Fried­hof des So­zia­lis­mus

Der Me­men­to Park in Bu­da­pest

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Schon die Fahrt in den Sü­den der un­ga­ri­schen Ka­pi­ta­le Bu­da­pest ist ei­ne Rei­se in die Ver­gan­gen­heit. Vor­bei an Plat­ten­bau­sied­lun­gen führt der Weg über lö­che­ri­ge Stra­ßen in den 22. Be­zirk – zum Me­men­to Park, der nicht sel­ten als „Fried­hof der Stand­bil­der“ti­tu­liert wird. Mo­nu­men­ta­le Gestal­ten aus Bron­ze oder Gra­nit las­sen das klei­ne Freilichtmuseum zu ei­ner Art Dis­ney­land des ehe­ma­li­gen Ost­blocks avan­cie­ren.

Zu se­hen sind mehr als 40 stum­me Zeu­gen des So­zia­lis­mus, die nach dem En­de des Kom­mu­nis­mus in Un­garn An­fang der 1990er Jah­re von den Stra­ßen und Plät­zen Bu­da­pests ver­schwan­den. Wäh­rend die Denk­mä­ler und Sta­tu­en in an­de­ren ost­eu­ro­päi­schen Län­dern zer­stört wur­den, be­schloss die Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Do­nau­me­tro­po­le, den Re­lik­ten der so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie und Kul­tur­po­li­tik ei­ne mu­sea­le Hei­mat zu ge­ben. Die Skulp­tu­ren und Stand­bil­der, die über Jahr­zehn­te das Stadt­bild von Bu­da­pest präg­ten und die je nach po­li­ti­scher Ge­sin­nung für Angst und Schre­cken, Ju­bel und Be­geis­te­rung sorg­ten, la­den un­wei­ger­lich zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ge-schich­te und dem Ver­gleich po­li­ti­scher Sys­te­me ein.

Wäh­rend aus den Laut­spre­chern ab­wech­selnd „Die In­ter­na­tio­na­le“, die Hym­ne der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on, schmis­si­ge Pio­nier­lie­der und die Stim­me Lenins dröh­nen, fal­len un­weit des Ein­gangs die vier Me­ter ho­hen Gra­nit­fi­gu­ren von Karl Marx und Fried­rich En­gels ins Au­ge, die der­einst das Por­tal der Bu­da­pes­ter Par­tei­zen­tra­le der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei zier­ten. We­ni­ge Me­ter wei­ter ragt Ge­nos­se Wla­di­mir Il­jitsch Le­nin mit ver­stei­ner­ter Mie­ne gen Him­mel. Der Dik­ta­tor muss­te sei­nen Stand­ort am Doz­sa-Györ­gy-Bou­le­vard auf­ge­ben und in den Mu­se­ums­park am Stadt­rand um­zie­hen.

„In die­sem Park geht es um die Dik­ta­tur. Aber in dem Mo­ment, wo dar­über ge­spro­chen und ge­schrie­ben wer­den kann, wird es um De­mo­kra­tie ge­hen. Denn nur sie bie­tet uns die Ge­le­gen­heit, frei zu den­ken; über die Dik­ta­tur – und über die De­mo­kra­tie und über al­les an­de­re“, ver­deut­lich­te Ákos Eleod, der Ar­chi­tekt des Parks.

Im Her­zen des „Jur­ras­sic Park des Kom­mu­nis­mus“liegt ein Blu­men­beet mit fast 40 Me­tern Durch­mes­ser, das zu ei­nem ro­ten Stern ge­formt ist. Ein eben sol­cher Fünf­zack zier­te vie­le Jah­re den Kreis­ver­kehr am Clark-Adam-Platz vor der Bu­da­pes­ter Ket­ten­brü­cke. Rund um den nach­ge­bil­de­ten So­wjet­stern grup­pie­ren sich die Denk­mä­ler der in Bron­ze ge­gos­se­nen „Hel­den der so­zia­lis­ti­schen Ar­beit“. Ein be­son­de­rer Blick­fang sind auch Lenins gi­gan­ti­sche Stie­fel – der letz­te Tei­le ei­nes einst acht Me­ter ho­hen Denk­mals. An­de­re Mo­nu­men­te sind wei­te­ren „Ver­dien­ten des Vol­kes“ge­wid­met. So sind Denk­mä­ler der Rä­te­re­pu­blik, der kom­mu­nis­ti­schen Mär­ty­rer und von Sol­da­ten der Ro­ten Ar­mee zu be­stau­nen.

Das do­mi­nan­te Ele­ment im Freilichtmuseum bleibt je­doch die nack­te Zie­gel­mau­er: sie dient als Ein­gangs­pfor­te, als Post­a­ment, als Denk­ta­fel-Wand, als Ab­gren­zung und als Fas­sa­de der Di­enst­räu­me – und er­zeugt da­durch ei­ne At­mo­sphä­re ed­ler Sch­licht­heit. Am düs­te­ren Tor der rie­si­gen Po­tem­kin-Wand ist das Ge­dicht „Ein Satz über der Ty­ran­nei“von Gyu­la Il­lyés ver­ewigt. Wei­te­re be­son­de­re Blick­fän­ge im Mo­men­to Park, der ur­sprüng­lich Szo­bor­park (Sta­tu­en- park) hieß, sind ei­ne Skulp­tur zwei­er rie­si­ger Hän­de, die als Sym­bol der Ar­bei­ter­be­we­gung ei­ne Ku­gel hal­ten.

Wer mag, kann auch in ei­nem al­ten Tra­bant Platz neh­men oder ein­fach mal mit Le­nin, Sta­lin, Mao oder Che Gue­va­ra „te­le­fo­nie­ren“. Der­weil ver­rät die Aus­stel­lung, wie einst Agen­ten re­kru­tiert und Ab­hör­wan­zen in­stal­liert wur­den. Au­ßer­dem wird ein Ein­blick in das Le­ben in Un­garn wäh­rend des Kal­ten Krie­ges ver­mit­telt.

Ab­ge­run­det wird der Be­such hin­ter die Über­res­te des „ei­ser­nen Vor­hangs“durch ei­nen Blick auf die zahl­rei­chen Er­in­ne­rungs­stü­cke, die im Mu­se­umsKi­osk zum Kauf an­ge­bo­ten wer­den. Der Bo­gen spannt sich von Ton­trä­gern mit Ar­bei­ter- und Re­vo­lu­ti­ons­lie­dern, T-Shirts und Flach­män­nern über Me­dail­len, Or­den und An­steck­na­deln bis hin zu Spiel­zeug-Tra­bis und Le­nin-Ker­zen. Nicht zu ver­ges­sen ist der ei­gent­li­che Ver­kaufs­schla­ger: Blech­do­sen, die den „letz­ten Atem­zug des So­zia­lis­mus“ent­hal­ten – ein nost­al­gi­scher Hauch, der kaum ver­bor­gen bleibt. Kars­ten-Thi­lo Ra­ab

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