Hol­schuld

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - KLAUS GASSNER

Deutsch­land über­rascht. Es über­rascht mit sei­ner Sta­bi­li­tät. Fast die Hälf­te der Bun­des­bür­ger, so heißt es der­zeit, wün­sche sich ei­ne Bun­des­re­gie­rung un­ter Füh­rung der Uni­on, mit an­de­ren Wor­ten: Bloß kei­ne Ve­rän­de­rung. Man muss sich nur eu­ro­pa­weit um­schau­en und kann sich über die­ses Vo­tum dann nur wun­dern. Ein paar Mo­na­te ist es her, da droh­te in Ös­ter­reich und in den Nie­der­lan­den ein Po­pu­lis­mus-Schock. Zwar blieb in Frank­reich der Rechts­ruck aus, statt­des­sen macht sich ein Prä­si­dent dar­an, das Land gründ­lich um­zu­krem­peln. Groß­bri­tan­ni­en liegt völ­lig dar­nie­der, zer­ris­sen von Er­war­tun­gen und Ängs­ten. Gera­de dort ist man nun er­staunt über die „Schläf­rig­keit“des Wahl­kampfs in Deutsch­land.

Sach­lich be­trach­tet ist Wahl­kampf über­flüs­sig, denn im Grun­de müss­te die Wah­l­ent­schei­dung auf der Be­ob­ach­tung von vier Jah­ren „Politik am Stück“be­ru­hen. Aber ar­beits­tech­nisch ist Wahl­kampf die Ver­län­ge­rung der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie in die prak­ti­sche Le­bens­wirk­lich­keit: Im Grun­de reicht es, sich sechs Wo­chen mit Politik zu be­fas­sen, ei­ne Ent­schei­dung zu tref­fen und dann sei­ne Stim­me an ei­nen Par­la­men­ta­ri­er ab­zu­tre­ten. Nur: an wen?

Gera­de ha­ben De­mo­sko­pen er­mit­telt, dass in Ös­ter­reich Erst­wäh­ler ih­re Wah­l­ent­schei­dung an der kör­per­li­chen At­trak­ti­vi­tät von Po­li­ti­kern aus­rich­ten. Wer schlank und fit ist, hat das Zeug zum Stim­men­kö­nig. Man kann sich schnell

aus­ma­len, wel­che Er­nüch­te­rung dar­auf fol­gen kann. Im Wahl­kampf ver­su­chen Po­li­ti­ker durch ih­re Per­sön­lich­keit und ih­re Über­zeu­gungs­kraft Wäh­ler zu ge­win­nen. Spä­ter, in den Ab­stim­mun­gen im Par­la­ment, müs­sen sie sich nicht sel­ten Kom­pro­mis­sen oder par­tei­po­li­ti­schen Di­rek­ti­ven un­ter­ord­nen. Nur so las­sen sich Mehr­hei­ten her­stel­len, mit de­nen Politik erst mög­lich wird. US-Prä­si­dent Trump do­ku­men­tiert gera­de, wie man mit sei­nen ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen Schiff­bruch er­lei­den kann, wenn man nicht zu Kom­pro­mis­sen und Rück­sicht­nah­me be­reit ist. Fol­ge­rich­tig gilt: Nicht al­les was im Wahl­kampf The­ma ist, kann in die par­la­men­ta­ri­sche Ar­beit ein­flie­ßen. Wer nicht er­kennt, dass es ei­nen Un­ter­schied gibt zwi­schen theo­re­ti­schem Wahl­pro­gramm und ta­ges­ak­tu­el­ler Rea­li­tät, der wird Politik nicht als Lö­sung für ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me an­se­hen, son­dern mög­li­cher­wei­se als de­ren Ur­sa­che – zum Scha­den für das nö­ti­ge Ver­trau­en in die De­mo­kra­tie.

Wahl­kampf ist ein not­wen­di­ger Wett­be­werb um po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen. Er ist ei­ne Bring­schuld für Po­li­ti­ker, die ge­wählt wer­den wol­len. Da­hin­ter steckt aber auch ei­ne Hol­schuld für Wäh­ler. Nur wer gut in­for­miert ist, kann die Fol­gen sei­ner Wah­l­ent­schei­dung ab­schät­zen. Wahl­kampf muss nicht be­son­ders auf­re­gend sein und nicht aus­ge­spro­chen kon­tro­vers. Aber er muss ech­te Al­ter­na­ti­ven bie­ten. Dann sorgt die Wah­l­ent­schei­dung auch wei­ter für Sta­bi­li­tät.

Zur gu­ten Wah­l­ent­schei­dung ge­hört gu­te In­for­ma­ti­on

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