19. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Fort­set­zung folgt

Im­mer mit Luc Gi­ret und ih­rem schie­fen Lä­cheln, ei­nem Sei­ten­schei­tel, als wä­re die Zeit ste­hen ge­blie­ben, wäh­rend ihr Kör­per er­schlaff­te und ih­re Tail­le an­wuchs und das Licht in ih­ren Au­gen manch­mal fla­cker­te. Als es nun dar­um ging, wer die Hoch­zeit fo­to­gra­fie­ren soll­te, um den gan­zen „Fir­le­fanz“, wie An­ne und Luc gern wie­der­hol­ten, hat­ten sie ei­nen Blick in die Gel­ben Sei­ten ge­wor­fen und wa­ren auf Yvan ge­sto­ßen, an den sie sich noch gut er­in­ner­ten. Tja, und nun wa­ren sie da. Im­mer noch nicht ganz über­zeugt. „Über­re­det, aber nicht über­zeugt“, wie Luc iro­nisch an­merkt.

Es war we­gen ih­rer Spröss­lin­ge. Luc und An­ne konn­ten noch so lan­ge ein­wen­den, dass es we­nig Sinn hat­te, mit fünf­zig noch zu hei­ra­ten – ih­re Kin­der wa­ren an­de­rer Mei­nung. Sie wa­ren schon groß, ab­ge­se­hen vom Jüngs­ten, der noch aufs Gym­na­si­um ging, und stan­den be­reits auf ei­ge­nen Fü­ßen. Luc und An­ne wuss­ten nicht recht, war­um oder wie, doch die Kin­der hat­ten plötz­lich ei­ne ge­schlos­se­ne Front ge­bil­det und wa­ren mit die­sem schwach­sin­ni­gen Plan an­ge­kom­men – der Hoch­zeit ih­rer El­tern, die sich stets strikt ge­wei­gert hat­ten, ih­re Be­zie­hung of­fi­zi­ell zu ma­chen. An­fangs hat­ten sich An­ne und Luc noch ge­wehrt, doch ei­ne Rei­he von un­schö­nen Vor­fäl­len im Le­ben ih­rer Kin­der – dar­un­ter ei­ne Ka­ta­stro­phe: Bei ih­rem drit­ten Kind war Mul­ti­ple Sk­le­ro­se dia­gnos­ti­ziert wor­den – hat­te sie schließ­lich klein bei­ge­ben las­sen, und sie wa­ren nun be­reit, ih­ren Kin­dern die­se Freu­de zu ma­chen.

„Seit­her ist es fast, als sei ei­ne Art Tsu­na­mi über uns her­ein­ge­bro­chen“, sagt Luc.

An­ne wirft ihm vor, die­sen Ver­gleich all­zu leicht­fer­tig zu ver­wen­den, sie run­zelt die Stirn und er­klärt, dass sie da­mals, 2004, dort wa­ren, in In­do­ne­si­en. Sie schau­dert und sagt dann, dass die Kin­der vi­el­leicht doch recht ha­ben. Man müs­se das Le­ben fei­ern, so­lan­ge man kann. Doch zum Pfar­rer ge­hen sie auf gar kei­nen Fall. Ei­ne stan­des­amt­li­che Trau­ung dürf­te ja wohl rei­chen. Die Kin­der wol­len sich um al­les küm­mern: das Mie­ten ei­nes Saals, die Ein­la­dun­gen, das Es­sen – sie ha­ben be­schlos­sen, dass je­der Gast et­was Selbst­zu­be­rei­te­tes, ei­ne Fla­sche Wein oder Cham­pa­gner oder auch et­was oh­ne Al­ko­hol mit­brin­gen soll –, ein Freund ih­rer Äl­tes­ten wür­de sich um ei­nen DJ küm­mern. An­ne und Luc wis­sen nicht, ob sie sich är­gern oder ge­rührt sein sol­len, denn ih­re Kin­der hat­ten nie ei­nen so en­gen Kon­takt mit­ein­an­der ge­habt, jetzt te­le­fo­nie­ren sie stän­dig mit­ein­an­der, schi­cken sich Mails und Fo­tos, la­chen zu­sam­men, es sei ein­fach schön. Ih­nen blieb jetzt nur noch die Wahl des Hoch­zeits­fo­to­gra­fen. Die­sen Tag nicht zu ver­ewi­gen, sei schlicht­weg un­mög­lich, hat­ten die Spröss­lin­ge ge­tönt, und des­halb müs­se ein Pro­fi her. Seuf­zend hat­ten die El­tern ins Bran­chen­buch ge­schaut und wa­ren auf die Na­men von Yvan und Co­ren­tin ge­sto­ßen, so er­gab ei­nes das an­de­re. Léa, die Äl­tes­te, hat­te auf­ge­schrien. Sie kann­te Co­ren­tin. „Ach, ist die Stadt doch klein!“, hat­te sie ent­zückt aus­ge­ru­fen. Léa Gi­ret. Co­ren­tin er­in­nert sich sehr gut an sie. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te sie im Ju­ni ei­ne Par­ty für ih­re Stu­di­en­kol­le­gen vom Eng­lisch­in­sti­tut or­ga­ni­siert. Wie er zu die­ser Grup­pe ge­sto­ßen war, weiß Co­ren­tin nicht mehr ge­nau, doch es war ein sehr schö­ner Abend ge­we­sen, vor al­lem ab dem Mo­ment, als er und die Or­ga­ni­sa­to­rin des Abends sich näher­ge­kom­men wa­ren. Es ging dann noch auf­re­gen­der wei­ter, doch ih­re Ge­schich­te hat­te den nächs­ten Mor­gen nicht über­dau­ert, weil Léa er­fuhr, dass Co­ren­tin zum da­ma­li­gen Zeit­punkt nicht Sing­le war. Er ver­sprach ihr zwar, mit sei­ner Freun­din Schluss zu ma­chen, doch Léa ließ sich nicht er­wei­chen. Für sie war Treue ei­ne Kar­di­nal­tu­gend, und sie war voll und ganz auf der Seite der Be­tro­ge­nen. Sie kön­ne nicht mit je­man­dem zu­sam­men sein, dem sie nicht ver­trau­en konn­te. Das al­les hat­te Co­ren­tin nicht so ganz ka­piert, er hat­te mit den Schul­tern ge­zuckt und „Scha­de!“ge­sagt. Spä­ter hat­te er sich zwar öf­ter ge­dacht, er hät­te nicht so schnell auf­ge­ben dür­fen, aber da war es schon vor­bei.

Er hat­te sie wie­der­ge­se­hen, vor ei­ni­gen Wo­chen erst. Sie war ins Ge­schäft ge­kom­men, um sich nach di­ver­sen An­ge­bo­ten zu er­kun­di­gen. Sie hat­te ge­strahlt und war ein­deu­tig schwan­ger. Ein Mäd­chen, laut Ul­tra­schall. Den Vor­na­men wuss­te sie noch nicht. Es war das ers­te Mal, dass Co­ren­tin ei­ne sei­ner Ver­flos­se­nen als wer­den­de Mut­ter sah, und es war ein ko­mi­sches Ge­fühl, fast so et­was wie Ei­fer­sucht. Dass Au­ro­re ihn gera­de erst ver­las­sen hat­te, hat­te den Tag na­tür­lich noch frus­trie­ren­der ge­macht. Co­ren­tin hat­te sich an je­nem Abend vor­sätz­lich voll­lau­fen las­sen und sei­nen düs­te­ren Ge­dan­ken hin­ge­ge­ben. Er hat­te das Ge­fühl ge­habt, sein Le­ben sei ein ein­zi­ger Sumpf oder Treib­sand, in den er nach und nach ein­sank. Er ist froh, dass Léa heu­te nicht mit­ge­kom­men ist. Er fühlt sich woh­ler, wenn er es nur mit die­sem Paar zu tun hat, das un­ge­fähr im Al­ter sei­ner El­tern ist und dem Yvan jetzt drei­ßig Pro­zent Nach­lass auf bei­de Pa­ke­te an­bie­tet und das sich trotz­dem noch nicht ent­schei­den kann.

„Für die­ses Geld, An­ne, könn­ten wir in Süd­ame­ri­ka oder in In­di­en sechs schö­ne Mo­na­te ver­brin­gen.“

„Da­mit war­ten wir, bis wir in Ren­te sind.“„Sprich: Wir wer­den es nie tun.“„Sei nicht so ne­ga­tiv. Hör mal, die Kin­der über­neh­men al­le an­de­ren Kos­ten, da kön­nen wir ih­nen doch we­nigs­tens die­sen Ge­fal­len tun.“

„Ist dir klar, dass sie dann spä­ter an je­dem Ge­burts­tag mit die­sem Vi­deo an­kom­men wer­den?“„Wenn du dann mal im Al­ters­heim sitzt und ich tot bin, wirst du es dir mit größ­ter Freu­de an­se­hen.“

„Män­ner ster­ben frü­her als Frau­en. Folg­lich wer­de ich dich be­stimmt nicht über­le­ben.“

Sie be­rührt flüch­tig sei­nen Un­ter­arm. Co­ren­tin ist fas­zi­niert. Yvan blickt schnell weg.

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