Ge­hört die Aus­nah­me zur Re­gel?

Kul­tur­sze­ne kri­ti­siert Stadt­po­li­tik scharf we­gen feh­len­den Wett­be­werbs

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE -

Mit dem Ge­mein­de­rats­be­schluss ist der Streit über das Lü­pertz-Goll-Ma­jo­li­ka-Kun­stpro­jekt für 14 U-Stra­bBahn­stei­ge nicht be­en­det. Nicht be­leg­ba­re The­sen von Pro­mo­ter An­ton Goll zu ei­ner welt­wei­ten Strahl­kraft der Fä­cher­stadt durch die un­ter­ir­di­schen Schöp­fungs­ge­schich­te und zu ei­ner ver­meint­li­chen Wel­le der Un­ter­stüt­zung sor­gen für Ge­sprächs­stoff bei den Bür­gern. Vor al­lem aber ru­mort es in der Kunst­sze­ne: Der Protest ge­gen die Ab­wei­chung der Stadt­po­li­tik von de­ren ei­ge­ner Ver­ga­be­leit­li­nie wächst. Bis­lang ha­ben ZKM-Di­rek­tor Pe­ter Wei­bel so­wie der Ma­ler Joa­chim Czi­chon als ein­zi­ge die­ses Vor­ge­hen öf­fent­lich scharf kri­ti­siert.

Ge­gen Lü­pertz-Ex­tra­kurs

Den BNN ist aber in­zwi­schen durch si­che­re Qu­el­len be­kannt, dass na­he­zu die kom­plet­te Karls­ru­her Kul­tur­welt, dar­un­ter die wich­tigs­ten In­sti­tu­tio­nen der Kunst­aus­stel­lung, den Lü­pert­zEx­tra­kurs der Stadt­po­li­tik ka­te­go­risch ab­leh­nen. Aus Scheu vor Kon­se­quen­zen hält man sich zu­rück.

Da­bei gibt es Be­stre­bun­gen, dass der Kul­tur­kreis in der Fä­cher­stadt doch noch mit ei­ner Re­so­lu­ti­on die Öf­fent­lich­keit sucht. Es geht um die Fra­ge: Muss Kunst am öf­fent­li­chen Bau­werk oder auf öf­fent­li­chem Platz – auch wenn ein in­ter­na­tio­na­ler Groß­meis­ter wie Mar­kus Lü­pertz da­zu sei­ne Schöp­fungs­kraft an­bie­tet – zwin­gend für ei­nen frei­en Wett­be­werb der Künst­ler aus­ge­schrie­ben wer­den? Da­zu sa­gen heu­te al­le Be­tei­lig­ten im Prin­zip ein­deu­tig Ja. Der Ge­mein­de­rat steht al­so ge­ne­rell zu sei­ner Selbst­ver­pflich­tung. Wenn er nun aber mehr­heit­lich wie im Fall „Lü­pertz-Goll“ei­ne Aus­nah­me von der Re­gel macht, ist die Auf­re­gung aus meh­re­ren Grün­den groß. Zum ei­nen ha­ben die vier künst­le­ri­schen Bei­rä­te der städ­ti­schen Kunst­kom­mis­si­on in­tern un­miss­ver­ständ­lich er­klärt, dass sie gar nichts von ei­ner Aus­nah­me für den Su­per­star, al­so ei­ner „Lex-Lü­pertz“, hal­ten.

„Re­geln nicht ein­ge­hal­ten“

Zum an­de­ren hat Ober­bür­ger­meis­ter Frank Mentrup vor dem Be­schluss dem Ge­mein­de­rat ge­sagt: „Sie ha­ben sich selbst Re­geln zum The­ma Kunst im öf­fent­li­chen Raum ge­ge­ben. Die wer­den aus vie­ler­lei Per­spek­ti­ve hier im Raum dies­mal nicht ein­ge­hal­ten. Um­so wich­ti­ger ist es, dass Sie dann auch dar­über ent­schei­den, ob Sie in die­sem ein­zel­nen Fall da­von ab­wei­chen oder nicht.“

1983 hat der Ge­mein­de­rat die „Richt­li­ni­en der Stadt Karls­ru­he für die Be­tei­li­gung Bil­den­der Künst­ler an Bau­vor­ha­ben und an der Gestal­tung des öf­fent­li­chen Raums“be­schlos­sen. Dar­in be­kennt sich die Stadt „zur her­aus­ra­gen­den Be­deu­tung des öf­fent­li­chen Rau­mes für das Stadt­bild und für die Men­schen in der Stadt“. Die künst­le­ri­schen Bei­trä­ge bei öf­fent­li­chen Bau­maß­nah­men und im öf­fent­li­chen Raum soll­ten des­halb „in ih­rer Qua­li­tät die­ser Be­deu­tung Rech­nung tra­gen“.

Wett­be­werb auch bei Ge­schenk

Die­sem Prin­zip will man in der Pra­xis ge­recht wer­den, in­dem man Wett­be­wer­be vor­schreibt. Wört­lich heißt es in den Richt­li­ni­en: „Die­ser An­spruch er­for­dert bei al­len von der Stadt und ih­ren Ge­sell­schaf­ten ver­an­lass­ten künst­le­ri­schen Gestal­tun­gen im Zu­sam­men­hang mit Bau­vor­ha­ben und im öf­fent­li­chen Raum die Durch­füh­run­gen von Kunst­wett­be­wer­ben und ei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung un­ter Ein­be­zie­hung an­er­kann­ter kunst­sach­ve­stän­di­ger Per­so­nen.“Und es gibt da­bei den Zu­satz: „Die glei­chen Qua­li­täts­maß­stä­be sind zu er­fül­len bei künst­le­ri­schen Gestal­tun­gen im öf­fent­li­chen Raum, die als Schen­kung, Leih­ga­be oder auf­grund bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ments an die Stadt her­an­ge­tra­gen wer­den.“

War­um wird die­se Re­gel nun bei „Goll-Lü­pertz“nicht an­ge­wandt? In der Kul­tur­sze­ne ver­steht man die Karls­ru­her Politik un­ter Ober­bür­ger­meis­ter Mentrup nicht mehr. Wird hier al gus­to ent­schie­den, mal so, mal so? Wird et­wa die Aus­nah­me zur Re­gel, gilt das Prin­zip in der Pra­xis nicht mehr? Die­se Fra­gen wer­den ent­rüs­tet hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand for­mu­liert.

De­mo­kra­tie­de­fekt?

Nur Wei­bel hat sich als Speer­spit­ze des Pro­tests noch vor dem Ge­mein­de­rats­be­schluss mit schar­fer Kri­tik in die Öf­fent­lich­keit ge­traut. Er macht we­gen wie­der­hol­ten Ver­zichts auf Wett­be­wer­be „De­fek­te der De­mo­kra­tie“aus. Vor dem Kunst­fall Lü­pertz-Goll lehn­ten die Groß­in­ves­to­ren Tschi­ra-Stif­tung (Grün­der ist ein SAP-Mil­li­ar­där) bei der KIT-Er­wei­te­rung und Ralf Dom­mer­muth, 1&1 Chef und als Mil­li­ar­där ei­ner der reichs­ten Män­ner der Re­pu­blik, bei Haupt­bahn­hof Süd er­folg­reich ei­nen Wett­be­werb ab. „Wer­den al­so mit der Gestal­tung der U-Bahn-Sta­tio­nen de­mo­kra­ti­sche Rech­te zu­guns­ten der Wohl­ha­ben­den preis­ge­ge­ben?“, fragt Wei­bel.

„Ver­fah­ren in­ak­zep­ta­bel“

Da­bei ha­ben die vier künst­le­ri­schen Bei­rä­te hin­ter den ver­schlos­se­nen Tü­ren der Kunst­kom­mis­si­on kein Blatt vor den Mund ge­nom­men. „Wir se­hen den Vor­schlag sehr kri­tisch – das Ver­fah­ren ist grund­sätz­lich nicht ak­zep­ta­bel“, stel­len An­ja Cas­ser, Di­rek­to­rin des Ba­di­schen Kunst­ver­eins, die bei­den Künst­le­rin­nen Su­san­ne Acker­mann und Bri­git­te No­watz­ke-Kraft so­wie der Ar­chi­tekt Jür­gen Schrö­der fest. Ih­re Mei­nung hat das Stadt­par­la­ment nicht be­rück­sich­tigt. Zu­mal die zehn­köp­fi­ge Kunst­kom­mis­si­on ent­ge­gen al­ler Ge­pflo­gen­hei­ten kei­ne Emp­feh­lung an den Ge­mein­de­rat gab. Dort neu­tra­li­sier­ten sich wohl die Geg­ner, dar­un­ter die vier künst­le­ri­schen Bei­rä­te, und die Be­für­wor­ter, fünf von sechs Stadt­po­li­ti­kern. „Ei­ne Auf­trags­ver­ga­be in die­ser Grö­ßen­ord­nung oh­ne Aus­schrei­bung und Fach­ju­ry, das heißt oh­ne Wett­be­werb und Trans­pa­renz, hal­ten wir für frag­wür­dig“, ur­tei­len die Kunst­bei­rä­te. Zu­dem sei die Fi­nan­zie­rung durch die von Goll zu fin­den­den Spon­so­ren nicht ge­klärt. Ru­pert Huste­de

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