Über­ir­disch schö­ner Klang

Wil­li­am Ken­tridge in­sze­niert „Wozz­eck“bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Der Schluss lässt ei­nem das Blut in den Adern sto­cken: Ein Kind, des­sen Va­ter die Mut­ter und dann sich selbst ge­tö­tet hat, spielt mit sei­nem Ste­cken­pferd. An­de­re Kin­der kom­men hin­zu. Sie be­rich­ten, dass sie die Lei­che der Mut­ter ge­fun­den ha­ben: „Du, Dein’ Mut­ter ist tot. Drauß’ liegt sie am Weg, ne­ben dem Teich.“Das Kind zö­gert ein we­nig und rei­tet dann den an­de­ren Kin­dern nach. „Hopp, Hopp!“, ruft es. So en­det Ge­org Büch­ners Dra­ma „Woyzeck“. In der Opern­ver­si­on „Wozz­eck“von Al­ban Berg (1885 bis 1935) hat­te das Stück über ei­nen ein­fa­chen Sol­da­ten, den Ar­mut und Er­nied­ri­gung zum Mör­der wer­den las­sen, Pre­mie­re bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len. Die Ins­ze­nie­rung des Süd­afri­ka­ners Wil­li­am Ken­tridge wur­de um­ju­belt.

Der so­zi­al en­ga­gier­te Uni­ver­sal­künst­ler, des­sen El­tern als Rechts­an­wäl­te im Apart­heid­staat un­ter an­de­rem Nel­son Man­de­la ver­tei­dig­ten, ver­legt das 1836/1837 ent­stan­de­ne Dra­men­frag­ment in die Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges. Je­ne Zeit, als Berg sei­ne Oper kom­po­nier­te und ver­such­te, ähn­lich wie Wozz­eck, der Höl­le mi­li­tä­ri­scher Irr-Ra­tio­na­li­tät zu ent­kom­men. Ken­tridge hat Büch­ners Thea­ter­stück schon ein­mal als Hand­pup­pen­spiel in­sze­niert. Dar­an er­in­nert in sei­ner jüngs­ten Opern­pro­duk­ti­on das Kind von Wozz­eck mit Ma­rie, das nur als Pup­pe auf­taucht. Es wird ge­spielt von ei­ner Kran­ken­schwes­ter und ei­nem Sa­ni­tä­ter, die an der Front blu­ti­gen Di­enst tun, und rei­tet auf ei­nem Krück­stock. Ein star­kes Bild. Man fragt sich, was aus die­sem trau­ma­ti­sier­ten Wai­sen ein­mal wer­den wird. Ein be­son­ders mit­füh­len­der Mensch? Oder ein Mons­ter?

Bei der Büh­ne von Sa­bi­ne Theu­nis­sen liegt al­les of­fen, grö­ße­re Um­bau­ten für die Sze­nen­wech­sel gibt es nicht. Da­für ver­wan­delt sich ein Klei­der­schrank in den Or­di­na­ti­ons­raum des Dok­tors, der Wozz­eck für me­di­zi­ni­sche Ver­su­che miss­braucht. Aus die­sem Schrank kriecht auch die Büh­nen­mu­sik zu ei­nem schau­er­li­chen Wal­zer, den die Sol­da­ten mit Stüh­len statt mit Frau­en tan­zen. Das al­les wird pau­sen­los mit Vi­de­os hin­ter­und über­blen­det. Sie zei­gen in Ken­tridges rau­em Koh­le­strich die sti­li­sier­ten Schlacht­fel­der des gro­ßen Krie­ges, Rui­nen­städ­te, über de­nen al­ter­tüm­li­che Zep­pe­line und Flug­zeu­ge krei­sen, ab­ge­schla­ge­ne Köp­fe, Trich­ter und Me­ga­fo­ne als Sym­bo­le der Pro­pa­gan­da, Kin­der­sol­da­ten, die sich in Kno­chen­män­ner ver­wan­deln, ei­ne schat­ten­haft vor­über­zie­hen­de Mi­li­tär­ka­pel­le, die den Tam­bour­ma­jor (John Das­z­ak) an­kün­digt, Wozz­ecks Ne­ben­buh­ler um die Gunst Ma­ries.

In dem Ge­wim­mel von Men­schen und As­so­zia­tio­nen ha­ben es die Darstel­ler, al­len vor­an der dun­kel-be­droh­lich tim­brier­te Ba­ri­ton Mat­thi­as Go­er­ne in der Ti­tel­rol­le und die sehr in­ten­si­ve, an­rüh­ren­de li­taui­sche So­pra­nis­tin As­mik Gri­go­ri­an als Ma­rie, manch­mal schwer, sich durch­zu­set­zen. Zu­mal das Salz­bur­ger Haus lei­der so kon­stru­iert ist, dass man im­mer den Ein­druck hat, das Büh­nen­ge­sche­hen sei sehr, sehr weit weg. Bergs Wun­der­par­ti­tur wun­der­bar dif­fe­ren­ziert zum Klin­gen bringt der jun­ge rus­si­sche Di­ri­gent Vla­di­mir Ju­row­ski. Da­bei ge­bie­tet er mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern und der Kon­zert­ver­ei­ni­gung Wie­ner Staats­opern­chor über Spit­zenen­sem­bles, die den Klang der Zwei­ten Wie­ner Schu­le so­zu­sa­gen im Blut ha­ben. Berg hat­te sei­nen Wozz­eck zwar nach den Zwölf­ton­prin­zi­pi­en sei­nes Leh­rers Ar­nold Schön­berg kom­po­niert, doch aus den stren­gen Re­geln jen­seits der To­na­li­tät ei­nen süf­fi­gen, pral­len, manch­mal über­ir­disch schö­nen Klang ge­schöpft. Fast zu schön für die­se blut­rüns­ti­ge Ge­schich­te oh­ne Hoff­nung. Ge­org Et­scheit

IN DEN FÄNGEN DER ME­DI­ZIN: Mat­thi­as Go­er­ne als Wozz­eck und Jens Lar­sen als Dok­tor bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len. Fo­to: dpa

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