Letz­te Chan­ce

Frei­heits­stra­fe und Ent­zie­hungs­an­stalt für Atta­cke in Regional-Ex­press

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Isa­bel Han­sen

Pforz­heim. Ei­ne lan­ge Haft­stra­fe und ei­ne Ent­zie­hungs­kur ver­ord­ne­te das Land­ge­richt ei­nem 30-jäh­ri­gen Mann, der im Fe­bru­ar ei­ne Frau in ei­nem Re­gio­nal­ex­press mit ei­nem Mes­ser at­ta­ckier­te.

Mit ei­ner Frei­heits­stra­fe von fünf Jah­ren und drei Mo­na­ten, in des­sen Rah­men er in ei­ne Ent­zie­hungs­an­stalt ein­ge­wie­sen wird, gab die Aus­wär­ti­ge Gro­ße Straf­kam­mer des Land­ge­richts Karls­ru­he in Pforz­heim ei­nem Mann, der ei­ne Frau am 8. Fe­bru­ar nachts in ei­nem men­schen­lee­ren Re­gio­nal­ex­press mit ei­nem Mes­ser at­ta­ckiert hat und in Il­lin­gen ge­flüch­tet ist, noch ei­ne letz­te „letz­te“Chan­ce, sein Le­ben zu än­dern.

Im Al­ter von 14 Jah­ren hat der heu­te 30-Jäh­ri­ge sei­ne mehr als stei­le Dro­gen­kar­rie­re be­gon­nen. Er hat ein el­len­lan­ges Vor­stra­fen­re­gis­ter, mit teils ein­schlä­gi­gen Ver­ge­hen, für das Staats­an­walt Do­mi­nik Franz­ki ein­ein­halb St­un­den be­nö­tig­te, um die 26 Ein­trä­ge auf­zu­lis­ten.

Vor al­len Din­gen aber scheint der Mann un­ver­bes­ser­lich zu sein, was zahl­rei­che ab­ge­bro­che­ne The­ra­pi­en na­he­le­gen. Ein Fall al­so für ei­ne Si­cher­heits­ver­wah­rung zum Schutz der All­ge­mein­heit, wie sie Ne­ben­klä­ger Da­ni­el Häu­ser in sei­nem Plä­doy­er for­der­te?

Die Aus­wär­ti­ge Gro­ße Straf­kam­mer des Ge­rich­tes ent­schied an­ders und ver­ur­teil­te den An­ge­klag­ten zu ei­ner mehr­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fe, auf die die bis­he­ri­ge Un­ter­su­chungs­haft eben­so an­ge­rech­net wird wie der an­schlie­ßen­de Auf­ent­halt in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt.

Bleibt noch ein Rest von sie­ben Mo­na­ten und zwei Wo­chen, die der Mann tat­säch­lich im Ge­fäng­nis ab­sit­zen muss, be­vor er in ei­ne ge­schlos­se­ne Ein­rich­tung wech­selt, die ihm nun wirk­lich hel­fen soll, von sei­ner Sucht los­zu­kom­men – auch wenn der An­ge­klag­te selbst da­für ei­gent­lich, zu­min­dest zu Pro­zess­be­ginn, gar kei­ne Not­wen­dig­keit sah.

Rich­ter Andre­as Heid­rich konn­te sich noch gut dar­an er­in­nern, wie der An­ge­klag­te im Brust­ton der Über­zeu­gung er­klär­te, dass ei­ne The­ra­pie für ihn nicht in­fra­ge kom­me.

Sei­ne Chan­ce wi­der Wil­len ver­dankt der 30-jäh­ri­ge An­ge­klag­te dem psych­ia­tri­schen Gut­ach­ter Micha­el Schul­te, auf des­sen Ein­schät­zung sich das Ge­richt stütz­te. „Das Ur­teil drängt sich bei dem Fall nicht so­fort auf“, gab Rich­ter Heid­rich zu.

„Wenn ein Sach­ver­stän­di­ger mit der Er­fah­rung ei­nes Prak­ti­kers, der selbst Pa­ti­en­ten in ge­schlos­se­nen An­stal­ten be­han­delt, ei­ner er­neu­ten The­ra­pie – nun aber in ei­ner spe­zia­li­sier­ten Ent­zie­hungs­an­stalt – gu­te Er­folgs­aus­sich­ten be­schei­nigt, ver­traue ich die­ser Bewertung“, er­läu­ter­te Rich­ter Andre­as Heid­rich.

An­der­seits ha­be der psych­ia­tri­sche Gut­ach­ter Schul­te auch schlüs­sig er­klärt, war­um die bis­he­ri­gen The­ra­pi­en, die sich auf die Be­hand­lung der Sucht kon­zen­trier­ten, bei Pa­ti­en­ten, die wie der An­ge­klag­te ei­ne schwe­re Per­sön­lich­keits­stö­rung kom­bi­niert mit ge­rin­ger In­tel­li­genz ha­ben, na­he­zu zwangs­läu­fig schei­tern muss­ten, so Heid­rich wei­ter.

Wohl auch des­halb ver­zich­te­te Rich­ter Heid­rich bei der gest­ri­gen Ver­kün­dung des Ur­teils auf die ob­li­ga­to­ri­sche Er­mah­nung in Rich­tung des An­ge­klag­ten, die­se nun wirk­lich letz­te Chan­ce auch zu nut­zen.

Der An­ge­klag­te da­ge­gen wirk­te bei der Ur­teils­ver­kün­dung na­he­zu un­be­tei­ligt. Der 30-Jäh­ri­ge ließ die Au­gen durch den Saal schwei­fen. Vi­el­leicht konn­te er das Ge­sag­te auch nicht wirk­lich ver­ste­hen.

Sei­ne letz­ten Wor­te, mit de­nen der An­ge­klag­te den Ver­zicht auf Rechts­mit­tel er­klär­te, lau­te­ten: „Das passt schon so.“

Mit 14 Jah­ren stei­le Dro­gen­kar­rie­re be­gon­nen

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