„Ein biss­chen wie bei School of Rock“

Kö­nigs­ba­cher hat Abori­gi­nes Mu­si­zie­ren ge­lehrt

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ni­co Rol­ler

Kö­nigs­bach-St­ein. Dass Heiko Ko­en­ge­ter im Mai in Aus­tra­li­en war, wä­re al­lein nicht be­rich­tens­wert. Denn der 43-jäh­ri­ge Kö­nigs­ba­cher ist nicht auf dem fünf­ten Kon­ti­nent ge­we­sen, um dort Ur­laub zu ma­chen, son­dern um an­de­ren Men­schen zu hel­fen. Bei ei­nem so­zia­len Pro­jekt hat er ju­gend­li­che Abori­gi­nes an die Mu­sik her­an­ge­führt. „Das war ei­nes der schöns­ten Din­ge, die ich in mei­nem Le­ben bis­her ge­macht ha­be“, sagt Ko­en­ge­ter im Ge­spräch mit dem Pforz­hei­mer Ku­ri­er. Zu­sam­men mit sie­ben wei­te­ren Mu­si­kern, drei Hand­wer­kern, ei­nem Koch und ei­nem Bus­fah­rer ist er mit­ten in das aus­tra­li­sche Bu­sch­land des „Nort­hern Ter­ri­to­ry“ge­reist. Dort liegt das „Woo­la­ning Home­land Chris­ti­an Col­le­ge“, ei­ne Schu­le für Abori­gi­nes. Ei­ne Wo­che war er dort, um die Ju­gend­li­chen im Al­ter von zwölf bis 17 Jah­ren zu un­ter­rich­ten. Für Ko­en­ge­ter war es nicht die ers­te Rei­se nach Aus­tra­li­en. In der Ver­gan­gen­heit ist er schon mehr­fach dort ge­we­sen. In Mel­bourne hat er Freun­de. Vor zwei Jah­ren hat der Kö­nigs­ba­cher die ers­te län­ge­re Rei­se durch das Land un­ter­nom­men und ist da­bei auf die Schwie­rig­kei­ten auf­merk­sam ge­wor­den, mit de­nen vie­le Abori­gi­nes – die Ur­ein­woh­ner Aus­tra­li­ens – zu kämp­fen ha­ben. Von der Öf­fent­lich­keit wei­test­ge­hend un­be­merkt, ist de­ren Si­tua­ti­on oft al­les an­de­re als gut. Vie­le von ih­nen hät­ten kei­ne Per­spek­ti­ve, sei­en zwi­schen zwei Wel­ten ge­fan­gen, sagt Ko­en­ge­ter. Al­ko­hol­pro­ble­me sei­en kei­ne Sel­ten­heit, vie­le Kin­der wür­den Op­fer häus­li­cher und se­xu­el­ler Ge­walt. „Die Sui­zid­ra­te un­ter ju­gend­li­chen Abori­gi­nes ist die höchs­te welt­weit.“

Die Initia­ti­ve „In­stru­ments for the Out­back“will den Ju­gend­li­chen mit Mu­sik be­geg­nen, Per­spek­ti­ven auf­zei­gen und hel­fen, Be­zie­hun­gen zu knüp­fen. Ins Le­ben ge­ru­fen ha­ben sie die bei­den Aus­tra­li­er An­dy Hor­ne­man und Le­vi McG­rath. Mit letz­te­rem ist Ko­en­ge­ter vor ei­nem Jahr in Deutsch­land ins Ge­spräch ge­kom­men. Ihm hat er von sei­nen Er­fah­run­gen mit den Abori­gi­nes be­rich­tet und an­ge­bo­ten, bei ei­nem so­zia­len Pro­jekt zu hel­fen, wenn es ge­lingt, ei­nes auf die Bei­ne zu stel­len. Es hat ge­klappt: En­de Mai ist Ko­en­ge­ter zu­sam­men mit den üb­ri­gen Mu­si­kern –

„Die hat­ten echt Bock auf Mu­sik“

al­le Aus­tra­li­er – zum „Woo­la­ning Home­land Chris­ti­an Col­le­ge“in das Bu­sch­land des Nort­hern Ter­ri­to­ry auf­ge­bro­chen. Die Schu­le liegt mit­ten im Nir­gend­wo. Bis zur nächs­ten Stadt sind es zwei St­un­den – mit dem Au­to.

Ko­en­ge­ter und sei­ne Mu­si­ker­kol­le­gen woll­ten ei­nen An­stoß für ei­nen kul­tu­rel­len Aus­tausch ge­ben, „ei­nen ers­ten Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung ma­chen“, wie er sagt. Am An­fang sei­en die Ju­gend­li­chen noch et­was zu­rück­hal­tend und schüch­tern ge­we­sen, er­zählt er, aber nach ei­ner Wei­le sei­en sie auf­ge­taut: „Die hat­ten echt Bock auf Mu­sik.“Wie gut, dass Ko­en­ge­ter und sei­ne Kol­le­gen mit Hil­fe von zahl­rei­chen Spen­dern In­stru­men­te be­sorgt hat­ten. Fünf Ta­ge lang ha­ben die Ju­gend­li­chen in Work­shops das Spie­len der In­stru­men­te ge­lernt: Bass, Gi­tar­re, Key­board, Schlag­zeug. Am letz­ten Abend ga­ben sie ge­mein­sam ein Kon­zert. „Das war ein biss­chen wie bei School of Rock“, sagt Ko­en­ge­ter in An­spie­lung auf den gleich­na­mi­gen Spiel­film. Für ihn ist klar: Das Pro­jekt muss auch in Zu­kunft wei­ter­ge­hen. An­de­ren Men­schen zu hel­fen, ist für den 43-Jäh­ri­gen ei­ne Her­zens­an­ge­le­gen­heit. So hat er bei­spiels­wei­se schon Kon­zer­te für Flücht­lin­ge ge­ge­ben. Ko­en­ge­ter ist Be­rufs­mu­si­ker, un­ter­rich­tet an der Kir­chen­mu­sik­hoch­schu­le in Tü­bin­gen, hat Pri­vat­schü­ler, pro­du­ziert Mu­sik im ei­ge­nen Ton­stu­dio und steht für ver­schie­de­ne Künst­ler in ganz Deutsch­land auf der Büh­ne. Seit mehr als 20 Jah­ren wohnt er schon in Kö­nigs­bach. „Mu­sik ist das, was ich schon im­mer ma­chen woll­te“, sagt Ko­en­ge­ter. Er freut sich schon auf das nächs­te Pro­jekt mit den Abori­gi­nes. En­de Au­gust trifft er sich mit sei­nen Kol­le­gen. „Dann be­spre­chen wir al­les Wei­te­re und fan­gen mit der Pla­nung an.“

SEIT MEHR ALS 20 JAH­REN ist Heiko Ko­en­ge­ter in Kö­nigs­bach zu Hau­se. Der Be­rufs­mu­si­ker ist in Sin­gen auf­ge­wach­sen und in Kö­nigs­bach aufs Gym­na­si­um ge­gan­gen. Fo­tos: Rol­ler, pri­vat

IN WORK­SHOPS hat Ko­en­ge­ter in Aus­tra­li­en ju­gend­li­chen Abori­gi­nes den Spaß am Mu­si­zie­ren nä­her ge­bracht.

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