Maß­ge­schnei­dert oder der letz­te Schrei?

Ste­phan Mösch hat Stim­men zum Ge­sang in ei­nem in­ter­es­san­ten Buch ge­bün­delt

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Pop­kom­po­nis­ten sind ge­nau­er.“Die­ser Satz, der ei­nem Wolf­gang Rihm ver­mut­lich den Ma­gen um­stül­pen wür­de, ist die wohl pro­vo­kan­tes­te Über­schrift in dem neu­en Buch „Kom­po­nie­ren für Stim­me“. Es ist ein Zi­tat von John Adams, der sich är­gert, dass Kom­po­nis­ten „klas­si­scher“Mu­sik sich oft über­haupt nicht um Be­to­nun­gen des Tex­tes sche­ren. Bei Adams und wei­te­ren elf füh­ren­den Kom­po­nis­tin­nen und Kom­po­nis­ten hat sich der Opern­ex­per­te Ste­phan Mösch um­ge­hört mit der Fra­ge­stel­lung, wie sie mit der mensch­li­chen Stim­me um­ge­hen. Auch die Ring­vor­le­sung zum The­ma, die der Mu­sik- und Thea­ter­wis­sen­schaft­ler als Pro­fes­sor für Äs­t­he­tik, Ge­schich­te und Künst­le­ri­sche Pra­xis des Mu­sik­thea­ters an der Karls­ru­her Mu­sik­hoch­schu­le in­iti­iert hat, ist ein­ge­flos­sen in die­sen in­ter­es­san­ten Band. Dar­in er­kun­den Au­to­rin­nen und Au­to­ren, wie Kom­po­nis­ten im Wech­sel der Sti­le, Gat­tun­gen und ih­rer in­di­vi­du­el­len Schreib­wei­sen die Stim­me füh­ren.

Das Schrei­ben für Stim­me kann Ver­gnü­gen sein, wenn die me­lo­di­sche In­spi­ra­ti­on durch den Text ani­miert wird, fin­det John Adams. Für den Kom­po­nis­ten der Oper „Doc­tor Ato­mic“, die vor drei Jah­ren in Karls­ru­he zu er­le­ben war, ist das Kom­po­nie­ren für Stim­me Ver­gnü­gen, wenn sie vom Text an­ge­regt wird. Aber: „Um­ge­kehrt är­gert es mich im­mer, wenn Kom­po­nis­ten sich nicht um die Nuan­cen des Tex­tes, ja nicht ein­mal um des­sen Be­to­nun­gen sche­ren. In der so­ge­nann­ten „Klas­si­schen“Mu­sik, die heu­te ge­schrie­ben wird, kommt das oft vor. Bei Kom­po­nis­ten von Po­pu­lar­mu­sik da­ge­gen viel sel­te­ner: Die re­spek­tie­ren Sil­ben­län­gen und Rhyth­mus des Tex­tes“, sagt Adams. Mu­si­ker wie Stevie Won­der, Bob Dy­lan oder Bil­ly Ho­li­day be­wun­de­re er da­für zum Bei­spiel sehr.

Wolf­gang Rih­ms An­satz ist ein an­de­rer. Die Stim­me als in­ne­re Stim­me ist ihm wich­tig, fasst Mösch zu­sam­men. „Me­los funk­tio­niert nicht nur ho­ri­zon­tal. Der Klang­satz als Gan­zes kann Stim­me sein: ei­ne Skulp­tur, po­ly­phon aus­ar­ti­ku­liert. Sein Sin­gen sei oft Schwei­gen, sein Schwei­gen Sin­gen, be­schreibt Mösch Rih­ms Ges­tus im Vor­spann zum In­ter­view mit dem Karls­ru­her Kom­po­nis­ten, des­sen Mu­sik sehr häu­fig aus li­te­ra­ri­schen Im­pul­sen et­wa von Fried­rich Nietz­sche, An­to­nin Ar­taud oder Paul Ce­lan ent­steht.

Spe­zi­el­len Aspek­ten des Sin­gens ge­hen 17 Wis­sen­schaft­ler mit er­hel­len­den Bei­trä­gen auf den Grund. Et­wa Uwe Schwei­kert der Opern­stim­me zwi­schen Ro­man­tik und Na­tu­ra­lis­mus am Bei­spiel der Ent­wick­lung von Ver­di zu den Ve­ris­ten. Die Ari­en­ge­stal­tung in der Epo­che Gioa­chi­no Ros­si­nis hat Ar­nold Ja­cob­sha­gen un­ter­sucht. Wie sich die Stim­me im Mu­sik­thea­ter nach dem Zwei­ten Welt­krieg ans Schrei­en und die Be­wäl­ti­gung der Ver­gan­gen­heit ge­wöh­nen muss­te, zeigt Christina Rich­ter-Ibáñez. Sil­ke Leo­pold geht der Fra­ge auf den Grund, „was der Ge­sang in der Oper zu su­chen hat“.

Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart als Maß­schnei­der von Stim­men – er lieb­te es, „daß die aria ei­nem sän­ger so ac­cu­rat an­ge­mes­sen sey, wie ein gut ge­mach­tes kleid“– ist eben­so The­ma wie Wo­tans Un­mut und der Wal­kü­ren Weh­ge­schrei bei Richard Wa­gner. Wer singt oder Ge­sang liebt, ob in der Oper, im Jazz oder im Pop, für den ist die­ses Buch ein rei­cher Fun­dus. Isa­bel Step­peler

Ste­phan Mösch (Hg.): Kom­po­nie­ren für Stim­me. Von Mon­te­ver­di bis Rihm. Ein Hand­buch. Bä­ren­rei­ter-Ver­lag. 389 Sei­ten, 39,35 Eu­ro.

EI­NE HEL­LE FREU­DE ist das Kom­po­nie­ren für John Adams, wenn die Stim­me vom Text an­ge­regt wird. Sei­ne Oper „Doc­tor Ato­mic“war mit Ar­min Ko­larc­zyk als Op­pen­hei­mer 2014 in Karls­ru­he zu se­hen. Fo­to: Deck

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.