Mit ei­ner Rol­le rück­wärts zu Kaf­ka

Co­mic­zeich­ner Marc-An­toi­ne Ma­thieu im Mu­se­um für An­ge­wand­te Kunst Frankfurt

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Kein Wun­der, dass die­ser Typ nicht die Haupt­per­son ist. Da­für ist er ein­fach viel zu grau und un­schein­bar mit sei­nem lan­gen Mantel, mit Hut und Ak­ten­ta­sche. Und na­men­los ist er auch noch. Aber statt­des­sen ein schwar­zer Rich­tungs­pfeil als Star der Ge­schich­te? Eher un­ge­wöhn­lich, aber Mar­cAn­toi­ne Ma­thieu macht es mög­lich. Der fran­zö­si­sche Co­mic­zeich­ner schickt den grau­en Typ auf ei­ne Rei­se, im­mer den schnell wech­seln­den Pfei­len hin­ter­her­ja­gend, auch durch un­wirt­li­che Land­schaf­ten. Es ist ei­ne Sinn­su­che in Bil­dern, die ganz oh­ne Text aus­kommt.

Et­was von die­sem Ge­fühl der Sinn­su­che be­schleicht auch den Be­su­cher, wenn er im Frank­fur­ter Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst die Schau über den Fran­zo­sen be­tritt. Schon beim Ein­gang kann er zwi­schen links und rechts wäh­len. Spä­ter steht er vor dem grau­en Typ, der ge­bannt auf ein Ge­wirr an Rich­tungs­pfei­len blickt. Die Mu­se­ums­räu­me hin­ge­gen sind in strah­len­des Weiß ge­taucht, mit fünf Ein­gän­gen, die zum Werk Ma­thieus füh­ren.

Wer das rich­ti­ge Tor wählt, kann chro­no­lo­gisch an Dru­cken und Zeich­nun­gen ein Dut­zend von Ma­thieus Bü­chern stu­die­ren. Die an­de­ren Ein­gän­ge füh­ren zu Ni­schen mit klei­nen Epi­so­den. Ma­thieu ist in sei­ner Hei­mat ein Star, bei uns ist er nur In­si­dern ein Be­griff. Das könn­te sich bald än­dern dank der ge­schickt in­sze­nier­ten Über­sichts­aus­stel­lung, die den 57-Jäh­ri­gen als „be­gna­de­ten Re­gis­seur“zeigt, wie Ku­ra­tor David Bei­kirch zu Recht meint. Die Schau ge­hört zum Pro­gramm der Frank­fur­ter Buch­mes­se mit dem dies­jäh­ri­gen Eh­ren­gast Frank­reich.

Ma­thieu ist ein eben­so vir­tuo­ser wie pe­ni­bler Zeich­ner, der aus klei­nen und gro­ßen Bau­ten im­mer wie­der neue Er­zähl­räu­me ent­wi­ckelt, die den Be­trach­ter tie­fer in die je­wei­li­ge Ge­schich­te zie­hen. Im­mer nur in Schwarz-Weiß wohl­ge­merkt, und im­mer aus ei­ner un­schein­ba­ren Li­nie er­wach­send. Gut zu über­prü­fen an et­li­chen Co­mics, die auch in Deutsch­land er­schie­nen sind.

Sein frü­hes­tes Werk, „Der Ur­sprung“von 1990, han­delt von ei­nem An­ge­stell­ten im Mi­nis­te­ri­um für Hu­mor na­mens Ju­li­us Co­ren­tin Ac­que­fac­ques. Mitt­ler­wei­le sind dar­aus sechs Bän­de ge­wor­den – und dass die viel mit Franz Kaf­ka, aber auch mit dem ab­sur­den Thea­ter zu tun ha­ben, merkt der Be­trach­ter rasch. Stän­dig wech­selt nicht nur die Per­spek­ti­ve zwi­schen links und rechts, oben und un­ten, stän­dig kommt dem Prot­ago­nis­ten auch et­was da­zwi­schen. So kann er nicht ein­fach mit dem Zug fah­ren, son­dern muss war­ten, bis der Bahn­hof vor­bei­kommt. Un­sicht­ba­re Mäch­te schei­nen zu re­gie­ren, oft auch nach ih­ren Be­lie­ben al­les zu re­gu­lie­ren. Das ist mit viel Witz ge­zeich­net, er­gänzt von mal ba­na­len, mal fast phi­lo­so­phi­schen Tex­ten. Und wer den Nach­na­men des Hel­den laut liest, wird die klang­li­che Rol­le rück­wärts zu Kaf­ka ent­de­cken.

„Der An­fang vom En­de“heißt der vier­te Teil um den Kaf­ka-Co­mi­cMann, der al­les falsch her­um er­lebt. Nach der Ra­sur be­merkt er den wie­der vor­han­de­nen Bart, vor­wärts kommt er durch rück­wärts­ge­hen, und sein Ge­gen­über be­grüßt er mit „Auf Wie­der­se­hen“. Auch das Buch lässt sich so­wohl vom Be­ginn wie auch vom En­de her le­sen. Ac­que­fac­ques ist in ei­ner Traum­welt ge­fan­gen, der er erst mit ei­nem Schritt durch ei­nen Spie­gel ent­kommt. Ma­thieu ist der ex­pe­ri­men­tier­freu­digs­te Co­mic­zeich­ner der Ge­gen­wart. In „3 Se­kun­den“folgt der Le­ser ei­nem Licht­strahl, der in ra­san­tem Tem­po stän­dig wech­seln­de Per­spek­ti­ven bie­tet, wie­der­um kom­plett oh­ne Text. Al­les be­ginnt, als ein Mann auf sein Han­dy blickt und in der Fo­to­lin­se ei­nen an­de­ren Mann ent­deckt, der schein­bar ei­ne Pistole auf ihn rich­tet. Durch die­se Szene zoomt Ma­thieu in im­mer wei­te­re Spie­ge­lun­gen und Re­fle­xio­nen, legt den Kern der Sto­ry nach und nach frei, ähn­lich wie bei ei­ner Zwie­bel. Der­art ver­blüfft ist wohl noch kein Le­ser durch Raum und Zeit ge­irrt, fas­zi­niert von der ful­mi­nan­ten Fa­bu­lier­lust des Fran­zo­sen. Chris­ti­an Hu­ther

Ser­vice

STÄNDIGER PERSPEKTIVENWECHSEL, auch zwi­schen oben und un­ten, be­stimmt die ei­ner Traum­lo­gik fol­gen­den Bil­der­zäh­lun­gen von Marc-An­toi­ne Ma­thieu. Fo­to: MAK

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