist um die Stadt her­um.

Es fällt auf, dass die ver­schie­de­nen Wet­ter­diens­te ih­re Ba­sis­da­ten von to­tal ver­schie­de­nen Stand­or­ten be­zie­hen und dar­aus ih­re Pro­gno­sen ent­wi­ckeln. War­um ist das so? Jung: Das ist seit ei­ni­gen Ta­gen an­ders. Seit En­de Ju­li dür­fen al­le auf das ge­sam­te Mess­netz des Deut­schen Wet­ter­diens­tes zu­grei­fen. Al­ler­dings gibt es da­ne­ben noch pri­va­te Wet­ter­diens­te, die wie­der­um ei­ge­ne Sta­tio­nen be­trei­ben, auf die nur sie selbst zu­grei­fen kön­nen. Kann ei­ne kurz­fris­ti­ge War­nung vor der Ge­fahr von „Stark­re­gen“in ei­nem vor­ge­ge­be­nen Be­reich mit Hil­fe ei­ner op­ti­mier­ten Be­ob­ach­tung mög­lich ge­macht wer­den?

Mühr: Die prä­zi­se Vor­her­sa­ge von Ge­wit­tern mit all den ver­bun­de­nen Be­gleit­erschei­nun­gen wie Stark­re­gen, Ha­gel oder Sturm­bö­en ge­hört zu den größ­ten Her­aus­for­de­run­gen in der Wet­ter­vor­her­sa­ge über­haupt – wann und wo tritt ein Ge­wit­ter mit wel­cher In­ten­si­tät auf? Die Vor­her­sa­ge ge­stal­tet sich des­halb so schwie­rig, weil in­ner­halb von nur zehn bis 30 Mi­nu­ten aus ei­ner un­schein­ba­ren Qu­ell­wol­ke ein aus­ge­wach­se­nes und hef­ti­ges Ge­wit­ter her­an­rei­fen kann. Und so­lan­ge das Ge­wit­ter noch nicht ent­stan­den ist, lässt es sich nicht kon­kret vor­her­sa­gen. In der Tat stel­len ak­tu­el­le und mög­lichst ver­ständ­lich ge­hal­te­ne Nie­der­schlags­ra­dar­bil­der oder Echt­zeit-Blitz­in­for­ma­tio­nen die bes­te Mög­lich­keit dar, die In­ten­si­tät von Ge­wit­tern und ih­ren Star­knie­der­schlags­be­rei­chen ein­zu­schät­zen und be­trof­fe­ne Ge­bie­te kurz­fris­tig zu be­war­nen.

Hat der Wet­ter­be­richt er­heb­lich an Zu­ver­läs­sig­keit ver­lo­ren?

Mühr: Wäh­rend frü­her der Deutsche Wet­ter­dienst als mehr oder we­ni­ger ein­zi­ger „An­bie­ter“prä­sent war und es in den da­mals auch we­ni­ger zahl­rei­chen Me­di­en zu oft­mals so­gar im Wort­laut glei­chen Wet­ter­pro­gno­sen kam, tum­meln sich heu­te zahl­rei­che An­bie­ter auf dem Vor­her­sa­ge-Markt. Und so kom­men die vie­len Wet­ter­pro­gno­sen manch­mal wie ein viel­stim­mi­ger Chor da­her. Trotz­dem – die Qua­li­tät der Wet­ter­vor­her­sa­ge hat in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten dank ver­bes­ser­ter Wet­ter­vor­her­sa­ge­mo­del­le und ent­spre­chen­der Rech­ner­ka­pa­zi­tä­ten gro­ße Fort­schrit­te ge­macht.

We­ni­ger Ge­wit­ter gab es im Raum Karls­ru­he als frü­her – trifft das zu?

Mühr: Die Aus­wer­tung der Blitz­or­tung der letz­ten 17 Jah­re weist den Raum Karls­ru­he je­den­falls als das Ge­biet mit der durch­schnitt­lich ge­rings­ten Blitz­dich­te in ganz Ba­den-Würt­tem­berg aus.

Wie ist das mit re­gio­na­len Un­ter­schie­den beim Nie­der­schlag?

Mühr: Durch das recht dich­te Nie­der­schlags-Be­ob­ach­tungs­netz im Land las­sen sich Tat­sa­chen her­aus­ar­bei­ten, wie un­ter­schied­lich die Re­gen­sum­men et­wa zwi­schen Ober­rhein­gra­ben und Schwarz­wald ver­teilt sind. Karls­ru­he misst im Jah­res­schnitt 770 Mil­li­me­ter, in Bad Her­re­n­alb, ge­ra­de ein­mal 200 Me­ter hö­her ge­le­gen, sind es dop­pelt so viel.

EIN BLITZZENTRUM ist der Raum Karls­ru­he nicht. Im Ge­gen­teil wird dort die lan­des­weit ge­rings­te Blitz­dich­te im gan­zen Land re­gis­triert.

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