Sym­bo­le des Atom­stroms

Phil­ipps­burg: Kühl­tür­me sind bald Ge­schich­te

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Mat­thi­as Kuld

Phil­ipps­burg. Sie sind das weit­hin sicht­ba­re Zei­chen für den Kern­kraft­werks­stand­ort Phil­ipps­burg. Man sieht sie von den Hü­geln des Kraich­gaus, vom Karls­ru­her Turm­berg oder den Reb­hän­gen in der Süd­pfalz – die bei­den je 152 Me­ter ho­hen Kühl­tür­me. 2020 wer­den sie ab­seh­bar Ge­schich­te sein. Der Be­schluss zur Spren­gung ist ge­fasst. Bin­nen we­ni­ger Se­kun­den wer­den die bei­den Be­ton­ka­mi­ne in sich zu­sam­men­fal­len. Da­nach mar­kiert ein St­ein­hau­fen aus rund 60 000 Ton­nen das En­de der ato­ma­ren Ener­gie­er­zeu­gung auf der Rhein­schanz­in­sel.

Noch ist es nicht so­weit. Noch kommt aus ei­nem der bei­den Kühl­tür­me der Was­ser­dampf, der an­zeigt, dass in ei­nem der bei­den Re­ak­to­ren noch Atom­ker­ne ge­spal­ten wer­den. Nach­dem Block 1 seit 2011 ab­ge­schal­tet ist, wird in Block II al­ler­dings spä­tes­tens En­de 2019 Schluss sein. Dann braucht man die Kühl­tür­me – fer­tig­ge­stellt 1977 und 1981 – nicht mehr.

Was macht man mit die­sen Zeu­gen ei­ner künf­tig in Deutsch­land nicht mehr exis­ten­ten Atom­strom­pro­duk­ti­on? Jörg Mi­chels, Chef der EnBW Kern­kraft Gm­bH (EnKK), er­klärt die Über­le­gun­gen sei­nes Un­ter­neh­mens. Aus­gangs­punkt da­bei ist der Um­stand, dass auf dem Kraft­werks­ge­län­de auch in Zu­kunft mit Strom ge­ar­bei­tet wird. Der kommt dann aus dem Nor­den und wird in Phil­ipps­burg von ei­nem Kon­ver­ter der Trans­ne­tBW von Gleich- in Wech­sel­strom ge­wan­delt. Die An­la­ge wird das End­stück ei­ner der gro­ßen neu­en Strom­brü­cken zwi­schen Nord- und Süd­deutsch­land sein. Da­für muss das Are­al neu ge­ord­net wer­den – und die nach 2019 nicht mehr be­nö­tig­ten Kühl­tür­me müs­sen weg. Über­le­gung eins – ma­schi­nel­ler Ab­bruch – wur­de nach Prü­fung zu den Ak­ten ge­legt. Un­ter an­de­rem des­halb, weil je Kühl­turm et­wa ein Jahr zu ver­an­schla­gen ge­we­sen wä­re. So fiel die Ent­schei­dung, bei­de Bau­wer­ke zu spren­gen.

Die­se funk­tio­nie­ren im Un­ter­schied zum hoch­kom­ple­xen Re­ak­tor­ge­sche­hen üb­ri­gens nach eher ein­fa­chen phy­si­ka­li­schen Prin­zi­pi­en. In die Na­tur­zu­gNass­kühl­tür­me fließt auf et­wa zehn Me­ter Hö­he das dem Rhein ent­nom­me­ne Was­ser ein, das im Kraft­werks­durch­lauf er­wärmt wur­de. Es ge­langt auf „Rie­sel­plat­ten“und „läuft in fei­nen Trop­fen ent­lang der Plat­ten“von dort auf dem Bo­den in die „Kühl­turm­tas­se“. Da­bei kühlt es ab, die Wär­me ver­dampft und wird durch die Hö­he und sich nach oben ver­schmä­lern­de Kon­struk­ti­on des Kühl­turms nach oben ge­zo­gen. Die Dampf­säu­le ist Aus­weis da­für, dass der Kühl­turm in Be­trieb ist. Ob er das ist, so er­klärt Mi­chels, hängt nicht al­lein von Pa­ra­me­tern ab, die durch den Rhein vor­ge­ge­ben sind wie et­wa Was­ser­tem­pe­ra­tur und Pe­gel­stand. Auch die tech­ni­schen Be­triebs­ab­läu­fe kön­nen die Nut­zung des Kühl­turms sinn­voll ma­chen. Das auf­ge­fan­ge­ne Was­ser wird ent­we­der in den Rhein zu­rück­oder aber wie­der in den Kühl­was­ser­kreis­lauf des Sys­tems ein­ge­lei­tet. Da die Kühl­tür­me

2020 sol­len sie ge­sprengt wer­den

das weit­hin sicht­ba­re Zei­chen der Atom­strom­pro­duk­ti­on sind, ge­rie­ten sie auch in den Blick­win­kel der Kern­kraft­geg­ner. Min­des­tens zwei Mal nutz­ten sie die Be­ton­bau­wer­ke für Pro­test­ak­tio­nen. Im Fe­bru­ar 2002 be­setz­ten 14 Klet­te­rer von Gre­en­peace ei­nen der bei­den Gi­gan­ten und ent­roll­ten ein Trans­pa­rent. 2011 pro­ji­zier­ten Ak­ti­vis­ten groß­for­ma­tig in der Dun­kel­heit den Schrift­zug „Das Lü­gen geht wei­ter“auf ei­nen der bei­den Kühl­tur­me.

De­ren Spren­gung hat ent­schei­dend mit dem be­reits be­gon­ne­nen, weit­rei­chen­den Um­bau des Kraft­werkare­als zu tun. Ver­ein­facht aus­ge­drückt ste­hen zwei Auf­ga­ben an. Kurz­fris­tig – bis 2020 – geht es um das Frei­ma­chen des Bau­fel­des für den Kon­ver­ter der Trans­ne­tBW. Auf Fo­li­en zeigt Mi­chels, wie das Kraft­werks­ge­län­de um­ge­krem­pelt wird. Et­wa ein Drit­tel wird für das Gleich­strom-Um­spann­werk und die ga­si­so­lier­te Schalt­an­la­ge be­nö­tigt. Im Weg ste­hen der­zeit La­ger- und Mon­ta­ge­hal­len, Werk­stät­ten, et­wa 1 200 Park­plät­ze – und die bei­den Kühl­tür­me. Hin­zu kommt, dass das Are­al ins Tief­ge­sta­de hin­ab et­wa vier Me­ter ab­fällt. „Das muss auf­ge­schüt­tet wer­den“, er­klärt Mi­chels. Den klei­ne­ren Teil über­nimmt die EnKK, den grö­ße­ren die Trans­ne­tBW. Die EnKK be­rich­tet von ei­ner 25 000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Flä­che und et­wa 80 000 Ku­bik­me­ter Auf­schüt­tungs­vo­lu­men. Im Ide­al­fall soll die An­lie­fe­rung per Schiff er­fol­gen.

Da­mit nicht ge­nug: Um al­les ge­ma­nagt zu be­kom­men, be­nö­ti­gen EnKK und Trans­ne­tBW ei­ne „Bau­stel­len­ein­rich­tungs­flä­che“au­ßer­halb des Kraft­werks­zau­nes, wo­zu Ge­sprä­che mit der Stadt, dem Ei­gen­tü­mer der Flä­che und de­ren Päch­ter ge­führt wer­den. Mi­chels spricht von fünf an­ste­hen­den „Mei­len­stei­nen“: Er­satz­neu­bau La­ger- und Mon­ta­ge­hal­len, Auf­schüt­tung des Ge­län­des, Neu­schaf­fung von Park­plät­zen und der Bau­stel­len­ein­rich­tungs­flä­che so­wie den Ab­bruch der Kühl­tür­me.

BLICK DURCHS ROHR: Nur noch aus ei­nem der bei­den Kühl­tür­me in Phil­ipps­burg kommt Was­ser­dampf. Nach­dem Block 1 seit 2011 ab­ge­schal­tet ist, wird auch in Block II spä­tes­tens En­de 2019 Schluss sein. Fo­tos: Ho­ra

BE­EIN­DRU­CKEN­DE KU­LIS­SE: Jörg Mi­chels, Chef der EnBW Kern­kraft Gm­bH (EnKK), im de­ak­ti­vier­ten Kühl­turm.

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