Unend­li­che Ge­schich­te

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

MAR­TIN FERBER

Es ist der BER des Ge­sund­heits­we­sens. So wie der Ber­li­ner Groß­flug­ha­fen BER als ewi­ge Bau­stel­le nie­mals fer­tig wird und ei­ne Mil­li­ar­de nach der an­de­ren ver­schlingt, prä­sen­tiert sich auch die elek­tro­ni­sche Ge­sund­heits­kar­te als ei­ne unend­li­che Ge­schich­te, die zwar viel Geld kos­tet, aber ih­rem Ziel nicht nä­her kommt. Und wie beim BER geht es um küh­ne Träu­me, die an den schrof­fen Klip­pen der Rea­li­tät zer­schel­len.

Als die Idee der Ge­sund­heits­kar­te auf­kam, auf de­ren Chip die kom­plet­te Kran­ken­ak­te ein­schließ­lich al­ler Un­ter­la­gen so­wie al­le ver­ord­ne­ten Me­di­ka­men­te ge­spei­chert wer­den sol­len, re­gier­te in Berlin noch Rot-Grün und die Di­gi­ta­li­sie­rung steck­te in den Kin­der­schu­hen. Seit­dem hat sich die Tech­nik ra­sant ent­wi­ckelt, ein klei­nes Smart­pho­ne kann mehr als ein PC da­mals konn­te, die Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten ei­nes Chips ha­ben sich ins schein­bar Unend­li­che ver­grö­ßert und an Ge­sund­heits-Apps, die das Blaue vom Him­mel ver­spre­chen, herrscht kein Man­gel. Nur die E-Card gibt es noch im­mer nicht, ob­wohl für ih­re Ent­wick­lung be­reits rund 1,7 Mil­li­ar­den aus­ge­ge­ben wur­den. Im­mer­hin, ein Test bei ei­ni­gen

aus­ge­wähl­ten Arzt- und Zahn­arzt­pra­xen so­wie sechs Kli­ni­ken ging eben an­geb­lich er­folg­reich zu En­de, wie Ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Grö­he sagt. Von ei­nem Schei­tern des ehr­gei­zi­gen Pro­jekts will der Mi­nis­ter denn auch nichts wis­sen.

Nicht zu­letzt hat sich auch die Ein­stel­lung ge­gen­über der Kar­te ge­än­dert. Sah man an­fangs vol­ler Eu­pho­rie vor al­lem die Chan­cen, die sich für die Pa­ti­en­ten wie das Ge­sund­heits­sys­tem er­ge­ben, ste­hen nun die Ri­si­ken im Mit­tel­punkt. Wer hat al­les Zu­griff auf die Da­ten? Wie wer­den die In­for­ma­tio­nen über in­tims­te De­tails ei­nes Men­schen wie sei­ne Krank­hei­ten, psy­chi­sche Pro­ble­me, mög­li­che Ab­hän­gig­kei­ten oder sein Ta­blet­ten­kon­sum vor ei­nem miss­bräuch­li­chen Zu­griff ge­schützt? Kön­nen Ha­ckerAn­grif­fe aus­ge­schlos­sen wer­den? Will man wirk­lich zum glä­ser­nen Pa­ti­en­ten wer­den, des­sen kom­plet­te Kran­ken­ge­schich­te per Knopf­druck auf­ge­zeigt wird? Auch nach elf Jah­ren sind die­se Fra­gen nicht be­frie­di­gend be­ant­wor­tet wor­den und näh­ren das Miss­trau­en vor ei­ner Kar­te, die al­les preis­gibt und nichts ver­gisst.

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