Mut­ma­cher ra­delt um die Welt

Sven Marx: be­hin­dert, aber nicht ta­ten­los

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - NIE­MALS AUF­GE­BEN: Sven Marx in der Mon­go­lei vor Dschin­gis-Khan-Denk­mal. Fo­to: pr i Im Netz www.sven-glo­be­trot­ter.com

Das Ge­hen fällt ihm schwer, und auch das räum­li­che Se­hen ist ihm ab­han­den­ge­kom­men. Seit ein Ge­hirn­tu­mor ein Teil von ihm ist, hat sich das Le­ben von Sven Marx grund­le­gend ver­än­dert. Auf ei­ne Ope­ra­ti­on und die teil­wei­se Ent­fer­nung des Ge­hirns folg­ten drei Mo­na­te In­ten­siv­sta­ti­on mit halb­sei­ti­ger Läh­mung, künst­li­cher Er­näh­rung und Be­at­mung. Da­nach stan­den drei Mo­na­te Re­ha auf dem Pro­gramm. Der einst so rei­se­lus­ti­ge Ber­li­ner war kom­plett aus­ge­bremst und muss­te wie­der es­sen, sit­zen und ge­hen ler­nen. Doch all das hat ihn nicht schwä­cher, son­dern stär­ker ge­macht. Und auch wenn Marx nun heu­te mit vie­len Be­hin­de­run­gen zu kämp­fen hat, ist Rei­sen nach wie vor sei­ne gro­ße Lei­den­schaft. Am 23. April hat sich der en­ga­gier­te Mann nun vom Bran­den­bur­ger Tor aus auf die Rei­se sei­nes Le­bens ge­macht: Un­ter dem Mot­to „In­klu­si­on braucht Ak­ti­on“will er in den nächs­ten 18 Mo­na­ten auf sei­nem Fahr­rad rund 29 000 Ki­lo­me­ter durch al­le Kon­ti­nen­te zu­rück­le­gen – und trans­por­tiert da­bei ei­ne Fa­ckel: die In­klu­si­ons­fa­ckel des gro­ßen Netz­werks „In­klu­si­on für Deutsch­land“als Zei­chen für die Gleich­stel­lung von Be­hin­der­ten.

Marx hat als Tauch­leh­rer in Ägyp­ten ge­ar­bei­tet und ist in sei­nem Le­ben schon im­mer viel ge­reist. Und er lieb­te es, mit dem Mo­tor­rad un­ter­wegs zu sein. All das kann er heu­te nicht mehr tun. „Aber es hilft nie­man­den, sei­nem al­ten Le­ben nach­zu­trau­ern“, sagt er. Und wäh­rend das Lau­fen ihm gro­ße Pro­ble­me be­rei­tet, hat er das Rad­fah­ren für sich als gu­te Art der Fort­be­we­gung ent­deckt.

„Ich ha­be 2012 nach mei­ner Hirn­ope­ra­ti­on ge­schwo­ren, dass ich mir ei­ne Welt­rei­se spen­die­re, wenn ich das Al­ter von 50 Jah­ren er­rei­che. Und in ein paar Wo­chen ist nun so­weit“, er­klär­te er am Start sei­ner Rei­se. Und so mach­te sich Marx per Draht­esel von Berlin über Straus­berg durch das öst­li­che Bran­den­burg in Rich­tung Dan­zig auf den Weg. Sei­ne ge­plan­te Rou­te führt über Po­len, Li­tau­en, Lett­land, Est­land, Finn­land, Russ­land, Japan, Viet­nam, La­os, Thai­land, Ma­lay­sia, Sin­ga­pur, Aus­tra­li­en, Neu­see­land, USA, Ku­ba, Ma­rok­ko, Por­tu­gal, Spa­ni­en, Frank­reich, En­g­land und Hol­land zu­rück nach Berlin. Über­nach­ten wird er des Öf­te­ren im Zelt, um Geld zu spa­ren. Der An­fang war al­ler­dings holp­rig und un­ge­müt­lich: Nach ei­ner gran­dio­sen Ver­an­stal­tung am Bran­den­bur­ger Tor und ei­ner Run­de um die Sie­ges­säu­le ver­ab­schie­de­te sich Marx bei Schnee­re­gen und Grau­pel­schau­ern. Die ers­ten Näch­te im Zelt wa­ren – trotz Zwie­bel­tech­nik der Klei­dung – bit­ter­kalt. Auch die We­ge wa­ren löch­rig und schlecht. „Sol­che We­ge stren­gen mich sehr an, mei­ne Au­gen funk­tio­nie­ren ja nicht mehr so toll und ich bin im­mer sehr an­ge­spannt, um schnell ab­sprin­gen zu kön­nen“, sagt er.

Doch der Glo­be­trot­ter biss sich durch: Nur mit sei­ner ei­ge­nen Kör­per­kraft kämpf­te er sich durch Po­len, Li­tau­en, Lett­land und Est­land. Drei Wo­chen nach sei­nem Auf­bruch in Berlin ließ er das Rad dann erst ein­mal ste­hen. Am 10. Mai schloss er sei­ne Frau An­nett in Hel­sin­ki in die Ar­me, denn für sei­nen 50. hat­ten die bei­den et­was ganz Be­son­de­res ge­plant: den be­son­de­ren Tag mit Ku­chen am Nord­kap zu fei­ern. Al­ler­dings fuhr man dort­hin per Zug und per Au­to statt mit dem Rad.

Nach die­sem Ein­schnitt ging es für den nun 50-Jäh­ri­gen al­lein wei­ter – durch Russ­land. Lei­der er­hielt er nicht das Ein-Jah­res-Vi­sum, son­dern nur ei­nes für drei Mo­na­te. Die Zeit, das rie­si­ge Land zu durch­ra­deln, war al­so knapp. Er trat in die Pe­da­le, Tag für Tag. En­de Mai er­reich­te Sven Marx den Bai­kal­see. Zu­vor hat­ten ihm die Ber­ge zu schaf­fen ge­macht. Aber es heißt ja: Wer sein Rad liebt, der schiebt! Und auf der lan­gen und hü­ge­li­gen Stre­cke hat der Glo­be­trot­ter oft ge­scho­ben.

Dann ging es wei­ter: Er ist durch traum­haf­te Land­schaf­ten ge­ra­delt und hat sein Zelt in Wäl­dern und an Se­en auf­ge­baut. Er hat sein Rad auf Sand­stra­ßen ge­scho­ben, gro­ße Hit­ze er­tra­gen und muss­te sich von läs­ti­gen Flie­gen bei­ßen las­sen. Doch die gro­ße Gast­freund­schaft ließ al­le Stra­pa­zen schnell ver­ges­sen. Frem­de Men­schen lu­den ihn zum Es­sen ein, zeig­ten ihm den Weg, hal­fen bei der Über­que­rung ei­ner ge­sperr­ten Brü­cke. Am Bai­kal­see lern­te er Di­di aus Pas­sau mit sei­nem voll aus­ge­stat­te­ten To­yo­ta ken­nen. „Er hat mich dann samt Fahr­rad in den ers­ten Ju­ni­wo­chen durch die Mon­go­lei mit­ge­nom­men und mir so – we­gen des ein­ge­schränk­ten Vi­sums – zeit­lich aus der Pat­sche ge­hol­fen“, er­klärt der Glo­be­trot­ter.

Nun ist nach rund 11 000 Ki­lo­me­tern Wla­di­wos­tok er­reicht, und der Plan ist, schon bald mit der Fäh­re nach Japan über­zu­set­zen. „Es ist an­stren­gend, aber je­der Tag ist ein Ge­schenk und hält un­end­lich vie­le Über­ra­schun­gen be­reit“re­sü­miert er sei­ne Rad­tour bis jetzt. Fest ste­he je­den­falls, dass er nicht auf­ge­ben wer­de, son­dern sei­ne Welt­tour kom­plett durch­zie­hen möch­te.

Und was er an­de­ren mit auf den Weg ge­ben kann: „Es ist nicht leicht, mit le­bens­ge­fähr­li­chen Dia­gno­sen zu le­ben, aber ich kann nur je­dem ra­ten, der ei­ne le­bens­ver­än­dern­de Krank­heit hat: Gebt auf! Aber gebt nicht euch auf, son­dern gebt eu­er al­tes Le­ben so schnell wie mög­lich auf!“Chris­tia­ne Flecht­ner

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