Der Duft der gro­ßen Fe­ri­en

von Si­byl­le Kra­nich

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT -

Man liest ja im­mer wie­der von Men­schen, die un­be­merkt in ih­rer Woh­nung ster­ben und erst nach Jah­ren mu­mi­fi­ziert auf dem So­fa sit­zend ge­fun­den wer­den. Das ist sehr trau­rig und zu der be­trof­fe­nen Fra­ge war­um kei­ner der 112 Nach­barn im Wohn­block et­was be­merkt hat, spre­chen Pa­tho­lo­gen im Fern­se­hen dann sehr sach­lich von güns­ti­gen Lüf­tungs­be­din­gun­gen, die in man­chen Fäl­len da­für sor­gen kön­nen, dass or­ga­ni­sches Ma­te­ri­al nicht zwangs­läu­fig zu ei­ner stin­ken­den Mas­se zer­fällt.

Ei­nes steht fest: In Te­enager-Zim­mern herr­schen sel­ten güns­ti­ge Lüf­tungs­be­din­gun­gen! Die Fe­ri­en sind weit vor­an­ge­schrit­ten, fast ha­ben Va­ter, Mut­ter und Kin­der schon ver­ges­sen, dass es so et­was wie Schu­le über­haupt gibt, da weht seit neu­es­tem ein selt­sa­mer Duft durchs Ein­fa­mi­li­en­haus. Ei­ne Wo­che lang den­ken sich die Er­zie­hungs­ver­ant­wort­li­chen nicht viel da­bei. Denn, dass es in den (gott­lob) sel­te­nen Fäl­len ei­ner Tür­öff­nung zu den Ju­gend­zim­mern hin­ter­her im­mer ein we­nig riecht, dar­an hat man sich ja schon ge­wöhnt. Doch jetzt – in Wo­che drei der Som­mer­fe­ri­en – mischt sich seit neu­es­tem ei­ne schär­fe­re No­te in die ver­trau­te Duft­wol­ke. „Riecht wie to­ter Fisch“, stellt die Elf­jäh­ri­ge ei­nes Mor­gens fach­män­nisch fest. „Ja. Aber ei­ner, der sich zu To­de ge­kotzt hat“, er­gänzt das zweit­äl­tes­te Mit­glied im Kin­der-Ex­per­ten­rat. „To­ter Fisch mit Kot­ze und ... fau­len Ei­ern“, meint der Äl­tes­te er­schnüf­felt zu ha­ben. „To­ter Fisch mit Kot­ze und fau­len Ei­ern und ... Hun­de­kot!“, setzt die Jüngs­te noch ei­nen drauf.

Am Tisch ent­spinnt sich ei­ne mun­te­re, sel­ten har­mo­ni­sche, den Wort­schatz und das Ge­dächt­nis­ver­mö­gen stär­ken­de Par­tie „Ich baue mei­ne Stink­bom­be und pa­cke hin­ein ...“, wäh­rend es der Mut­ter beim Spül­ma­schi­ne aus­räu­men lang­sam däm­mert. Un­ge­wohnt viel Platz ist da in der Schub­la­de mit den Tup­per­schüs­seln und Brot­do­sen. Ko­misch ...

Jäh wird dar­auf die Spiel­par­tie im Wohn­zim­mer un­ter­bro­chen. Die Sil­hou­et­te der ers­ten Haus­halts­be­voll­mäch­tig­ten er­scheint be­droh­lich im Tür­rah­men, die Stim­me schär­fer als der Ge­ruch im Trep­pen­haus, der Be­fehl un­miss­ver­ständ­lich: „Ihr geht jetzt ganz schnell hoch und packt end­lich eure Schul­ta­schen aus. So­fort!“

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