Jazz-Fie­ber in Karls­ru­he

Mit­rei­ßen­des Jazz­fes­ti­val Karls­ru­he im ZKM

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE -

Mit Jazz­rock von den „Jazz Pis­tols“, Ste­ve Co­le­man und schrä­gen Kom­po­si­tio­nen aus Ös­ter­reich ist am Karls­ru­her ZKM ein mit­rei­ßen­des Jazz­fest zu En­de ge­gan­gen.

Der zwei­te Tag des Jazz­club-Fes­ti­vals im Ku­bus des ZKM hat­te zu­nächst mit ei­ner Um­be­set­zung auf­zu­war­ten: Die Mann­hei­mer Jazz­rock-For­ma­ti­on „Jazz Pis­tols“kam nicht in ih­rer üb­li­chen Tri­o­be­set­zung, da der Gi­tar­rist Ste­fan Ivan Schä­fer er­krankt war. Bass und Schlag­zeug spiel­ten nach wie vor Chris­toph Vic­tor Kai­ser und Tho­mas Lui Lud­wig. Da­zu ka­men als Er­satz der Sa­xo­fo­nist Al­ber­to Me­nen­dez und der Karls­ru­her Key­boar­der Ger­not Zieg­ler.

Das Quar­tett spiel­te vor­wie­gend Stan­dards, die meis­ten da­von von Wea­ther Re­port. Kai­sers Vor­bild ist zu­dem hör­bar de­ren Bas­sist Ja­co Pas­to­ri­us. Bis auf ein paar Un­sau­ber­kei­ten von ihm lief al­les bes­tens und es war ei­ne Freu­de, Songs wie „Bird­land“oder „Te­en Town“wie­der­zu­hö­ren. Wei­ter ging es mit dem Quar­tett „QCBA“, ein Band­na­me, der auf die Initia­len der bri­ti­schen Blä­ser Qu­en­tin Col­lins (Trom­pe­te) und Bran­don Al­len (Sa­xo­fon) zu­rück­zu­füh­ren ist. Sie wa­ren in Karls­ru­he schon ein­mal in der Band von Kyle East­wood zu Gast und ze­le­brier­ten jetzt mit dem Or­ga­nis­ten Ross St­an­ley und dem Schlag­zeu­ger Lloyd Hai­nes ei­ne mo­der­ne Ver­si­on des Hard­bop aus den 1960er Jah­ren. Her­vor­ra­gen­de Mu­sik von gran­dio­sen So­lis­ten, die auch schon bei Prin­ce oder Eric Clap­ton ge­spielt ha­ben, doch et­was Neu­es oder Ei­gen­stän­di­ges war das nicht. Das kam erst am letz­ten Tag, et­wa mit dem gran­dio­sen Auf­tritt des Alt­sa­xo­fo­nis­ten Ste­ve Co­le­man und sei­nem Quar­tett „Fi­ve Ele­ments“. Vor dem Kon­zert im Ku­bus und in der Pau­se spiel­ten in der Lounge die „Jazz­clas­six All­stars“und Ger­not Zieg­lers „Fridge Peop­le“.

Har­te Fun­ky-Hip-Hop-Jazz­groo­ves, ge­gen­läu­fi­ge Fi­gu­ren, Os­ti­na­ti: die Ac­tion ist bei Ste­ve Co­le­man im Kern im­mer auf Groo­ve, Rhyth­mus und Mo­tiv ge­rich­tet. Und dann wird ei­sen­hart ge­zählt – wer nicht zählt, ist drau­ßen. Ste­ve Co­le­man & Fi­ve Ele­ments (dies­mal nur zu Viert) beim Jazz­fes­ti­val ’17 des Jazz­clubs ist ei­ne Sen­sa­ti­on. Der New Yor­ker ge­hört zu den in­no­va­tivs­ten Köp­fen sei­nes Gen­res. Sei­ner Zeit im­mer weit vor­aus, schrieb er be­reits in den 1980er Jah­ren mit sei­ner Fu­si­onAvant­gar­de Ge­schich­te. Im Ku­bus des ZKM tob­te ein­ein­halb St­un­den lang kon­zen­trier­te Be­geis­te­rung. Co­le­man, Alt­sa­xo­fon, und Jo­na­than Fin­lay­son, Trom­pe­te, zau­ber­ten, spiel­ten Pat­terns, me­lo­di­sche Fet­zen, im­pro­vi­sier­ten. Bas­sist Ant­ho­ny Tidd hielt je nach­dem voll drauf oder völ­lig da­ge­gen, ab­sur­de Po­ly­rhyth­mik spiel­te sich ab. So läuft das bei Co­le­man, al­les fest ge­er­det, vom Groo­ve ge­hal­ten, von ei­nem Schlag­zeu­ger, der pul­siert, egal in wel­cher Takt­art, egal was kommt: Se­an Rick­man. Co­le­man ist ein Freak, ein Au­ßer­ir­di­scher. Sei­nen kom­ple­xen rhyth­mi­schen Struk­tu­ren kön­nen nur Au­ser­wähl­te fol­gen. Ir­gend­wo zwi­schen Ge­nie und Wahn­sinn pro­biert er Din­ge, die sonst nie­mand macht. Er ist ein Ge­trie­be­ner, er muss im­mer wei­ter, will im­mer mehr. Co­le­man folgt ur­al­ten Tra­di­tio­nen von Mu­si­kern, die ver­sucht ha­ben, durch ih­re Mu­sik ih­re Be­zie­hung zur Na­tur aus­zu­drü­cken: Co­le­man be­nutzt nach ei­ge­ner Aus­sa­ge ver­schie­de­ne mu­si­ka­li­sche Struk­tu­ren, um spe­zi­fi­sche mu­si­ka­li­sche Be­we­gun­gen zu sym­bo­li­sie­ren, die nö­tig sind, um sich auf un­ter­schied­li­che Ener­gie­zu­stän­de zu be­zie­hen, mit den Kon­zep­ten der Ve­rän­de­rung, der Ent­wick­lung und des Wachs­tums als Zen­trum sei­ner Ar­beit. Wäh­rend des Auf­tritts im ZKM fass­te er es so zu­sam­men: „Wir wis­sen vor­her nie was kommt. Häu­fig spie­len wir ein­fach ei­ne Fi­gur, aus der dann al­les an­de­re er­wächst“!

Nach die­sem High­light hät­te es je­de Band na­tür­lich schwer ge­habt. Doch Sha­ke Stew aus Ös­ter­reich setz­ten mit ih­rer un­ge­wöhn­li­chen Be­set­zung (je zwei Bäs­se und Schlag­zeug­sets und drei Blä­ser) und mit ih­ren fre­chen und mit­rei­ßen­den Kom­po­si­tio­nen (Lu­kas Kran­zel­bin­der) ei­nen ein­drück­li­chen Schluss­ak­zent. Schon die Du­pli­zi­tät der In­stru­men­te zahl­te sich aus, hör­te man doch im­mer wie­der her­vor­ra­gen­de Bass­du­os – auch zwi­schen akus­ti­schem und elek­tri­schem Bass – und mit­rei­ßen­de per­kus­si­ve Über­lap­pun­gen.

Am über­ra­schends­ten wa­ren aber die wirk­lich auf­re­gen­den, ab­ge­fah­re­nen und schrä­gen Kom­po­si­tio­nen Kran­zel­bin­ders, die da­bei noch so swing­ten und rock­ten. Au­ßer­dem wa­ren hier sie­ben äu­ßerst viel­ver­spre­chen­de jun­ge Mu­si­ker der eu­ro­päi­schen Jazz­sze­ne zu hö­ren, die ei­nen hym­ni­schen und da­her wür­di­gen Ab­schluss für das Fes­ti­val bil­de­ten. P. Bas­ti­an/K. Loh­mann

AB­GE­FAH­REN UND SCHRÄG: Sha­ke Stew aus Ös­ter­reich setz­ten mit ih­rer un­ge­wöhn­li­chen Be­set­zung und mit ih­ren fre­chen und mit­rei­ßen­den Kom­po­si­tio­nen (Lu­kas Kran­zel­bin­der) ei­nen ein­drück­li­chen Schluss­ak­zent beim Jazz­fes­ti­val. Fo­to: Bas­ti­an

EIN FREAK AM SA­XO­FON: Ste­ve Co­le­man im ZKM. Fo­to: Loh­mann

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