„Wie ein Bün­del Sil­ves­ter­ra­ke­ten“

Jahr­hun­dert­star El­vis

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - MUSS I DENN ...: El­vis als GI in Friedberg. Fo­tos: So­ny Mu­sic Ar­chi­ve

Vor 40 Jah­ren – am 16. Au­gust 1977 – starb El­vis Pres­ley. Der Sän­ger aus der Kle­in­stadt Tu­pelo in Mis­sis­sip­pi gilt als ei­ner der be­deu­tends­ten Ver­tre­ter der Rock- und Pop­kul­tur des 20. Jahr­hun­derts. Ei­ne Mil­li­ar­de ver­kauf­ter Ton­trä­ger ma­chen ihn zum er­folg­reichs­ten So­lo­künst­ler al­ler Zei­ten. Da­bei währ­te sei­ne Kar­rie­re gera­de mal 23 Jah­re. Olaf Ne­u­mann sprach mit sei­ner Ex-Frau Pri­scil­la und ei­ni­gen sei­ner Weg­be­glei­ter.

Die 1950er ste­hen für die Kul­tur des Auf­be­geh­rens. Der Drang nach Frei­heit und die Re­bel­li­on ge­gen die bür­ger­li­che Moral sor­gen für den Ur­knall des Rock ’n’ Roll. Die­se neue mu­si­ka­li­sche Be­we­gung ver­schmilzt Ele­men­te von Blues, Swing und Coun­try mit Ero­tik. Zum größ­ten Star die­ses Sounds wird ein 19-jäh­ri­ger Lkw-Fah­rer aus Tu­pelo/ Mis­sis­sip­pi: El­vis Pres­ley.

Im Früh­jahr 1954 macht er in Mem­phis/Ten­nes­see die Be­kannt­schaft des Pro­du­zen­ten Sam Phil­lips. Der Be­sit­zer des win­zi­gen Sun Re­cor­ds Stu­di­os an der Uni­on Ave­nue ist auf der Su­che nach ei­nem wei­ßen Coun­try­sän­ger, der über ei­ne Rhythm ’n’ BluesS­tim­me ver­fügt. Im Som­mer 1954 kommt Pres­ley in den Sun Stu­di­os erst­mals mit dem Gi­tar­ris­ten Scot­ty Moo­re und dem Bas­sis­ten Bill Black zu­sam­men. Sam Phil­lips ist von den sen­ti­men­ta­len Lie­dern des jun­gen Sän­gers zu­nächst we­nig be­ein­druckt. Als die­ser in ei­ner Pau­se am Mi­kro­fon her­umal­bert und spon­tan die Blues-Num­mer „That’s All Right (Ma­ma)“von Ar­thur Cru­dup in­to­niert, stei­gen Black und Moo­re nach­ein­an­der in die Ses­si­on mit ein. In dem Mo­ment ent­deckt Phil­lips in El­vis’ Stim­me das ge­wis­se Et­was: ei­ne ge­heim­nis­vol­le ero­ti­sche An­zie­hungs­kraft.

Sam Phil­lips hat ein un­trüg­li­ches Ge­spür da­für, wann ein Künst­ler sei­ne bes­te Vor­stel­lung gibt. Ihm kommt es vor al­lem aufs Ge­fühl und nicht auf die tech­ni­sche Per­fek­ti­on an, und so sucht er stets nach der per­fek­ten un­per­fek­ten Auf­nah­me. Phil­lips ist ein In­no­va­tor, in­dem er beim Ab­mi­schen El­vis’ Stim­me zu­rück­nimmt zu­guns­ten der In­stru­men­te, was da­mals ab­so­lut un­üb­lich ist. Zu­dem ver­wen­det er bei den Auf­nah­men ei­nen Echo-Ef­fekt, in­dem er das Ton­band durch ei­nen zwei­ten Re­cor­der lau­fen lässt. 1956 wech­selt El­vis Pres­ley schließ­lich vom re­gio­na­len Sun- zum na­tio­na­len RCA-La­bel. Sei­nen neu­en Pro­du­zen­ten ge­lingt es je­doch nicht, den cha­rak­te­ris­ti­schen Sun-Re­cor­ds-Sound zu imi­tie­ren.

Sei­ne ers­te Sing­le beim neu­en La­bel ist „He­art­break Ho­tel“. Sie ent­wi­ckelt sich mit zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren zum größ­ten Hit des Jah­res 1956. Der „Rol­ling Sto­ne“wählt sie in sei­ner Lis­te der 500 bes­ten Singles al­ler Zei­ten auf Platz 45. Am 23. März 1956 er­scheint das Al­bum „El­vis Pres­ley“. Für sein De­büt greift der in­zwi­schen 21 Jah­re al­te Sän­ger auf Rock-’n’-Roll- und Ro­cka­bil­ly-Songs aus der Sun-Zeit und neue­re Ti­tel zu­rück. Für RCA wird es der ers­te Mil­lio­nen­sel­ler in sei­ner Ge­schich­te.

1959 lernt der im hes­si­schen Friedberg sta­tio­nier­te GI Pres­ley auf ei­ner Par­ty die erst 14-jäh­ri­ge Pri­scil­la Be­au­lieu ken­nen. Sie wer­den zu ei­nem der be­rühm­tes­ten Lie­bes­paa­re der Mu­sik­welt. Heu­te, fast 60 Jah­re spä­ter, lässt Pri­scil­la Pres­ley den Kult um den King wei­ter­le­ben. Zu­letzt ließ sie sei­ne Songs vom Roy­al Phil­har­mo­nic Orches­tra neu ein­spie­len und er­zürn­te da­mit vie­le Hard­core-Fans.

Die heu­te 71-Jäh­ri­ge hät­te nicht ge­dacht, dass El­vis’ Mu­sik die Jahr­zehn­te über­dau­ern wür­de. „Ich bin ver­dutzt, wie vie­le Fans er noch im­mer hat“, er­zählt sie beim In­ter­view in Frank­furt. „Es scheint, als wür­de er von der Öf­fent­lich­keit bis heu­te um­armt wer­den. Die Men­schen lie­ben ihn, be­son­ders in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz. Sei­ne Mu­sik war ja auch groß­ar­tig. ‘He­art­break Ho­tel’ und ‘Ted­dy Be­ar’ kann­te ich be­reits, be­vor ich wuss­te, wie er über­haupt aus­sah. El­vis sang an­ders als je­der Sän­ger, den ich bis da­hin ge­hört hat­te. Frank Si­na­tra war das Idol mei­ner El­tern, aber El­vis ver­än­der­te al­les. Als ich ihn dann schließ­lich in dem Film ‘Love Me Ten­der’ zum ers­ten Mal sah, dach­te ich: Nicht schlecht, nicht schlecht!“

In ei­nem rich­ti­gen Kon­zert er­leb­te Pri­scil­la ihn je­doch erst vie­le Jah­re spä­ter. „Es ge­schah 1969 in Las Ve­gas. In den 60ern dreh­te er ja haupt­säch­lich Fil­me. Als ich ihn schließ­lich in die­ser 18 000 Zu­schau­er fas­sen­den Hal­le auf die Büh­ne kom­men sah, konn­te ich es nicht fas­sen. El­vis wirk­te auf mich wie ein Ti­ger im Kä­fig. Oh mein Gott, ich war mit dem Mann vie­le Jah­re zu­sam­men, aber die­se Seite von ihm kann­te ich bis da­hin nicht.“

El­vis ist auch le­gen­där für sei­ne Ma­rot­ten. Er be­saß zum Bei­spiel ei­ne 57er Da­mit soll er im­mer wie­der auf sei­nen Fern­se­her ge­schos­sen ha­ben. Pri­scil­la kann die­se bi­zar­re Ge­schich­te be­stä­ti­gen. „Die­se An­ge­wohn­heit hat­te nichts mit sei­ner Künst­ler­per­sön­lich­keit zu tun, son­dern mit sei­nem Tem­pe­ra­ment“, er­zählt sie und lacht. „Wenn er schlech­te Lau­ne hat­te und je­mand Be­stimm­ten im Fern­se­hen sah oder et­was nicht ver­stand, muss­te man da­mit rech­nen, dass er auf den Bild­schirm schoss. Er durf­te das, denn er war El­vis. (Lacht) Es ist nicht stän­dig pas­siert, aber wir ver­schlis­sen schon so ei­ni­ge Fern­seh­ge­rä­te. El­vis war kom­pli­ziert, aber gleich­zei­tig auch ein­fach zu hän­deln. Für­wahr ein ein­zig­ar­ti­ger Cha­rak­ter.“

Als das Paar am 1. Mai 1967 in ei­ner Sui­te im Al­la­din Ho­tel in Las Ve­gas hei­ra­te­te, be­fand El­vis Pres­ley sich in ei­ner Tret­müh­le. Sein Ma­na­ger Co­lo­nel Par­ker hetz­te ihn von ei­nem Film­pro­jekt zum nächs­ten, die for­mel­haf­ten und mit über­schau­ba­rem Auf­wand pro­du­zier­ten Hol­ly­wood-Strei­fen hie­ßen „G.I. Blues“, „Fla­ming Star“oder „Wild In The Coun­try“, war­fen aber ve­ri­ta­ble Hits wie „Can’t Help Fal­ling In Love“und „Re­turn To Sen­der“ab. Als am 1. Fe­bru­ar 1968 El­vis’ und Pri­scil­las ein­zi­ges ge­mein­sa­mes Kind Li­sa Ma­rie ge­bo­ren wur­de, war ihr Va­ter höchst un­glück­lich über den Ver­lauf sei­ner Kar­rie­re. Das soll­te sich erst mit sei­nem ‘68 Come­back Spe­cial’ än­dern, sei­ner ers­ten Live-Per­for­mance seit 1961.

Ed Enoch, Lead­sän­ger des welt­be­rühm­ten Stamps Quar­tet, das für Pres­ley als Back­ground­chor fun­gier­te, er­in­nert sich noch leb­haft an die spä­ten Auf­trit­te sei­nes Chefs. „Sie wa­ren ganz schön wild. El­vis war ein Ac­tion-Typ. Spe­zi­ell wenn er ‘Su­s­pi­cious Mind’ oder ‘Polk Sa­lad An­nie’ sang, ging er ab wie ein Bün­del Sil­ves­ter­ra­ke­ten. El­vis konn­te sich von ei­nem Mo­ment auf den nächs­ten von ei­nem Ro­cker in ei­nen Bal­la­den­sän­ger ver­wan­deln und dich un­glaub­lich be­rüh­ren. El­vis war ein­zig­ar­tig.“

Man weiß heu­te, dass Pres­ley in sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren täg­lich ei­nen Pil­len­cock­tail und Un­men­gen von Fast Food in sich hin­ein­stopf­te. Er­staun­li­cher­wei­se hat­te das kaum Aus­wir­kun­Ma­gnum. gen auf sei­ne Stim­me. „So­bald er sang, war er ganz bei sich“, er­zählt Ed Enoch. „Das Pu­bli­kum ahn­te nichts da­von und auch wir Mu­si­ker nicht. Er gab auf der Büh­ne im­mer al­les – egal, ob er gera­de glück­lich war oder trau­rig. Wir al­le wuss­ten nichts von sei­nem see­li­schen Zu­stand. Dar­an sieht man, wie pro­fes­sio­nell El­vis wirk­lich war.“

Al­lein in sei­nem To­des­jahr soll sein Arzt ihm 10 000 Pil­len – Schmerz­mit­tel, Psy­cho­phar­ma­ka, Schlaf­ta­blet­ten – ver­schrie­ben ha­ben. Das war zu viel für sei­nen Kör­per: am 16. Au­gust 1977 wur­de El­vis Pres­ley tot in sei­nem Ba­de­zim­mer auf­ge­fun­den. Sein Haus­fo­to­graf Ed Bon­ja glaubt nicht, dass sein tra­gi­sches En­de hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen. Bon­ja: „Ich weiß, dass Red West, Son­ny West und Da­ve He­b­ler ver­sucht ha­ben, ihn von den Pil­len weg­zu­brin­gen. Was pas­sier­te? El­vis schmiss sie raus. Al­le um ihn her­um hat­ten Angst, dass ih­nen das­sel­be pas­sie­ren wür­de. Man konn­te El­vis nichts vor­schrei­ben. Selbst der Co­lo­nel nicht, und der war wie ein Va­ter für ihn.“Olaf Ne­u­mann

EIN­ZIG­AR­TIG: El­vis Pres­ley. Vor 40 Jah­ren starb der King of Rock ’n’ Roll.

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