Bro­deln­des Ge­sell­schafts­sze­na­rio

Das Thea­ter Ba­den-Ba­den bie­tet als ers­te Pre­mie­re der neu­en Sai­son „Kin­der der Son­ne“

Pforzheimer Kurier - - WAS - WANN - WO -

Vier Büh­nen in öf­fent­li­cher Trä­ger­schaft gibt es in der Re­gi­on, und bald bie­ten sie wie­der Pro­gramm. Als ers­tes wen­det sich das Thea­ter Ba­den-Ba­den an sein Pu­bli­kum: Am 9. Sep­tem­ber hat dort das Stück „Kin­der der Son­ne“von Ma­xim Gor­ki Pre­mie­re. Kur­ze Zeit spä­ter geht auch beim Ba­di­schen Staats­thea­ter, beim Thea­ter Pforz­heim und bei der Ba­di­schen Lan­des­büh­ne Bruch­sal der Vor­hang wie­der auf.

Er war der Sohn ei­nes je­ner rus­si­schen Skla­ven, die als Treid­ler müh­sam Schif­fe die Wol­ga ent­lang zie­hen muss­ten. Er leb­te zwi­schen den Men­schen am un­ters­ten Rand der Ge­sell­schaft im Za­ren­reich und war sich des­sen of­fen­bar nur zu be­wusst. Als er sei­ne ers­te Er­zäh­lung ver­öf­fent­lich­te, un­ter­zeich­ne­te Ale­xei Ma­xi­mo­witsch Pesch­kow sei­nen Text mit „Gor­ki“. Das heißt: „Der Bit­te­re“.

Von Ma­xim Gor­ki (1868 bis 1936) ist das Stück, mit dem das Thea­ter Ba­denBa­den die neue Spiel­zeit be­ginnt. Das Werk ent­stand un­ter dem Ein­druck des so ge­nann­ten Pe­ters­bur­ger Blut­sonn­tags im Ja­nu­ar 1905. Zehn­tau­sen­de strei­ken­de Ar­bei­ter be­weg­ten sich da­mals in ei­nem Stern­marsch auf den Win­ter­pa­last zu. Das Mi­li­tär setz­te sei­ne Schuss­waf­fen ein und tö­te­te et­li­che De­mons­tran­ten. Die Zahl der Op­fer ist nicht si­cher ge­klärt; die An­ga­ben schwan­ken zwi­schen 130 und 1000 To­ten. Gor­kis Pro­test ge­gen das Nie­der­met­zeln un­be­waff­ne­ter Zi­vi­lis­ten führ­te zu sei­ner In­haf­tie­rung. Im Ge­fäng­nis schrieb er sein Stück „Kin­der der Son­ne“, das schon am 25. Ok­to­ber 1905 im Pe­ters­bur­ger Kom­mis­sar­s­hew­ska­ja-Thea­ter ur­auf­ge­führt wur­de und nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter in Ber­lin Pre­mie­re hat­te, wo es ein gro­ßer Er­folg wur­de.

Ähn­lich wie An­ton Tsche­chow schil­dert Gor­ki Men­schen, die spü­ren, dass die Ge­sell­schaft, in der sie le­ben, brü­chig ge­wor­den ist, die aber gleich­wohl nicht ein­mal in der La­ge sind, ih­re ei­ge­ne Si­tua­ti­on zu än­dern. Doch wäh­rend Tsche­chow sein Per­so­nal weit­ge­hend der ge­ho­be­nen Mit­tel­schicht ent­nimmt, spielt bei Gor­ki im­mer ei­ne derb-pro­le­ta­ri­sche Kom­po­nen­te mit – auch in „Kin­der der Son­ne“. Dort ist es der Schlos­ser Je­gor, der dem Che­mi­ker Pro­tas­sow nach dem Le­ben trach­tet, weil er in ihm ei­nen Me­di­ka­men­ten­pfu­scher ver­mu­tet.

Der wie­der­um schwebt in schön­geis­ti­gen Sphä­ren, sieht im Men­schen die Krö­nung der Schöp­fung, ent­stan­den aus ei­nem „Klümp­chen Ei­weiß im Schein der Son­ne“, und ist welt­fremd ge­nug, um erst sehr spät zu mer­ken, dass sich Me­la­ni­ja Kir­pitschowa, die noch jun­ge Wit­we ei­nes rei­chen al­ten Man­nes, an ihn, den Na­tur­wis­sen­schaft­ler, her­an­macht. Ver­geb­lich: Er ist ver­hei­ra­tet. Und au­ßer­dem hat sie zu fet­te Lip­pen.

Doch das ist nur ei­ne Fa­cet­te die­se re­vo­lu­tio­när auf­ge­la­de­nen und von me­lan­cho­li­scher End­zeit­stim­mung durch­drun­ge­nen Ge­sell­schafts­sze­na­ri­os, das Ot­to Kuk­la für Ba­den-Ba­den in­sze­niert und das in man­chen Aspek­ten er­staun­li­che Par­al­le­len zu un­se­rer Ge­gen­wart auf­weist. Micha­el Hübl

WENN DIE NÄCH­TE LÄN­GER WER­DEN – leuch­ten die Thea­ter um­so heller. Das gilt nicht zu­letzt für Ba­den-Ba­den, wo be­reits am 9. Sep­tem­ber die neue Spiel­zeit be­ginnt. Fo­to: Kapp­ler

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.