37. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Gerd und En­no hat­ten Freerk er­zählt, dass sie schon ein paar Mal mit der Jol­le in Bre­mer­ha­ven ge­we­sen wa­ren. Im Schutz der Mor­gen­däm­me­rung hat­ten sie ihr klei­nes Boot ein Stück­chen au­ßer­halb der Stadt ans Ufer ge­zo­gen und wa­ren dann zu Fuß ins Zen­trum mar­schiert. Man müs­se sich nur ein biss­chen um­hö­ren, um her­aus­zu­be­kom­men, wo sich die Händ­ler tra­fen, hat­te En­no ge­sagt. Die Plät­ze wech­sel­ten stän­dig. Und man müs­se die Au­gen auf­hal­ten und im­mer auf dem Sprung sein, denn was den blü­hen­den Schwarz­han­del an­ge­he, ver­stün­den die Amis noch we­ni­ger Spaß als die Tom­mys auf der an­de­ren Sei­te der We­ser.

En­no, der ein paar Schrit­te vor ih­nen her­ge­gan­gen war, um sie durch das Ge­wirr von Hal­len und Schup­pen zu füh­ren, blieb ste­hen und sah sich um. Er ver­grub die Hän­de tief in den Ho­sen­ta­schen und grins­te, wäh­rend er dar­auf war­te­te, dass die bei­den zu ihm auf­schlos­sen.

„Da drü­ben muss er sein“, sag­te er. „Der Kerl mit dem dunk­len Schnauz­bart. Han­nes hat mir den Weg zu ihm be­schrie­ben.“

Er mach­te ei­ne Kopf­be­we­gung in Rich­tung ei­ner der Holz­ba­ra­cken, in de­nen der Frisch­fisch an­ge­lan­det und ver­packt wur­de. Ein paar Ar­bei­ter stan­den da­vor und un­ter­hiel­ten sich, wäh­rend sie da­bei zu­sa­hen, wie zwei wei­te­re ei­nen Last­wa­gen mit auf­ge­mal­tem Stern be­lu­den. Der Mann mit dem Schnauz­bart zog ei­nen Ta­baks­beu­tel aus der Ta­sche und dreh­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te, wäh­rend er Freerk und die Jun­gen un­ter dem Schirm sei­ner Müt­ze her­vor ge­nau be­ob­ach­te­te.

„Am bes­ten ihr bei­de über­lasst mir das Re­den“, sag­te En­no. „Aber wir war­ten, bis der Las­ter der Amis weg ist.“

Freerk nick­te nur. Was für ei­ne

Schnaps­idee, dach­te er. War­um nur hat­te er sich breit­schla­gen las­sen, mit der Mar­ga­re­the nach Bre­mer­ha­ven zu fah­ren, um den Dorn­hai, den sie vor ein paar Ta­gen ge­fan­gen und ge­räu­chert hat­ten, ge­gen Zi­ga­ret­ten ein­zu­tau­schen? Aus dem See­sack über sei­ner Schul­ter stieg ein ver­rä­te­ri­scher Duft nach Räu­cher­fisch in sei­ne Na­se. Zu­erst hat­te er Nein ge­sagt, aber En­no hat­te so lan­ge auf ihn ein­ge­re­det, bis er schließ­lich doch nach­ge­ge­ben und ver­spro­chen hat­te, die Jungs über die We­ser­mün­dung zu brin­gen. Und ver­spro­chen war nun ein­mal ver­spro­chen, da gab es kein Zu­rück.

Nie­mand wuss­te, dass sie hier wa­ren, sie hat­ten we­der On­kel Emil noch Wieb­ke in ih­ren Plan ein­ge­weiht, als sie am Mor­gen nach Bre­mer­ha­ven auf­ge­bro­chen wa­ren. Die gan­ze Fahrt über hat­te sich Freerk Ge­dan­ken ge­macht und je­de sei­ner Be­fürch­tun­gen fing an mit: Was,

wenn … Was, wenn je­mand frag­te, was ein Kut­ter aus Fed­der­war­der­siel in Bre­mer­ha­ven zu su­chen hat­te? Was, wenn auf­fiel, dass der Pass nicht ihm ge­hör­te? Was, wenn sei­ne Sa­chen durch­sucht wer­den wür­den? Was, wenn die Amis den Fisch ent­deck­ten?

Die Kon­se­quen­zen, die Freerk sich aus­ge­malt hat­te, wa­ren im­mer schlim­mer ge­wor­den, je nä­her die Ge­bäu­de des Fi­sche­rei­ha­fens ge­kom­men wa­ren. Die Amis wür­den den Kut­ter be­schlag­nah­men, er selbst und die Jungs wür­den ver­haf­tet wer­den. Und wäh­rend er Mo­na­te, viel­leicht gar Jah­re im Ge­fäng­nis sä­ße, wür­den die Jungs in ei­ne Bes­se­rungs­an­stalt kom­men. Das Schlimms­te aber war, dass er im­mer Wieb­kes grü­ne Au­gen vor sich sah, die ihn vor­wurfs­voll und wü­tend mus­ter­ten, weil er nicht gut ge­nug auf ih­re Brü­der aufgepasst hat­te.

Kurz be­vor der Kut­ter die Kai­mau­er er­reich­te, war Freerk drauf und dran ge­we­sen, das Steu­er­rad her­um­zu­rei­ßen und zu­rück nach Hau­se zu fah­ren, aber er hat­te es nicht ge­tan. Er hat­te En­no sein Wort ge­ge­ben, und er hielt sei­ne Ver­spre­chen – kom­me, was da wol­le. Die Ge­wiss­heit, im­mer Wort ge­hal­ten zu ha­ben, war das Ein­zi­ge, was von sei­nem Stolz noch üb­rig war.

Bis­her war kei­ne sei­ner Be­fürch­tun­gen ein­ge­trof­fen. Die drei hat­ten den Kut­ter am Kai fest­ge­macht und wa­ren zur Ha­fen­meis­te­rei hin­über­ge­gan­gen, wo Freerk ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten den In­ter­zo­nen­pass vor­ge­legt hat­te, be­dacht dar­auf, die Hand ru­hig zu hal­ten, da­mit der Ame­ri­ka­ner das Zit­tern sei­ner Fin­ger nicht be­merk­te. Aber der Sol­dat war so da­mit be­schäf­tigt ge­we­sen, sich mit sei­nen Kol­le­gen zu un­ter­hal­ten, dass er nicht ein­mal zu Freerk auf­ge­se­hen hat­te, als er den Stem­pel auf den Pass ge­drückt hat­te.

Ver­blüfft war Freerk vor dem Schreib­tisch des Sol­da­ten ste­hen ge­blie­ben, und Gerd hat­te ihn am Är­mel zup­fen müs­sen, um ihn aus sei­ner Er­star­rung zu ho­len. Oh­ne dass je­mand sie an­ge­spro­chen hät­te, hat­ten sie die Ha­fen­meis­te­rei wie­der ver­las­sen. Freerk schüt­tel­te den Kopf, als er dar­an dach­te.

Die bei­den Ar­bei­ter hat­ten in­zwi­schen die letz­te Kis­te auf die La­de­flä­che des Last­wa­gens ge­ho­ben und schlos­sen die La­de­klap­pe. Ei­ner von ih­nen ließ sich vom Fah­rer ein Pa­pier auf ei­nem Klemm­brett ab­zeich­nen und ver­schwand im Schup­pen, wäh­rend der Fah­rer den Last­wa­gen be­stieg und den Mo­tor star­te­te. Erst als das Fahr­zeug hin­ter dem Ge­bäu­de ver­schwun­den war, ging En­no auf die an­de­ren Ar­bei­ter zu.

„Wer von euch ist Bernd Mo­ris­se?“, frag­te er freund­lich.

„Wer will das wis­sen?“, gab der Mann mit dem Schnauz­bart zu­rück, der Freerk und die Jun­gen kei­nen Au­gen­blick aus den Au­gen ge­las­sen hat­te.

En­no grins­te. „Ich!“, sag­te er frech. „Wir kom­men aus Fed­der­war­der­siel und sol­len von Han­nes Col­dew­ey grü­ßen.“

Der Schnauz­bart zuck­te mit den Schul­tern. „Col­dew­ey? Nie ge­hört!“Er dreh­te sich zu sei­nen Kol­le­gen um, als Zei­chen da­für, dass das Ge­spräch für ihn be­en­det war.

Aber so schnell ließ sich En­no nicht ab­wim­meln. „Doch, ich den­ke schon“, sag­te er. „Han­nes hat dich ge­nau be­schrie­ben. So um die drei­ßig, nicht all­zu groß, im­mer mit Schie­ber­müt­ze auf dem Kopf und ein Sup­pen­fil­ter mit­ten im Ge­sicht.“

„Du bist ganz schön frech, du Rotz­ben­gel!“Der Schnauz­bart kam ei­nen Schritt auf En­no zu und fun­kel­te ihn bö­se an.

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