Kunst oh­ne Zwän­ge

Alex­an­der Rodt­schen­ko in Colmar

Pforzheimer Kurier - - WAS - WANN - WO - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Isa­bel Step­peler

Colmar. Als Ins­ta­gram noch mi­nus 90 Jah­re alt war und ein ver­schos­se­nes Fo­to fi­nan­zi­el­ler Ver­lust, konn­ten un­ge­wöhn­li­che Per­spek­ti­ven und mar­kan­te Por­traits in der Fo­to­gra­fie noch im­po­nie­ren. Aber: „Das Pio­nier­mäd­chen hat nicht das Recht, nach oben zu schau­en. Das hat kei­nen ideo­lo­gi­schen In­halt. Pio­nier- und Kom­somol-Mäd­chen soll­ten nach vor­ne schau­en.“Die Zei­ten, als die Ar­beit von Alex­an­der Rodt­schen­ko (1891 bis 1956) im Sin­ne des Re­gimes wa­ren, nah­men da­mals ein En­de. Der Kri­ti­ker Iwan Boch­a­now pran­ger­te mit den zi­tier­ten Wor­ten ei­nes der be­rühm­tes­ten Fo­tos von Rodt­schen­ko an, ei­ne Na­h­auf­nah­me von dem ent­schlos­se­nen Ge­sicht ei­nes jun­gen Mäd­chens der rus­si­schen Pio­nie­re. All sei­ne Neue­run- gen in der Ma­le­rei, Bild­haue­rei, Col­la­ge, De­sign und sein so be­son­de­rer Blick in der Fo­to­gra­fie wur­den dem kon­struk­ti­vis­ti­schen Avant­gar­dis­ten in Russ­land zum Ver­häng­nis und muss­ten auf­grund von Kon­flik­ten mit der sta­li­nis­ti­schen Bü­ro­kra­tie ver­stum­men. Rodt­schen­ko fris­te­te die letz­ten 20 Jah­re sei­nes Le­bens in Iso­la­ti­on. „Ich bin ab­so­lut nutz­los, ob ich ar­bei­te oder nicht, ob ich le­be oder nicht. Ich bin jetzt schon so gut wie tot, und ich bin der ein­zi­ge, den es in­ter­es­siert, dass ich le­be. Ich bin ein Un­sicht­ba­rer“, schrieb Rodt­schen­ko nach­dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs in sein Ta­ge­buch.

Da­bei ge­hör­te der in St. Pe­ters­burg ge­bo­re­ne Alex­an­der Rodt­schen­ko zu der Min­der­heit rus­si­scher Künst­ler, die sich nach dem Ok­to­ber 1917 mit der neu­en re­vo­lu­tio­nä­ren Re­gie­rung iden­ti­fi­zier­ten. Kunst im Mu­se­um? Rodt­schen­ko war ab ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt sei­nes Schaf­fens da­ge­gen. Kunst ge­hör­te nach sei­nem Da­für­hal­ten in den All­tag. Ein Mu­se­um ist es frei­lich den­noch, das jetzt ei­nen her­vor­ra­gen­den Rück­blick auf den span­nen­den Wer­de­gang die­ses viel­sei­ti­gen Künst­lers und Pio­niers der Fo­to­kunst im 20. Jahr­hun­dert bie­tet. Und dass man auf dem Weg in die­se Aus­stel­lung an jahr­hun­der­te­al­ten Schät­zen der Kunst wie zum Bei­spiel dem Isen­hei­mer Al­tar von Mat­thi­as Grü­ne­wald vor­bei­kommt, macht den Be­such des Mu­sée Un­ter­lin­den in Colmar erst recht loh­nend.

Be­rufs­be­klei­dung, Tee-Ser­vice, Re­kla­me, Pla­ka­te, Fir­men­schil­der, Vor­la­gen für Bon­bon­pa­pier: In den 1920er Jah­ren wur­de die Kunst des Ma­lers, Gra­fi­kers, Fo­to­gra­fen und Ar­chi­tek­ten Alex­an­der Rodt­schen­ko zu­neh­mend so­zi­al und stand auch in Ver­bin­dung mit den ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen sei­ner Hei­mat. All die­se Be­rei­che sind räum­lich ge­split­tet in der Aus­stel­lung mit rund 100 Ex­po­na­ten aus der Samm­lung des Staat­li­chen Mu­se­ums für Bil­den­de Küns­te A. S. Pusch­kin in Mos­kau.

Emp­fan­gen wird der Be­su­cher von abs­trak­ten Ge­mäl­den, Zeich­nun­gen und Aqua­rel­len und ist um­ge­ben von Rodt­schen­kos Kon­struk­tio­nen, in de­nen er sei­ne zwei­di­men­sio­na­len Er­fah­run­gen in den Raum um­setz­te. Dank der chro­no­lo­gi­schen Glie­de­rung kann man sehr gut nach­voll­zie­hen, wie sich Rodt­schen­ko von der tra­di­tio­nel­len Ma­le­rei ab­wand­te und auf Su­che nach neu­en For­men künst­le­ri­schen Schaf­fens die Wei­chen der kon­struk­ti­vis­ti­schen Ge­brauchs­kunst stell­te. In den Jah­ren 1917 bis 1922 stell­te sich Rodt­schen­ko in den Di­enst der Ge­sell­schaft, um ei­ne neue Kunst zu er­schaf­fen. Er be­gann 1918 mit der Ar­beit für das Mos­kau­er Bü­ro der Ab­tei­lung Bil­den­de Küns­te (Iso) im Volks­kom­mis­sa­ri­at für Auf­klä­rung (Nar­kom­pros) und wur­de zum Lei­ter des Mu­se­ums-Bü­ros der Iso und sei­ner wich­tigs­ten Mos­kau­er Ein­rich­tung, dem Mu­se­um für Ma­le­rei. En­de der 1920er Jah­re wur­de er Pro­fes­sor an den Hö­he­ren Künst­le­risch-Tech­ni­schen Werk­stät­ten (Wchu­te­mas), de­ren Auf­ga­be – ver­gleich­bar mit dem Pro­gramm des Wei­ma­rer Bau­hau­ses – dar­in be­stand, ei­ne Ge­ne­ra­ti­on von Künst­lern aus­zu­bil­den, die das ma­te­ri­el­le und vi­su­el­le Um­feld der Ge­sell­schaft ge­stal­ten soll.

Im Ein­klang mit dem re­vo­lu­tio­nä­ren Ide­al ei­ner ge­ord­ne­ten und mo­der­nen Ge­sell­schaft war Rodt­schen­ko auf der Su­che nach ei­ner ob­jek­ti­ven, un­per­sön­li­chen Kunst, frei von nar­ra­ti­ven Zwän­gen und re­li­giö­sen oder me­ta­phy­si­schen Or­na­men­ten.

Wich­tig war auch die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Dich­ter Wla­di­mir Ma­ja­kow­ski (1893 bis 1930), der die Lin­ke Front der Kunst (LEF) und die gleich­na­mi­ge Zeit­schrift grün­de­te. Mit ihm un­ter­stütz­te Rodt­schen­ko in Be­rei­chen der an­ge­wand­ten Kunst die An­stren­gun­gen der so­wje­ti­schen In­dus­trie und Pro­pa­gan­da. So ge­stal­te­te Rodt­schen­ko auch den so­wje­ti­schen Pa­vil­lon bei der In­ter­na­tio­na­len Aus­stel­lung im Jahr 1925 in Pa­ris, wo er ein Mo­dell sei­ner Ar­beit „Der Ar­bei­ter­club“zeig­te. Die­sen kann man in Colmar eben­so be­gut­ach­ten wie die fas­zi­nie­ren­den Fo­to­gra­fi­en, die ne­ben sei­ner Mut­ter auch sei­ne le­bens­lan­ge Part­ne­rin, War­wa­ra Ste­pa­no­wa (1894 bis 1958), selbst ei­ne be­mer­kens­wer­te Künst­le­rin , und die ge­mein­sa­me Toch­ter zei­gen. Vor al­lem in die­sem letz­ten Be­reich wird deut­lich, wie an­re­gend die wie­der­holt auch in Ba­den-Ba­den prä­sen­tier­te Kunst Rodt­schen­kos im Span­nungs­feld zwi­schen nüch­ter­ner Funk­ti­on und per­sön­li­cher No­te schil­lert.

GANG DURCH DIE GATTUNGEN: Die chro­no­lo­gisch sor­tier­te Aus­stel­lung im Mu­sée Un­ter­lin­den lässt nach­voll­zie­hen, wie sich Rodt­schen­ko von der tra­di­tio­nel­len Ma­le­rei ab­wand­te und die Wei­chen der kon­struk­ti­vis­ti­schen Ge­brauchs­kunst stell­te. Fo­to: Merk

DIE MUT­TER: Ei­ne von Rodt­schen­kos Fo­to­gra­fi­en aus dem Jahr 1924. Fo­to: Ad­agp

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