Tief be­rüh­ren­de Lie­bes­ge­schich­te

Gi­se­la Storck liest aus Brief­wech­sel Bon­hoef­fers und sei­ner Ver­lob­ten vor

Pforzheimer Kurier - - KULTUR IN PFORZHEIM -

Der Brief­wech­sel zwi­schen den Ver­lob­ten Dietrich Bon­hoef­fer und Ma­ria von We­de­mey­er ist ein le­ben­di­ges Stück Zeit- und Le­bens­ge­schich­te zwei­er ein­zig­ar­ti­ger Men­schen in den Wir­ren des Zwei­ten Welt­krie­ges. Die Brie­fe, die zwi­schen An­fang 1943 und Früh­jahr 1945 ge­wech­selt wur­den, sind gleich­zei­tig Do­ku­men­te des Wi­der­stan­des ge­gen Hit­ler. Gi­se­la Storck wid­me­te sich die­sen Tex­ten und las vor rund 80 Zu­hö­rern am Di­ens­tag­nach­mit­tag zur Tea­ti­me in der Stadt­bi­blio­thek aus dem Werk „Braut­brie­fe Zel­le 92“vor.

An­fang Ju­ni 1942 kommt es im Hau­se von Ma­ri­as Groß­mut­ter zur ent­schei­den­den Be­geg­nung mit dem Theo­lo­gen Dietrich Bon­hoef­fer. Ob­wohl Ma­ria erst 18 Jah­re – und da­mit we­sent­lich jün­ger als Bon­hoef­fer ist, ver­lie­ben sie sich in­ein­an­der. Am 13. Ja­nu­ar 1943 ver­lobt sich das un­glei­che Paar. Ih­re Lie­be wird auf ei­ne har­te Be­las­tungs­pro­be ge­stellt, denn Dietrich Bon­hoef­fer wird am 5. April 1943 ver­haf­tet und ins Mi­li­tär­ge­fäng­nis in Berlin-Te­gel ge­bracht. Ma­ria be­sucht ih­ren Ver­lob­ten im Ge­fäng­nis. Das Paar zehrt von die­sen sel­te­nen Be­geg­nun­gen. Es be­ginnt ei­ne Zeit des lei­den­schaft­li­chen, lie­be­vol­len und sehn­süch­ti­gen Brief­wech­sels. Dass sie sich nie wie­der in Frei­heit wie­der­se­hen wer­den, ah­nen bei­de nicht.

„Wen ich mor­gens um sechs auf­wa­che, ist mein ers­ter Griff in die Nacht­tisch­schub­la­de nach Dei­nem Bild. Dann stel­le ich es auf mei­ne Bett­de­cke und sa­ge: „Gu­ten Mor­gen, Dietrich, hast Du gut ge­schla­fen? Machst Du ein fröh­li­ches Ge­sicht?“, liest Gi­se­la Storck mit ei­nem Tim­bre vol­ler Le­bens­lust und Ener­gie.

Mit gro­ßer Le­ben­dig­keit und Echt­heit spie­gelt die Schau­spie­le­rin die über­spru­deln­de Ver­liebt­heit Ma­ri­as wie­der wie eben auch in den Wor­ten: „Hur­ra, Hur­ra, Hur­ra, Hoch, Vi­vat und Hal­le­lu­ja! Ich hab ei­nen Brief von mei­nem Dietrich be­kom­men und bin sehr glück­lich dar­über“. Eben­so be­rüh­rend setzt Storck ih­re Stim­me ein, die von den Sor­gen und der Trau­er der jun­gen Frau er­zählt.

Kann sie dem äl­te­ren und ge­bil­de­ten Mann tat­säch­lich ge­nü­gen? Oder wo­her sol­len sie die not­wen­di­gen Mö­bel für ih­ren ge­mein­sa­men Haus­stand neh­men? Auch ist die Trau­er über den Tod des Va­ters und des Lieb­lings­bru­ders groß. Hin­ge­gen klin­gen Bon­hoef­fers Brie­fe ge­setz­ter und rei­fer. Bei­spiels­wei­se sagt er, dass die „Spre­ch­er­laub­nis“ihm ei­ne Qu­el­le gro­ßen und ru­hi­gen Glücks sei, die je­den Schat­ten und Kum­mer ver­trei­ben.

Im­mer wie­der lobt Bon­hoef­fer die Ge­duld und Tap­fer­keit Ma­ri­as; zu­mal er sich an­fangs un­si­cher war, ob er sei­ner Ver­lob­ten mit ei­nem von den Na­zis in­haf­tier­ten Bräu­ti­gam nicht zu­viel auf­ge­bür­det hat. Trotz al­ler Un­ter­schie­de, der Zen­sur und dem Un­ver­ständ­li­chen fin­den bei­de ein tie­fes Glück in den Brie­fen, die von Freu­de und Trau­rig­keit, Sehn­sucht und Dank­bar­keit ge­prägt sind.

Im Sep­tem­ber 1944 ent­deckt die Gesta­po ein „Ge­hei­m­ar­chiv der Ver­schwö­rer im Amt Ca­na­ris“, de­ren Kreis auch Bon­hoef­fer an­ge­hör­te, so dass die Hoff­nun­gen, das Kriegs­en­de noch zu er­le­ben, im­mer wei­ter schwin­den. Am 9. Ok­to­ber wird Bon­hoef­fer ins Kel­ler­ge­fäng­nis des Reichs­si­cher­heits­haupt­amts über­führt. Dort ent­ste­hen dann im De­zem­ber die be­rühm­ten Ver­se des spä­ter ver­ton­ten Ge­dichts „Von gu­ten Mäch­ten treu und still um­ge­ben“.

Am 8. April fand im KZ Flos­sen­bürg das Stand­ge­richt statt „und am nächs­ten frü­hen Mor­gen die Hin­rich­tung am Gal­gen, zu­sam­men mit Wil­helm Ca­na­ris, Lud­wig Geh­re, Hans Os­ter, Karl Sack und Theo­dor Strünck“. Ma­ria von We­de­mey­er hat vom Tod ih­res Ver­lob­ten erst im Ju­ni 1945 er­fah­ren.

„Von gu­ten Mäch­ten treu und still um­ge­ben …“schrieb Bon­hoef­fer am 19. De­zem­ber 1944 aus dem Ge­fäng­nis an sei­ne Braut Ma­ria von We­de­mey­er. Das dem Lied zu­grun­de lie­gen­de Ge­dicht ist Be­stand­teil des letz­ten er­hal­te­nen Brie­fes, den Bon­hoef­fer an sei­ne Braut schrieb. Ina Zan­tow

DIE SCHAU­SPIE­LE­RIN Gi­se­la Storck las in der Stadt­bi­blio­thek aus dem Brief­wech­sel zwi­schen dem von den Na­zis in­haf­tier­ten und spä­ter er­mor­de­ten Dietrich Bon­hoef­fer und Ma­ria von We­de­mey­er vor. Fo­to: Wa­cker

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