Die Welt­pre­mie­re ging kräf­tig da­ne­ben

Mit ei­nem un­ter­ir­di­schen Eis­ring soll­te die Rhein­tal­stre­cke ge­schützt wer­den – das gab es noch nie

Pforzheimer Kurier - - BAHNCHAOS IM RHEINTAL - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Micha­el Jan­ke

Den größ­ten Re­spekt hat­ten die Bah­nin­ge­nieu­re vor ge­nau die­ser Stel­le: Kurz be­vor der Tun­nel­boh­rer im Ras­tat­ter Stadt­teil Nie­der­bühl wie­der das Licht der Welt er­blickt, muss er die Rhein­tal­stre­cke ganz knapp un­ter dem Bahn­damm un­ter­que­ren. Sie hat­ten mo­na­te­lang Vor­sor­ge ge­trof­fen, dass sich die meist­be­fah­re­ne Stre­cke Deutsch­lands nicht ein­mal ei­nen Mil­li­me­ter senkt oder hebt – und er­prob­ten mit ei­nem un­ter­ir­di­schen Eis­ring ei­ne Welt­pre­mie­re im Tun­nel­bau. Das ging kräf­tig da­ne­ben, am Wo­che­n­en­de sack­ten die Glei­se ab. Die Nord-Süd-Ach­se ist ge­kappt.

Die Be­din­gun­gen am Aus­gang des 4,3 Ki­lo­me­ter lan­gen Bahn­tun­nels, der von Ötig­heim un­ter Ras­tatt hin­durch bis zum Stadt­teil Nie­der­bühl führt, sind an­spruchs­voll. Die bei­den Röh­ren lie­gen zu­nächst tief un­ter der Murg, da­nach müs­sen sie ei­ne Lan­des­stra­ße un­ter­que­ren, die ih­rer­seits be­reits sehr tief liegt, weil sie un­ter der be­ste­hen­den Rhein­tal­stre­cke hin­durch­führt. Da­nach muss al­les ganz schnell ge­hen: Mit kräf­ti­ger Stei­gung geht es nach oben, kurz vor dem Aus­tritt ver­läuft dicht über den Bohr­ar­bei­ten die Rhein­tal­bahn.

Da­mit an die­ser Stel­le nichts ver­rutscht, hat die Bahn den Bo­den mit ei­nem kom­plet­ten Eis­ring ein­ge­fro­ren. Das grund­sätz­li­che Prin­zip, bei ge­rin­gem Ab­stand zur Ober­flä­che oder bei lo­cke­rem Kies­ma­te­ri­al die Ober­schicht mit ei­nem Dach aus Eis ein­zu­frie­ren, ist nicht neu. Dass der Un­ter­grund al­ler­dings rund­um ein­ge­fro­ren wird, das gab es bis­her noch nie. „Wir hof­fen, dass es so klappt, es gibt ja kei­ne Er­fah­rungs­wer­te mit ei­nem Eis­ring im Bo­den“, sag­te vor ziem­lich ge­nau ei­nem Jahr Pro­jekt­lei­ter Mir­ko Win­ter­stein bei der Vor­stel­lung der so ti­tu­lier­ten „Welt­pre­mie­re“. Man hät­te so­gar in Kauf ge­nom­men, dass der Eis­ring zu ei­nem kom­plet­ten Block ge­friert, auch das hät­te der Tun­nel­boh­rer ge­schafft.

Was nun ge­nau zu der Ha­va­rie ge­führt hat, un­ter­su­chen Bahn­tech­ni­ker und Gut­ach­ter in die­sen St­un­den. Die Re­de ist von ei­nem Was­ser­ein­bruch im Tun­nel. Ob der lan­ge Re­gen zum Ver­häng­nis wur­de, ob ei­ne Was­ser­lei­tung in die Que­re kam oder ob der Eis­ring doch nicht dicht und fest ge­nug war, um das Grund­was­ser ab­zu­hal­ten – über all dies kann der­zeit nur spe­ku­liert wer­den.

Ei­gent­lich woll­te die Bahn in den nächs­ten Ta­gen zum Durch­stich von „Wil­hel­mi­ne“– so heißt die ers­te Tun­nel­bohr­ma­schi­ne – bei Nie­der­bühl ein­la­den. Dar­aus wird vor­erst nichts, denn die Bau­ar­bei­ten ru­hen seit Sams­tag. Der zwei­te, et­was spä­ter ge­star­te­te Tun­nel­boh­rer hat ge­ra­de die Murg un­ter­quert und steu­ert auf die neur­al­gi­sche Stel­le zu. Ob die Bahn nach ak­tu­el­ler Er­kennt­nis ihr Bau­kon­zept für die letz­ten Me­ter um­wer­fen muss und sich da­mit die Tun­nel­eröff­nung merk­lich ver­zö­gern wird, ist der­zeit nicht ab­zu­schät­zen.

Der Ras­tat­ter Tun­nel soll­te im Jahr 2022 fer­tig sein. Mit ihm ist die Stre­cke von Karls­ru­he bis Of­fen­burg durch­ge­hend vier­glei­sig und mit 250 Ki­lo­me­ter pro St­un­de be­fahr­bar.

AUS­WIR­KUN­GEN EI­NER MISS­GLÜCK­TEN WELT­PRE­MIE­RE: Am Sü­d­ein­gang des Karls­ru­her Haupt­bahn­hofs war­te­ten Tau­sen­de Men­schen dar­auf, mit ei­nem Bus wei­ter­fah­ren zu kön­nen. Vie­le Fern­zü­ge blie­ben in Karls­ru­he ste­hen, nach­dem die Rhein­tal­stre­cke bei Ras­tatt we­gen der ab­ge­sack­ten Glei­se ge­sperrt war. Fo­to: jo­do

EIS­ZEIT IM HOCH­SOM­MER: Kühl­mit­tel wird – hier bei Ötig­heim im Ju­li 2016 – über Lan­zen ins Erd­reich ge­pumpt, bis der Bo­den ge­fro­ren ist. Ar­chiv­fo­to: Col­let

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