Be­geg­nun­gen am Bag­ger

Sa­ti­re der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Die Neu­ge­stal­tung des Städt­chens war lan­ge an­ge­kün­digt und von al­len wohl­wol­lend – so­zu­sa­gen in fro­her Er­war­tung – auf­ge­nom­men wor­den. Das Wohl­wol­len frei­lich en­de­te ge­nau in dem Mo­ment, als Bag­ger­füh­rer Kal­le zum ers­ten Mal die Ma­schi­ne an­warf, dröh­nend, brül­lend, stun­den­lang.

Dass ein Um­bau von Stra­ßen, Geh­we­gen, Plät­zen und städ­ti­schem Grün tat­säch­lich mit er­heb­li­chem Lärm, mit rie­si­gen Erd­hau­fen, auf­ge­ris­se­nen Grä­ben, voll­ge­türm­ten Pa­let­ten und im­mer neu­en Ab­sper­run­gen ein­her­ge­hen wür­de, über­rasch­te die bra­ven Städ­ter dann doch.

Das war so nicht aus­ge­macht! Die Be­woh­ner, vor de­ren Häu­sern gera­de ge­bohrt, ge­fräst, ge­sägt und ge­schippt wur­de, seufz­ten von Son­nen­auf­gang bis zum Fei­er­abend der Ar­bei­ter. Die­je­ni­gen, vor de­ren Häu­sern die ak­tu­el­le Um­lei­tung des Ver­kehrs pas­sier­te, seufz­ten rund um die Uhr: Sol­che Au­to­ko­lon­nen stör­ten sie, ja das Le­ben an sich enorm. Wäh­rend­des­sen folg­te ein Mo­nat dem an­de­ren. Al­le Bau­ar­bei­ter schuf­te­ten non­stop bei sen­gen­der Hit­ze oder plötz­li­chem Re­gen­guss, be­ka­men tie­fe Bräu­ne und in­zwi­schen mal ei­nen Kaf­fee von ei­nem der La­den­be­sit­zer am Bau­stel­len­kra­ter. Schließ­lich sah man sich je­den Tag. Und wenn die Si­tua­ti­on nun mal so war, muss­te man sich doch ir­gend­wie ar­ran­gie­ren.

Mit der Zeit spa­zier­ten et­li­che Schau­lus­ti­ge zum je­wei­li­gen Bau­ab­schnitt, be­gut­ach­te­ten und kom­men­tier­ten – mit und oh­ne Fach­wis­sen. Ei­ni­ge Rent­ner mit Ta­ges­frei­zeit hat­ten es sich zur Auf­ga­be ge­macht, die flei­ßig Schuf­ten­den zu er­näh­ren: Wurst­bro­te wur­den aus­ge­teilt, frei­tags manch­mal Blech­ku­chen oder But­ter­b­re­zeln.

Man kann­te sich mitt­ler­wei­le na­ment­lich. Ja, man wuchs zu­sam­men: Bag­ger­füh­rer Kal­le, sein Sch­wa­ger Man­ni und die zwei Brü­der aus der Ukrai­ne. Fran­co ge­fiel der Weib­lich­keit, Mar­co hat­te die schöns­ten Tat­ö­wie­run­gen, Stef­fen und Jan wa­ren die Kü­ken. Wie schön war doch Fa­mi­lie im Ge­brüll der Press­luft­ram­men und Stra­ßen­frä­sen! Ein we­nig Staub auf der But­ter­b­re­zel – egal! Das gro­ße Gan­ze zähl­te! Und die Men­schen des Städt­chens stan­den da­hin­ter. Der Herbst kam. Ei­si­ge Win­de dünn­ten die Zu­schau­er­schar aus. Zum Weih­nachts­fest al­ler­dings blink­te die schöns­te Plas­tik­tan­ne ne­ben dem Bau­stel­len­klo. Die Städ­ter hat­ten ih­re Bau­leu­te nicht ver­ges­sen. Hier und da wur­den schon die Geh­we­ge ge­pflas­tert, wäh­rend Tul­pen und Nar­zis­sen blüh­ten. Spä­ter über­la­ger­te der wür­zi­ge Teer­ge­ruch die Som­mer­düf­te, es wur­de ge­walzt, ge­rüt­telt, ge­klopft. Die hei­mi­schen Sing­vö­gel wa­ren vor­über­ge­hend ge­flo­hen, die hei­mi­schen An­woh­ner nicht. Man leb­te mit der Bau­stel­le, ja, man lieb­te sie. Rot­wei­ße Flat­ter­bän­der wa­ren tren­dy, das Fla­nie­ren über Holz­die­len auf Ka­nal­schäch­ten ro­man­tisch.

Als sich die Bau­ar­bei­ten zum zwei­ten Mal jähr­ten, fei­er­ten der tä­to­wier­te Mar­co und die net­te Blon­de aus der Bou­tique Hoch­zeit. Zur Tau­fe des Erst­ge­bo­re­nen häng­te der ge­sam­te Stadt­teil Gir­lan­den an die staub­be­deck­ten Fens­ter – put­zen lohn­te sich so­wie­so seit Jah­ren nicht mehr. Es don­ner­te und dröhn­te täg­lich wei­ter, Kin­der wur­den be­reits mit Ge­hör­schutz ge­bo­ren, die Al­ten tausch­ten Fo­to­gra­fi­en sämt­li­cher Bau­ab­schnit­te. Sel­te­ne Auf­nah­men wur­den un­ter der Hand hoch ge­han­delt. Die Jah­re ver­gin­gen. Bis das Un­er­war­te­te ge­schah. Man war ent­setzt: Hem­mungs­lo­ses Schluch­zen selbst von ge­stan­de­nen Manns­bil­dern tön­te durch die Stra­ßen: Die Bau­maß­nah­men wa­ren be­en­det – al­les fer­tig, al­les neu! Man lag sich in den Ar­men: Bag­ger­held Kal­le, in­zwi­schen er­graut, drück­te zahl­rei­che Hän­de und al­le im Städt­chen wa­ren sich ei­nig: Was für ei­ne schö­ne ge­mein­sa­me Zeit!

Su­san­ne Jabs

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