Hoch­pro­zen­ti­ges kommt nicht nur aus den High­lands

Whis­ky aus Deutsch­land ist zu ei­nem boo­men­den Ni­schen­markt ge­wor­den / Vie­le regionale Bren­ne­rei­en be­le­ben das Ge­schäft

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ekart Kin­kel

Karls­ru­he/Kap­pel­ro­deck. Im küh­len Kel­ler­ge­wöl­be der Karls­ru­her De­stil­le­rie Kam­mer-Kirsch hü­tet Gerald Erd­rich ei­nen ganz be­son­de­ren Schatz. Un­ter den Ge­schäfts­räu­men rei­fen in wuch­ti­gen Holz­fäs­sern näm­lich in al­ler Ru­he gleich meh­re­re Tau­send Li­ter Whis­ky. „Die La­ge­rung ist beim Whis­ky das A und O“, sagt der Ge­schäfts­füh­rer der tra­di­tio­nel­len Schnaps­bren­ne­rei im Stadt­teil Mühl­burg. Al­le paar Tage nimmt Erd­rich das Edel­de­stil­lat mit der Prüf­pi­pet­te des­halb per­sön­lich in Au­gen­schein.

„Ein gu­ter Whis­ky saugt den Ge­schmack des Fas­ses re­gel­recht auf“, schwärmt Ed­rich bei ei­ner Pro­be, und des­halb über­lässt der Fach­mann bei der Aus­wahl sei­ner Holz­fäs­ser auch nichts dem Zu­fall. Aus­ran­gier­te Bar­ri­ques aus den Wein­gü­tern „Mark­graf von Ba­den“und „Her­zog von Würt­tem­berg“sind eben­so im Kel­ler zu fin­den wie ex­tra im­por­tier­te Bour­bon-, Sher­ry- und Spät­bur­gund­er­fäs­ser. Ei­nen be­son­de­ren Coup hat Erd­rich erst vor drei Jah­ren ein­ge­fä­delt: Für ei­ne Son­der­edi­ti­on hat er näm­lich die letz­ten bei­den Kü­fer aus dem Schwarz­wald zur Her­stel­lung ei­ni­ger Ei­chen­fäs­ser über­re­det – da­rin wird in der Staats­braue­rei Rot­haus nun auf tau­send Me­ter Hö­he der „Rot­haus Black Fo­rest Whis­ky“mit dem „High­land Cask Fi­nish“ge­la­gert.

Seit 2006 wird bei Kam­mer-Kirsch der Rot­haus-Whis­ky pro­du­ziert. Über mangelnde Re­so­nanz kann sich Erd­rich beim bes­ten Wil­len nicht be­kla­gen. „Spä­tes­tens zu Weih­nach­ten sind al­le Be­stän­de auf­ge­braucht“, sagt der Kam­merKirsch-Chef. Je­den März wer­den dann er­neut et­wa 11 500 Li­ter ab­ge­füllt. Ei­ne Auf­sto­ckung der Pro­duk­ti­ons­men­ge kommt für Erd­rich aber trotz der gu­ten Ab­satz­zah­len nicht in Fra­ge. „Whis­ky ist ei­nes un­se­rer Pre­mi­um-Pro­duk­te, und da geht Qua­li­tät für Quan­ti­tät“, stellt er klar. Nur dann sei­en die Kon­su­men­ten auch be­reit, den stol­zen Preis von über 50 Eu­ro pro Halb­li­ter­fla­sche aus­zu­ge­ben.

Die Whis­ky-Pro­duk­ti­on ist selbst für ein mit­tel­stän­di­sches Un­ter­neh­men le­dig­lich ein Ni­schen­ge­schäft. Al­lein vom haus­ei­ge­nen Gin der Mar­ke „Black Fo­rest“wird laut Erd­rich der­zeit et­wa die zehn­fa­che Men­ge pro­du­ziert.

„Der Markt­an­teil der deut­schen Whis­kys ist bis­lang noch ex­trem über­schau­bar“, sagt auch Hans-Ger­hard Fink, „aber die Nach­fra­ge ist da. Lang­sam aber si­cher ent­steht ei­ne rich­ti­ge Be­we­gung“. Fink ist der Chef von Deutsch­lands größ­ter Whis­ky­bren­ne­rei „Finch“und Vor­sit­zen­der des Ver­ban­des deut­scher Whis­ky­bren­ner (VdW), der vor fünf Jah­ren zur bes­se­ren Ver­net­zung der hei­mi­schen An­bie­ter aus der Tau­fe ge­ho­ben wur­de. Ak­tu­ell zählt er rund 35 Mit­glieds­un­ter­neh­men. „Deut­scher Whis­ky muss ei­ne ei­ge­ne Mar­ke wer­den und sich lang­sam aber si­cher durch ei­nen ei­ge­nen Ge­schmack von den schot­ti­schen und iri­schen Vor­bil­dern eman­zi­pie­ren“, be­tont Fink. Für die­ses Un­ter­fan­gen wur­den nun auch ers­te Wer­be­ak­tio­nen wie der „Tag des deut­schen Whis­kys“ins Le­ben ge­ru­fen.

Aus hand­werk­li­cher Sicht kön­nen die deut­schen Bren­ner nach Finks Ein­schät­zung be­reits mit den schot­ti­schen Whis­ky-Ma­chern mit­hal­ten, al­ler­dings be­ste­he im Be­reich des Fass­ma­nage­ments so­wie der op­ti­ma­len La­ge­rung noch im­men­ser Nach­hol­be­darf.

Auf rund ei­ne hal­be Mil­li­on Li­ter schätzt Fink die Men­ge des jähr­lich in Deutsch­land pro­du­zier­ten Whis­kys, rund die Hälf­te da­von wer­den in sei­nem ei­ge­nen Be­trieb auf der Schwä­bi­schen Alb her­ge­stellt und noch ein­mal gut 100 000 Li­ter bei der ober­baye­ri­schen Bren­ne­rei „Slyrs“am Schlier­see. Hin­ter den bei­den Bran­chen­rie­sen fol­gen dann schon ein hal­bes Dut­zend Bren­ne­rei­en mit Pro­duk­ti­ons­men­gen zwi­schen 10 000 und 30 000 Li­tern. Da­zu gibt es noch et­li­che Re­gio­nalbren­ne­rei­en. Knapp 300 ver­schie­de­ne Whis­kys wer­den nach Finks Schät­zun­gen der­zeit in der Bun­des­re­pu­blik her­ge­stellt – die meis­ten da­von di­rekt von den Bren­ne­rei­en in der Re­gi­on ver­trie­ben.

Die­se regionale Viel­falt hat auch nach An­sicht des Bun­des­ver­ban­des der deut­schen Spi­ri­tuo­sen­in­dus­trie (BSI) gro­ßen An­teil an der Be­liebt­heit der deut­schen Whis­kys. „Ne­ben be­kann­ten Mar­ken und Im­port­pro­duk­ten ha­ben hand­werk­lich her­ge­stell­te Spi­ri­tuo­sen in Deutsch­land an Be­deu­tung zu­ge­nom­men“, be­tont BSI-Ge­schäfts­füh­re­rin An­ge­li­ka Wies­gen-Pick

Auch in der Fä­cher­stadt wird ab­seits der De­stil­le­rie Kam­mer-Kirsch be­reits flei­ßig Whis­ky ge­brannt. Bier­brau­er Ru­di Vo­gel mach­te aus sei­ner Lei­den­schaft für die schot­ti­schen und iri­schen Er­zeug­nis­se noch nie ei­nen Hehl. Er stieg vor acht Jah­ren mit dem Kauf ei­nes von ei­nem gu­ten Dut­zend Fäs­sern aus Pfäl­zer Ei­che selbst in das Ge­schäft ein. In­zwi­schen hat der Chef der drei Vo­gel­bräu-Lo­ka­le be­reits meh­re­re Va­ri­an­ten sei­ner bei­den Whis­kys „Black Bird“und „Eag­le“auf dem Markt ge­bracht.

Wei­te­re ba­di­sche Schnaps­bren­ne­rei­en ha­ben das schot­ti­sche Na­tio­nal­ge­tränk für sich ent­deckt. Vor drei Jah­ren wur­de in der Schwarz­wald-Bren­ne­rei Emil Schei­bel in Kap­pel­ro­deck ei­ne Brenn­an­la­ge für Whis­ky er­öff­net – und im kom­men­den Jahr soll dort der ers­te fass­ge­reif­te Gers­ten­brand aus­ge­lie­fert wer­den.

Eher im klei­nen Stil ins Whis­ky-Ge­schäft ein­ge­stie­gen ist Micha­el Schrei­ber: In sei­ner Hin­ter­hof­bren­ne­rei im Karls­ru­her Stadt­teil Bu­lach lässt er be­reits Brän­de aus dem Kraich­gau in al­ten Wein- und Sher­ry-Fäs­sern zu sei­nen Whis­kys der Mar­ke „Scrip­tor“rei­fen. Ins­ge­samt sie­ben Sor­ten mit klin­gen­den Na­men wie „Fä­cher“, „Der Greif“oder „Der Mark­graf“hat Schrei­ber ne­ben sei­nen Edel­brän­den be­reits im Sor­ti­ment. Im kom­men­den Jahr darf Schrei­ber dann mit dem Bren­nen des ers­ten ei­ge­nen Gers­ten­brands be­gin­nen. 2021 will er ei­nen „ech­ten Karls­ru­her Whis­ky“auf dem Markt brin­gen.“

Der ty­pisch rau­chi­ge Whis­ky von den schot­ti­schen In­seln hat mich schon im­mer fas­zi­niert“, er­zählt der stu­dier­te Theo­lo­ge und mit sei­nem „Scrip­tor 49 Grad Nord“hat er des­halb auch ei­nen „ex­trem rau­chi­gen“Whis­ky im An­ge­bot.

Gerald Erd­rich be­ob­ach­tet das wach­sen­de In­ter­es­se der Bier­brau­er und Schnaps­bren­ner aus der un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft durch­aus mit Wohl­wol­len. „Die Kon­kur­renz be­lebt das Ge­schäft“, sagt Erd­rich. Dank ei­ner wach­sen­den An­zahl von re­gio­na­len Pro­du­zen­ten sei­en die deut­schen Whis­kys in­zwi­schen ech­te Trend­set­ter. Oh­ne­hin fär­be der gro­ße Be­kannt­heits­grad des Rot­haus-Whis­kys in­zwi­schen auch auf die an­de­ren Spi­ri­tuo­sen aus dem Hau­se Kam­mer-Kirsch ab. „Der Mar­ke­ting­wert ist ei­gent­lich un­be­zahl­bar“, be­tont Erd­rich – auch des­halb dür­fe die ho­he Qua­li­tät des mit meh­re­ren Prei­sen aus­ge­zeich­ne­ten Mühl­bur­ger Whis­kys auf kei­nen Fall ver­wäs­sert wer­den. Dass we­gen der ho­hen Nach­fra­ge nun mit ei­nem Mal zahl­rei­che Nach­ah­mer auf dem Markt drü­cken, ist nach Erd­richs Ein­schät­zung we­gen der ho­hen In­ves­ti­ti­ons­kos­ten für die hoch­wer­ti­ge Fäs­ser und der Vor­lauf­zeit von min­des­tens drei Jah­ren oh­ne­hin aus­ge­schlos­sen. „Und selbst die eta­blier­ten Bren­ne­rei­en ha­ben noch lan­ge nicht aus­ge­lernt“, so Erd­rich. In zwei Jah­ren kommt zwar der ers­te zehn­jäh­ri­ge Rot­haus Whis­ky auf dem deut­schen Markt, doch in Schottland wer­den die edels­ten Brän­de erst nach 15 oder 18 Jah­ren aus dem Fass ge­holt.

HOCH­PRO­ZEN­TI­GES IN FASS UND FLA­SCHE: Noch ist der Markt­an­teil des deut­schen Whis­kys über­schau­bar. Aber An­bie­ter wie Micha­el Schrei­ber mit sei­ner Mar­ke „Scrip­tor“tra­gen da­zu bei, dass die Spi­ri­tuo­se be­lieb­ter wird.

DER CHEF PRO­BIERT SELBST: Gerald Erd­rich von Kam­mer-Kirsch pro­du­ziert den Whis­ky für die Staats­braue­rei Rot­haus. Fo­tos: eki

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