Eis schle­cken für die Gesundheit?

In Ita­li­en wird „funk­tio­na­les Eis“ge­tes­tet

Pforzheimer Kurier - - BLICK IN DIE WELT - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Tho­mas Mig­ge

Rom. Ita­li­en ist in­ter­na­tio­na­ler Spit­zen­rei­ter in Sa­chen „ge­la­to“, Spei­se­eis. In kei­nem an­de­ren Land der Welt wird so­viel Spei­se­eis pro­du­ziert und kon­su­miert. Nir­gend­wo sonst in­ves­tie­ren Un­ter­neh­men so viel Geld in die Ent­wick­lun­gen neu­er Tech­no­lo­gi­en und in die Forschung in Sa­chen „ge­la­to“.

Mit rund 25 000 „ge­la­te­rie“, Eis­die­len, ist die Halb­in­sel über­zo­gen. Der In­dus­trie­sek­tor Eis pro­du­ziert pro Jahr rund zwölf Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz. Je­des Jahr wer­den drei bis fünf Pro­zent mehr Spei­se­eis ver­kauft. Die seit 38 Jah­ren jähr­lich statt­fin­den­de größ­te und wich­tigs­te Spei­se­e­is­mes­se Si­gep zog im ver­gan­ge­nen Jahr et­wa 190 000 Be­su­cher an, knapp 40 000 aus dem Aus­land. Un­ge­fähr 38 000 Spei­se­e­is­pro­du­zen­ten gibt es in Ita­li­en, da­zu ge­hört auch ei­ne Viel­zahl von Eis­die­len und Kon­di­to­rei­en, die „ge­la­to“her­stel­len.

Ita­li­ens Un­ter­neh­men, die die Ma­schi­nen zur Her­stel­lung von Spei­se­eis pro­du­zie­ren, de­cken zu 90 Pro­zent den glo­ba­len Markt ab. Kein Wun­der, dass die Spei­se­e­is­for­schung in Ita­li­en auch an Hoch­schu­len be­trie­ben wird. Wie et­wa in Rom, an der Uni­ver­si­tät Tor Ver­ga­ta.

Un­ter Lei­tung der Le­bens­mit­tel­bio­lo­gin An­to­nella Ca­ni­ni, über­zeug­te Eis­schle­cke­rin, wer­den neue Eis­sor­ten er­forscht. Nichts exo­ti­sches, um be­son­ders wäh­le­ri­sche Fein­schme­cker zu be­frie­di­gen, son­dern um der Me­di­zin un­ter die Ar­me zu grei­fen. „Vie­le Men­schen es­sen gern Eis und das Spei­se­eis kann da­bei hel­fen, kran­ken Men­schen bei der Ver­sor­gung mit in der Na­tur vor­han­de­nen me­di­ka­men­tö­sen Zutaten be­hilf­lich zu sein“, er­klärt Fach­frau Ca­ni­ni. Die Le­bens­mit­tel­bio­lo­gin er­forscht und tes­tet Spei­se­eis mit na­tür­li­chen Zu­sät­zen, die bei be­stimm­ten kör­per­li­chen Beschwerden und auch Krank­hei­ten heil­sam sind. „Wir tes­ten Eis mit Ome­ga 3, mit An­ti­oxi­dan­ti­en, um auf die­se Wei­se das Le­cke­re mit dem Sinn­vol­len zu ver­bin­den“, so An­to­nella Ca­ni­ni.

In die­sen Wo­chen, wäh­rend we­gen der un­ge­wöhn­lich ho­hen, tro­pi­schen Tem­pe­ra­tu­ren der Spei­se­e­is­kon­sum in Ita­li­en enorm an­ge­stie­gen ist, tes­ten Ca­ni­ni und ihr Team Eis mit hoch do­sier­ten Ex­trak­ten des Lö­wen­zahn. Der ist nicht nur blut­bil­dend, son­dern auch brut­rei­ni­gend, harn­trei­bend und hilft bei Gicht, Gal­len­stei­nen, Kopf­schmer­zen, Wech­sel­jahr­be­schwer­den und Ver­stop­fung.

Test­eis mit To­ma­ten­ex­trak­ten ent­hält ho­he Do­sen an Ly­co­pin. Das sind An­ti­oxi­dan­ti­en und so­mit so­ge­nann­te Ra­di­kal­fän­ger, die be­stimm­te re­ak­ti­ons­freu­di­ge Mo­le­kü­le im mensch­li­chen Kör­per, die der Gesundheit scha­den, un­schäd­lich ma­chen kön­nen. Spei­se­eis mit Ly­co­pin kann sinn­voll sein im Kampf ge­gen die Ent­ste­hung von Pro­sta­ta­krebs und Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen. Das von

Heil­sa­me Stof­fe aus Pfef­fer­minz und To­ma­te

Ca­ni­ni ent­wi­ckel­te Eis mit ei­ner ho­hen Pfef­fer­minz­kon­zen­tra­ti­on soll, so die For­sche­rin, „Pa­ti­en­ten mit chro­ni­schen Ma­gen- und Darm­be­schwer­den hel­fen“.

Die neu­en Spei­se­e­is­sor­ten aus dem Unil­a­bo­ra­to­ri­um sol­len kei­ne Me­di­ka­men­te er­set­zen, „was auch gar nicht un­ser Ziel ist“, er­klärt Ca­ni­ni, „aber sie kön­nen bei der Vor­sor­ge hilf­reich sein“. Das be­deu­tet, dass man das For­schungs­spei­se­eis re­gel­mä­ßig schle­cken soll, vor al­lem wäh­rend man un­ter ei­nem phy­si­schen Pro­blem lei­det. Ge­forscht wird auch an Spei­se­eis mit Do­pa­min­zu­sät­zen. Do­pa­min ist ein er­re­gend wir­ken­der Neu­ro­trans­mit­ter, der, wenn er im Ge­hirn im­mer we­ni­ger pro­du­ziert wird, Mor­bus Par­kin­son und Alz­hei­mer her­vor­ru­fen kann. Ein ent­spre­chen­des Spei­se­eis mit hoch do­sier­ten Ex­trak­ten et­wa aus Nüs­sen kann Hirn­zel­len zur Do­pa­min­pro­duk­ti­on an­re­gen. Ca­ni­ni und ihr Team wol­len mit ih­rer Forschung kei­ne fal­schen Hoff­nun­gen we­cken. „Un­ser funk­tio­na­les Eis kann kei­ne Me­di­ka­men­te er­set­zen, aber es kann hel­fen, be­stimm­te funk­tio­na­le Stof­fe auf ge­sun­de und na­tür­li­che Art zu sich zu neh­men“.

Im kom­men­den Jahr sol­len die ers­ten Sor­ten des „funk­tio­na­len Spei­se­eis“auf den ita­lie­ni­schen Markt kom­men. Schon jetzt ist ab­zu­se­hen, dass die­ses Eis zu ei­nem riesigen Bu­si­ness wer­den wird. Und si­cher­lich auch vie­le Schle­cker­mäu­ler be­geis­tern wird.

LE­CKE­RE VIEL­FALT: Vie­le Eis­die­len lo­cken mit ei­ner brei­ten Pa­let­te von Ge­schmacks­rich­tun­gen, vom klas­si­schen Erd­bee­re bis zu aus­ge­fal­le­nen Neu­hei­ten wie sal­zi­gem Ka­ra­mell. Ita­lie­ni­sche For­scher wol­len Eis nun auch noch ge­sund­heits­för­dernd ma­chen. Fo­to: dpa

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