Bul­ga­ri­en: mehr als nur Bet­ten­bur­gen

Ein Land für Na­tur­lieb­ha­ber

Pforzheimer Kurier - - REISE -

„Das hier ist das En­de der Welt“, sagt Ger­ga­na Iva­no­va. Die jun­ge Frau be­treibt wort­karg und mit zu­rück­hal­ten­der Freund­lich­keit das klei­ne Ho­tel „Tri­te Kes­te­na“in Ka­men Bryag. Ein Dut­zend Zim­mer, die Nacht we­ni­ger als 20 Eu­ro – oh­ne Früh­stück. Das kos­tet ex­tra im ver­pach­te­ten Re­stau­rant des Ho­tels. Voll wird es in Or­ten wie Ka­men Bryag an Bul­ga­ri­ens Schwarz­meer­küs­te nur im Som­mer – so wie zu Zei­ten der Hip­pies, die in den Sieb­zi­gern in den Höh­len der 20 Me­ter ho­hen Steil­küs­te haus­ten. Das kann ge­fähr­lich sein. Ein Holz­kreuz und ein Ge­denk­stein an der Ab­bruch­kan­te er­in­nern dar­an.

In der Vor- und Nach­sai­son ver­ir­ren sich nur we­ni­ge Tou­ris­ten hier­her: Sie stam­men haupt­säch­lich aus dem nur rund 35 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Ru­mä­ni­en. „Ab und zu kom­men auch Deut­sche“, sagt Ger­ga­na Iva­no­va, be­vor sie mit ih­rer Mut­ter zum Ein­kau­fen fährt. Und die ha­ben wahr­schein­lich al­le den glei­chen grü­nen Bul­ga­ri­enRei­se­füh­rer im Ge­päck. „Der schöns­te Ort an der Küs­te“, heißt es dort. „Hid­den­see am Schwar­zen Meer“, könn­te man auch schrei­ben. War­um nicht mal Bul­ga­ri­en?

Bul­ga­ri­en könn­te ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu den vol­len Strän­den Spa­ni­ens, Ita­li­ens und Grie­chen­lands sein. Das EU-Land am Schwar­zen Meer hat mehr zu bie­ten als Bet­ten­bur­gen und bil­li­gen Schnaps. Zwi­schen dem 70-See­len-Dorf Ka­men Bryag und den Kalk­fel­sen am Meer dehnt sich ein grü­ner Grä­ser­tep­pich aus, ver­ziert mit ro­ten, gel­ben und vio­let­ten Blü­ten. Dar­über ein wei­ter Him­mel, der kla­rer und blau­er er­scheint als an­ders­wo. Ei­ne kur­ze Küs­ten­wan­de­rung führt süd­lich von Ka­men Bryag zur Aus­gra­bungs­stät­te Yai­la­ta. Ne­ben den Mau­ern ei­ner by­zan­ti­ni­schen Fe­s­tung aus dem fünf­ten Jahr­hun­dert sind vor al­lem die an­geb­lich mehr als 100 Höh­len in­ter­es­sant. In ei­ne ha­ben die Mön­che, die hier leb­ten, so­gar ei­ne klei­ne Kir­che ge­schla­gen.

Das ei­gent­lich Be­ein­dru­cken­de ist aber im­mer wie­der die Land­schaft: die Wei­te und die Lee­re. Die Be­su­cher las­sen sich an ei­ner Hand ab­zäh­len. Auf hal­bem Weg zwi­schen Yai­la­ta und dem Kap Ka­lia­kra, das sich im gleich­na­mi­gen Na­tur­park wie ein 70 Me­ter ho­her Keil zwei Ki­lo­me­ter weit ins Schwar­ze Meer streckt, hat die Steil­küs­te ei­ne Lü­cke. Dort liegt, wie ei­ne Si­chel aus Sand, der klei­ne Strand von Bo­la­ta. Di­rekt da­hin­ter: ei­ne „Feucht­zo­ne“, wo wäh­rend der Vö­gel­zü­ge mehr als 150 Ar­ten ras­ten. Die Step­pen am Kap Ka­lia­kra und die Feucht­ge­bie­te der nörd­li­chen Schwarz­meer­küs­te Bul­ga­ri­ens sind da­her schon lan­ge in den Ka­ta­lo­gen von Rei­se­ver­an­stal­tern zu fin­den, die sich aufs Bird­Watching spe­zia­li­siert ha­ben. Aben­teu­er­lust und vor al­lem ein gu­ter Ori­en­tie­rungs­sinn sind auch in den Wäl­dern Bul­ga­ri­ens er­for­der­lich. Aus­ge­wie­se­ne Wan­der­rou­ten gibt es zwar im Strandz­ha-Na­tur­park und auch im Na­tur­park Zlat­ni Pya­sa­tsi, des­sen Hö­hen­zü­ge un­mit­tel­bar hin­ter den in Deutsch­land als Gold­strand be­wor­be­nen Bet­ten­bur­gen auf­stei­gen. Das Pro­blem hier wie dort: Das Geld hat of­fen­bar nur für ei­ne paar In­fo­ta­feln am Bu­spark­platz ge­reicht. Ob blaue, ro­te, oder gel­be Rou­te: Nach we­ni­gen hun­dert Me­tern ver­lie­ren sich die Weg­wei­ser im Wald. Ei­ne Acht-Ki­lo­me­ter-Tour kann sich da leicht auf das Dop­pel­te aus­wach­sen.

Stranz­ha ist der größ­te Na­tur­park Bul­ga­ri­ens. Die von Flüs­sen durch­zo­ge­ne Hü­gel­land­schaft er­streckt sich ent­lang der Gren­ze zur Tür­kei bis ans Schwar­ze Meer. Die dich­ten Wäl­der aus Bu­chen, Trau­be­n­ei­chen und im­mer­grü­nen Lor­beer­ge­wäch­sen sind heu­te ein Rück­zugs­raum für vie­le sel­te­ne Tier­und Pflan­zen­ar­ten. Das lässt sich auch über den Na­tur­park Sini­te Ka­ma­ni sa­gen. Die „Blau­en St­ei­ne“– so der Na­me auf Deutsch – re­prä­sen­tie­ren die öst­li­chen Aus­läu­fer des Bal­k­an­ge­bir­ges. Der mehr als 500 Ki­lo­me­ter lan­ge Ge­birgs­zug, der Süd­ost­eu­ro­pa den Na­men gab, teilt Bul­ga­ri­en in ei­ne nörd­li­che und ei­ne süd­li­che Hälf­te, die sehr un­ter­schied­lich sind. Nach Nor­den, Rich­tung Ru­mä­ni­en, wird das Land zur Do­nau­ebe­ne hin im­mer fla­cher. Im Sü­den trennt ein wei­te­res Ge­bir­ge, die bis zu 3000 Me­ter ho­hen Rhodo­pen, Bul­ga­ri­en von Grie­chen­land. Sini­te Ka­ma­ni ist von der Ha­fen­stadt Bur­gas aus über ei­ne der zwei Au­to­bah­nen Bul­ga­ri­ens mit dem Wa­gen in zwei St­un­den zu er­rei­chen. Vom In­for­ma­ti­ons­zen­trum des Na­tur­parks am Rand der In­dus­trie­stadt Sli­ven führt ein Pfad in die 1 000 Me­ter ho­hen Ber­ge. Aus dem Na­tur­park­haus dröhnt bul­ga­ri­sche Rock­mu­sik nach drau­ßen. Pla­men Stoya­nov Av­ge­nov ar­bei­tet hier. Mit Be­such hat er heu­te wohl nicht mehr ge­rech­net. „Der Pfad ist gut mar­kiert, kein Pro­blem, dem Weg zu fol­gen“, sagt der jun­ge

Mann in gu­tem Eng­lisch. Dann schiebt er noch ein paar Fak­ten nach: 180 Vo­gel­ar­ten ge­be es im Na­tur­park. Die ge­fie­der­ten Stars sind die Gei­er. Zum Wan­dern kä­men über­wie­gend Bul­ga­ren, an­de­re Aus­län­der nur ab und zu. Nach drei St­un­den Ein­sam­keit zwi­schen Wald und Fel­sen ist das Ziel er­reicht: der Fe­ri­en­ort

Ka­ran­di­la. Ei­ne der Pen­sio­nen wird von Kris­ti­na Zwe­ti­lo­wa und ih­rem Mann ge­führt. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten bringt sie das Di­lem­ma Bul­ga­ri­ens auf den Punkt: Zu vie­les ver­si­cke­re in dunk­len Ka­nä­len. Sie sei 64 und wol­le am liebs­ten nach Deutsch­land. „Aber wenn Deut­sche kom­men – auch gut.“Arnd Pe­try

TOURISTISCHER GE­HEIM­TIPP: Die Steil­küs­te bei Ka­men Bryag ist nicht un­ge­fähr­lich – das Kreuz er­in­nert an ein Ab­sturz­op­fer. Die Alt­stadt von Nes­se­bar liegt auf ei­ner schma­len Halb­in­sel im Schwar­zen Meer und ist ein be­lieb­tes Tou­ris­ten­ziel. Fo­tos: Arnd Pe­try / dpa-tmn

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