„Pforz­heim spricht über Por­sche, wir ha­ben Por­sche“

Mühl­ackers OB Frank Schnei­der drückt vor der Wahl im Ok­to­ber aufs Gas­pe­dal / Neue Stadt­hal­le bis 2020 fer­tig?

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Mühl­acker. Der Klang sei­ner Stim­me deu­tet auf ei­ne Er­käl­tung hin, und das mit­ten in der Fe­ri­en­zeit. Frank Schnei­der ist seit ges­tern im Ur­laub an der Nord­see. Dort will der Ober­bür­ger­meis­ter von Mühl­acker Kraft tan­ken, um für den Wahl­kampf ge­wapp­net zu sein. Wenn es denn über­haupt zu ei­nem ech­ten Wahl­kampf kommt. Der Be­wer­bungs­schluss ist am 26. Sep­tem­ber, bis­lang hat sich noch nie­mand aus der De­ckung ge­wagt. Die OB-Wahl ist am 22. Ok­to­ber. Be­vor der 55-jäh­ri­ge Ju­rist mit sei­ner Frau Rich­tung Nor­den auf­ge­bro­chen ist, spra­chen die Ku­ri­er-Re­dak­teu­re Tas­si­lo Pfit­zen­mei­er und Tors­ten Ochs mit ihm un­ter an­de­rem über wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen im Ge­mein­de­rat, über neue Ge­wer­be­flä­chen und die Zu­kunft des Zie­ge­lei-Ge­län­des.

Herr Schnei­der, Sie wol­len OB von Mühl­acker blei­ben. Hät­te Sie das Amt des Land­rats nicht auch ge­reizt, nach­dem Karl Rö­ckin­ger am 30. Ju­ni be­kannt­gab, nicht mehr an­zu­tre­ten?

Schnei­der: Ich ha­be mich schon früh ent­schie­den, er­neut für das OB-Amt zu kan­di­die­ren. Man kann ja nicht auf zwei Hoch­zei­ten tan­zen, auch wenn das Amt des Land­rats si­cher at­trak­tiv ist.

Traut sich noch ein Ge­gen­kan­di­dat, sei­nen Hut in den Ring zu wer­fen?

Schnei­der: Bis­lang gibt es kei­ne Si­gna­le, es ist re­la­tiv ru­hig. Ich be­rei­te mich aber vor und schaue, was pas­siert.

Der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Ge­mein­de­rat, Tho­mas Knapp, wur­de – mal wie­der – als mög­li­cher Ge­gen­kan­di­dat ge­nannt ...

Schnei­der: Da­zu kann ich nichts sa­gen.

Was schät­zen Sie als ge­bür­ti­ger Mühl­acke­rer denn be­son­ders an der größ­ten Kom­mu­ne im Enz­kreis?

Schnei­der: Die Men­schen hier sind fröh­lich, das hat das Wein­fest wie­der ge­zeigt. Sie kön­nen sich aber auch en­ga­gie­ren, zum Bei­spiel in den Zu­kunfts­werk­stät­ten. Die Bür­ger von Mühl­acker sind ak­tiv und in­ter­es­siert, wol­len et­was vor­an­brin­gen und bei al­ler Dis­kus­si­ons­freu­de auch et­was be­we­gen.

Das The­ma „Müh­le­hof“scheint nach lan­gem Hin und Her ge­löst, der Kauf des Zie­ge­lei-Ge­län­des scheint nur noch ei­ne Form­sa­che: Man könn­te sa­gen, Sie ha­ben gera­de ei­nen Lauf ...

Schnei­der: Die Notar­ter­mi­ne für den Kauf der Zie­ge­lei sind be­reits ver­ein­bart. Es hat ein biss­chen ge­dau­ert, bis al­le De­tails mit dem Ei­gen­tü­mer aus­ge­han­delt wer­den konn­ten. Der Ei­gen­tü­mer kommt aus Bel­gi­en und ist sel­ten hier. Wir müs­sen das jetzt aber auch nicht übers Knie bre­chen.

Wie tief muss die Stadt hier in die Ta­sche grei­fen? Schnei­der: Das Zie­ge­lei-Grund­stück kos­tet 7,5 Mil­lio­nen Eu­ro. Wir wür­den die­se Sum­me nicht in die Hand neh­men, wenn wir nicht der Mei­nung wä­ren, dass es sich für die Stadt lohnt.

Was ist auf dem Ge­län­de ge­plant?

Schnei­der: Wir ha­ben ein Ein­zel­han­dels­gut­ach­ten in Auf­trag ge­ge­ben, das uns jetzt vor­liegt. Wir den­ken an ei­nen Bau­markt, even­tu­ell ver­bun­den mit ei­nem Gar­ten­cen­ter. Wohn­be­bau­ung ist im vor­de­ren Be­reich we­gen der Nä­he zur Bahn­li­nie nicht vor­ge­se­hen, da­für aber im hin­te­ren Ab­schnitt. Hier könn­ten Wohn­kom­ple­xe und ein Kin­der­gar­ten ent­ste­hen.

Ein wei­te­res wich­ti­ges The­ma ist das Vor­ge­hen beim „Müh­le­hof“. Der Ge­mein­de­rat hat sich für ei­nen Ab­riss des Kul­tur- und Ta­gungs­zen­trums mit meh­re­ren Sä­len ent­schie­den. Was pas­siert mit dem Grund­stück?

Schnei­der: Das The­ma be­schäf­tigt uns schon ei­ni­ge Zeit. Die Be­völ­ke­rung ist – so ist zu­min­dest mein Ein­druck – froh, dass es über­haupt ei­ne Ent­schei­dung gibt. Ein Neu­an­fang ist rich­tig und wich­tig. Der Rück­bau, der die Stadt vor­aus­sicht­lich 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro kos­tet, wird ei­ne Wei­le dau­ern. Dann bau­en wir an glei­cher Stel­le ei­ne neue Stadt­hal­le.

Die wird aber nicht die gan­ze vor­han­de­ne Flä­che ein­neh­men ...

Schnei­der: Rich­tig. Es gibt Über­le­gun­gen, ob das Land­rats­amt hier sei­ne Au­ßen­stel­len an ei­nem Ort bün­delt.

Wann könn­te die neue Stadt­hal­le am Kon­rad-Ade­nau­er-Platz ste­hen?

Schnei­der: Ich hof­fe, dass der Bau nicht län­ger dau­ert als ein bis zwei Jah­re. Mein Wunsch wä­re, dass die Hal­le bis 2020 fer­tig ist.

Die Stadt braucht neue Ge­wer­be­flä­chen, der Ge­mein­de­rat hat kürz­lich ei­nen Grund­satz­be­schluss ge­fasst. Ist die Nach­fra­ge so groß?

Schnei­der: Ja, so­wohl im Be­reich Be­stand­ser­wei­te­rung als auch bei Neu­an­sied­lun­gen. Die Ge­wer­be­steu­er ist ei­ne wich­ti­ge Ein­nah­me­quel­le für je­de Ge­mein­de. Und: Pforz­heim spricht über Por­sche, wir ha­ben Por­sche.

Sie spie­len auf den Coup der Stadt an, den Por­sche-Zu­lie­fe­rer Thys­senK­rupp nach Mühl­acker zu ho­len...

Schnei­der: Der Part­ner von Por­sche will im Ge­biet „Lug-Ost­tan­gen­te“bau­en und dort für den E-Por­sche pro­du­zie­ren. Da­durch wird Mühl­acker noch at­trak­ti­ver für hoch qua­li­fi­zier­te Ar­beit­neh­mer. Und im be­nach­bar­ten Ge­biet „Waldä­cker“hat die Was­ser­tech­nik-Fir­ma ICON aus Pforz­heim ein Grund­stück er­wor­ben. Auch hier könn­ten in den nächs­ten Jah­ren ei­ni­ge Ar­beits­plät­ze ent­ste­hen.

Neue Ge­wer­be­flä­chen sto­ßen aber nicht bei al­len auf Zu­stim­mung...

Schnei­der: Im No­vem­ber 2016 gab es des­halb ei­nen Bür­ger­ent­scheid, bei dem es grund­sätz­lich um die Fra­ge ging, ob Mühl­acker über­haupt ein wei­te­res Ge­wer­be­ge­biet be­kom­men soll. Ein Teil der Be­völ­ke­rung hat­te Be­den­ken, vor al­lem bei Fra­gen des Na­tur­schut­zes. Al­ler­dings wur­de das Quo­rum nicht er­reicht, es gab kei­ne Mehr­heit von min­des­tens 20 Pro­zent der gut 19 000 Stimm­be­rech­tig­ten.

Sind Sie froh über das Er­geb­nis?

Schnei­der: Ei­ne gut funk­tio­nie­ren­de Infrastruktur mit Kran­ken­haus und gu­tem Kin­der­be­treu­ungs­an­ge­bot kön­nen Sie nur auf­recht­er­hal­ten, wenn Sie auch Ge­wer­be vor Ort ha­ben. Wir ha­ben ei­ne Ar­beits­lo­sen­quo­te von et­wa drei Pro­zent. Das führt auch zu so­zia­lem Frie­den. Der so­zia­le Frie­de scheint in Enz­berg der­zeit et­was ge­stört. An­woh­ner der Orts­mit­te kla­gen über Lärm und Müll, of­fen­bar ver­ur­sacht durch in der Nach­bar­schaft le­ben­de Ro­ma-Fa­mi­li­en. Wie stellt sich die Si­tua­ti­on aus Ih­rer Sicht dar?

Schnei­der: Wir ar­bei­ten schon län­ger dar­an, die Po­li­zei und die Ci­ty-Strei­fe zei­gen dort ver­mehrt Prä­senz. Des­halb hat sich die La­ge auch et­was ent­spannt. Wir set­zen auf ei­ne Misch­form von Kon­trol­le, So­zi­al­ar­beit und kla­rer An­spra­che.

Vor al­lem in der Nacht soll die Lärm­be­las­tung aber sehr hoch sein...

Schnei­der: Für die Ro­ma ist ein Auf­ent­halt im Frei­en nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Gär­ten, wo sie sich auf­hal­ten könn­ten, ha­ben sie in Enz­berg nicht. Des­halb wur­den uns schon ei­ni­ge Ru­he­stö­run­gen ge­mel­det. Wich­tig ist, dass man mit den Men­schen spricht. Auch die Deut­schRu­mä­ni­sche Ge­sell­schaft hat ih­re Hil­fe an­ge­bo­ten.

Die Be­schwer­den gibt es aber schon seit mehr als ei­nem Jahr, wa- rum kön­nen die Be­hör­den hier nicht stren­ger vor­ge­hen?

Schnei­der: Gibt es ei­nen Ver­stoß, der ge­mel­det wird, muss die Po­li­zei zu die­sem Zeit­punkt schon vor Ort sein. Sa­lopp ge­sagt: Man muss die Ru­he­stö­rer auf fri­scher Tat er­tap­pen. Dann wür­den wir das auch ahn­den. In ei­nem Fall hat der Ver­mie­ter die Reiß­lei­ne ge­zo­gen und den Mie­tern ge­kün­digt.

Die VR Bank Neckar-Enz hat Fi­lia­len in Lo­mers­heim und Mühl­hau­sen ge­schlos­sen. Jetzt sol­len auch die Geld­au­to­ma­ten ab­ge­zo­gen wer­den. Sind Sie in Ge­sprä­chen mit der Bank?

Schnei­der: Grund­sätz­lich ha­ben die klei­nen Orts­tei­le die Be­fürch­tung, ab­ge­hängt zu wer­den. Wir müs­sen aber die Gr­und­ver­sor­gung auf­recht­er­hal­ten. Des­halb stel­len wir uns die Fra­ge: Wel­che Leis­tun­gen brau­chen wir noch? Und die Bank hat ver­si­chert, dass die Geld­au­to­ma­ten in den an­ge­spro­che­nen Stadt­tei­len kaum ge­nutzt wer­den.

Und wie kom­men Men­schen, die nicht in die Stadt fah­ren kön­nen, dann zu Bar­geld?

Schnei­der: Die VR Bank Neckar-Enz macht das Ser­vice­An­ge­bot, den ge­wünsch­ten Be­trag nach Hau­se zu lie­fern. Das wä­re für die Bank so­gar güns­ti­ger als ei­nen Geld­au­to­ma­ten zu un­ter­hal­ten.

Das Wahr­zei­chen von Mühl­acker ist der Sen­der. Der SWR will ihn ab­rei­ßen, das Denk­mal­amt und ei­ne Bür­ger­initia­ti­ve for­dern des­sen Er­halt. Wel­che Lö­sung wün­schen Sie sich?

Schnei­der: Die Stadt als un­te­re Denk­mal­schutz­be­hör­de hat das Ab­bruch-Ge­such des SWR ab­ge­lehnt. Wir wol­len, dass der Sen­der er­hal­ten bleibt und wer­den – wenn nö­tig – kla­gen. Wich­tig da­bei ist die Fra­ge: Tritt der SWR hier als Pri­vat­un­ter­neh­men oder als Lan­des­an­stalt des öf­fent­li­chen Rechts auf? Wir als Stadt sind der Mei­nung, dass der SWR für die Un­ter­halts­kos­ten des Sen­ders, rund 80 000 Eu­ro im Jahr, auf­kom­men soll­te.

STREBT SEI­NE ZWEI­TE AMTS­ZEIT AN: Der Mühl­acker OB Frank Schnei­der hat im Mo­ment noch kei­nen Ge­gen­kan­di­da­ten. Fo­to: Ochs

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