Wei­ter­bil­dung ist mehr als Politik

Lan­des­ar­beits­ge­richt zum Bil­dungs­zeit­ge­setz

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Stutt­gart (dpa/lsw). Un­ter­neh­men in Ba­den-Würt­tem­berg müs­sen ih­re Be­schäf­tig­ten im Rah­men der Bil­dungs­zeit auch für Se­mi­na­re zu so­zi­al- und ge­sell­schafts­po­li­ti­schen The­men frei­stel­len. Der Be­griff der „po­li­ti­schen Wei­ter­bil­dung“, wie er im Ge­setz vor­kommt, sei weit aus­zu­le­gen und be­schrän­ke sich nicht auf Politik im engs­ten Sin­ne, ent­schied das Lan­des­ar­beits­ge­richt in Stutt­gart. Es wies da­mit die Be­ru­fung ei­nes Un­ter­neh­mens ab, das ei­nem Mit­ar­bei­ter die Bil­dungs­zeit ver­wei­gert hat­te (Az. 2 Sa 4/17). Ge­gen das Ur­teil kann Re­vi­si­on beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Der Ver­fah­rens­me­cha­ni­ker hat­te in sei­ner Fir­ma be­an­tragt, für ein Se­mi­nar der IG Me­tall mit dem Ti­tel „Ar­beit­neh­mer(in­nen) in Be­trieb, Wirtschaft und Ge­sell­schaft“frei­ge­stellt zu wer­den. Das Un­ter­neh­men sah dar­in kei­ne po­li­ti­sche Wei­ter­bil­dung im Sin­ne des Bil­dungs­zeit­ge­set­zes und lehn­te ab. Der Mit­ar­bei­ter klag­te und be­kam in ers­ter In­stanz Recht. Sei­ne Fir­ma ging in Be­ru­fung. Bil­dungs­zeit kann für be­ruf­li­che und po­li­ti­sche Wei­ter­bil­dung so­wie für die Wei­ter­bil­dung für be­stimm­te eh­ren­amt­li­che Tä­tig­kei­ten be­an­tragt wer­den. Im Lan­des­ge­setz ist die po­li­ti­sche Wei­ter­bil­dung nicht ein­deu­tig de­fi­niert. Die Rich­ter be­ton­ten nun je­doch, dass sie die völ­ker­recht­li­che In­ter­pre­ta­ti­on des Be­griffs für maß­geb­lich hal­ten. Sie be­rie­fen sich auf ein Über­ein­kom­men der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on (ILO) zu dem The­ma, dem die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land 1976 bei­ge­tre­ten ist. Dar­in sei ex­pli­zit auch von all­ge­mei­ner, so­zia­ler und ge­sell­schaft­li­cher Bil­dung die Re­de – und das Land Ba­denWürt­tem­berg als Ge­setz­ge­ber ha­be aus­drück­lich Be­zug auf in­ter­na­tio­na­le Re­geln ge­nom­men, sag­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter Ul­rich Hen­sin­ger. For­ma­le Grün­de für ei­ne Ab­leh­nung des Bil­dungs­zeit-An­trags, die die Un­ter­neh­mens­sei­te eben­falls vor­ge­bracht hat­te, sah die Kam­mer nicht. Das ak­tu­el­le Ver­fah­ren ist nach An­ga­ben des Ge­richts ei­nes von der­zeit zwölf, die im Zu­sam­men­hang mit dem Bil­dungs­zeit­ge­setz ste­hen – und das ers­te Be­ru­fungs­ver­fah­ren. In fast al­len Fäl­len geht es um den Be­griff „po­li­ti­sche Wei­ter­bil­dung“.

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