Neue We­ge aus­lo­ten

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - RICHARD KIESSLER

Mit dem En­de der po­li­ti­schen Som­mer­pau­se wer­den die Kon­tro­ver­sen der Par­tei­en im her­auf­zie­hen­den Wahl­kampf sicht­ba­rer wer­den. An­ge­la Mer­kel ist zum Auf­takt am Wo­che­n­en­de in Dort­mund mit kei­nem Wort auf den Ta­bu­bruch ih­res mög­li­chen Ko­ali­ti­ons­part­ners Chris­ti­an Lind­ner ein­ge­gan­gen. Der FDP-Vor­sit­zen­de hat­te mit­ten im Som­mer­loch die Stall­wa­chen in Berlin mit sei­nem Vor­stoß auf­ge­schreckt, ei­nen Neu­start in der Russ­land-Politik zu wa­gen und die Anne­xi­on der Krim-Halb­in­sel als „dau­er­haf­tes Pro­vi­so­ri­um“vor­erst in Kauf zu neh­men.

Prompt fie­len Lind­ners po­li­ti­sche Kon­kur­ren­ten über das schein­bar Un­er­hör­te her und be­zich­tig­ten ihn des „Ab­schieds vom Rechts­staat.“Et­li­che Me­di­en hol­ten die Kampf­be­grif­fe des Kal­ten Krie­ges aus der Schub­la­de, die „Süd­deut­sche Zei­tung“ver­däch­tig­te den smar­ten FDPJung­star gar, Pu­tin „schö­ne Au­gen“zu ma­chen. Et­li­che Gut­men­schen, et­wa bei den Grü­nen, be­har­ren in ih­rer mo­ra­li­schen Prin­zi­pi­en­rei­te­rei dar­auf, die Be­zie­hun­gen zu Pu­tins Russ­land so lan­ge ver­eist zu hal­ten, bis der Kreml-Herr das tut, was Deutsch­land will. Es bleibt aber ein

tief­sit­zen­der Trug­schluss, die de­mo­kra­ti­sche Staa­ten­ge­mein­schaft kön­ne die üb­ri­ge Welt nach ih­rem Vor­bild ge­stal­ten. Der er­bos­te Vor­wurf, da re­de mit Lind­ner ein „Pu­tin-Ver­ste­her“leicht­sin­nig der Be­schwich­ti­gungs­po­li­tik das Wort, geht ins Lee­re. Lind­ner ist ge­wiss kein in der Au­ßen­po­li­tik ver­sier­ter Po­li­ti­ker.

Doch er war, wie man in­zwi­schen weiß, von Par­tei­freun­den gut be­ra­ten, an die Tra­di­ti­on der er­folg­rei­chen deut­schen Ent­span­nungs­po­li­tik an­zu­knüp­fen und wie­der Be­we­gung in die deutsch-rus­si­schen Be­zie­hun­gen zu brin­gen. Man muss kein FDP-An­hän­ger sein, um zu er­ken­nen, dass Hans-Dietrich Gen­scher mit sei­nem sei­ner­zeit viel be­lä­chel­ten Vor­stoß rich­tig lag, „Gor­bat­schow beim Wort zu neh­men“. Im Fal­le Pu­tin heißt das, den auf Zeit un­lös­ba­ren Krim-Kon­flikt – in der Spra­che der Di­plo­ma­ten – vor­erst „ein­zu­kap­seln.“Mit dem Ri­tu­al, al­le sechs Mo­na­te die Sank­tio­nen ge­gen Russ­land zu ver­län­gern, ist nichts zu ge­win­nen. Statt­des­sen müs­sen, oh­ne die Be­set­zung der Krim gut­zu­hei­ßen, neue We­ge zu ei­ner Frie­dens­lö­sung in der Ukrai­ne aus­ge­lo­tet wer­den.

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