Neu­es Ge­setz wird sto­ckend um­ge­setzt

Das Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz ruft bei vie­len Frau­en in der Sze­ne Skep­sis und Ab­leh­nung her­vor

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Le­na Müs­sig­mann

Stutt­gart (dpa/lsw). Nicht je­de Kom­mu­ne kann vom 1. No­vem­ber an die laut Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz vor­ge­schrie­be­nen Be­schei­ni­gun­gen für Sex­ar­bei­te­rin­nen aus­stel­len – auch wenn es vom Ge­setz­ge­ber so ge­for­dert ist. Die Kom­mu­nen hät­ten kei­ne Struk­tu­ren ge­schaf­fen, weil nicht klar ge­we­sen sei, wel­chen fi­nan­zi­el­len Bei­trag das Land leis­te, sagt der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Land­kreis­ta­ges Ba­den-Würt­tem­berg, Al­exis von Ko­mo­row­ski. Erst vor kur­zem wur­de das Aus­füh­rungs­ge­setz ver­ab­schie­det.

Stutt­gart. „Ich mag Män­ner und ich mag Sex“, sagt Clau­dia (Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert), 45 Jah­re, ge­schie­den. Sie hat ei­nen Halb­tags­job und muss sich was da­zu ver­die­nen. Vor fünf Jah­ren hat sie sich be­wusst da­für ent­schie­den, dies als Pro­sti­tu­ier­te zu tun. Von die­sem Mitt­woch an greift das Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz in Ba­den-Würt­tem­berg. Es soll Frau­en wie Clau­dia schüt­zen. Das emp­fin­det die­se aber nicht so. Sie sagt über das Ge­setz: „Ich mag’s nicht, sag ich ganz ehr­lich. Ich füh­le mich be­vor­mun­det und ge­gän­gelt.“

So­zi­al­ar­bei­te­rin sieht aber auch ei­ne Chan­ce

Was das Ge­setz vor­schreibt: Sex­ar­bei­te­rin­nen müs­sen sich auf dem Amt ei­ne Ar­beits­er­laub­nis ab­ho­len und ei­ne Ge­sund­heits­be­ra­tung mit­ma­chen. Für die Kun­den gilt ei­ne Kon­dom­pf­licht. Die Ar­beits­zim­mer müs­sen ei­nen No­t­ruf­knopf ha­ben. Frau­en dür­fen nicht in dem Zim­mer schla­fen, in dem sie ar­bei­ten. Bor­del­le brau­chen künf­tig ei­ne ent­spre­chen­de Be­triebs­er­laub­nis. Das Ge­setz soll men­schen­ver­ach­ten­de Aus­wüch­se in der Sze­ne un­ter­bin­den, so das ba­den-würt­tem­ber­gi­sche So­zi­al­mi­nis­te­ri­um. Es die­ne da­mit vor al­lem den Frau­en. Doch bei vie­len in der Sze­ne herr­schen Skep­sis und Ab­leh­nung vor.

Wie die Kon­dom­pf­licht über­prüft wer­den soll, be­lus­tigt Clau­dia. „Wer will das kon­trol­lie­ren?“Frau­en, die un­ge­schütz­ten Sex an­bie­ten, weil sie Geld brau­chen und da­für mehr ver­lan­gen kön­nen, wür­den das wei­ter­hin tun, ist sie über­zeugt – Ver­bot und Ge­sund­heits­be­ra­tung hin oder her. „Ich glau­be nicht, dass das Ge­setz die Schwa­chen schützt.“Sie emp­fängt ih­re Kun­den in ei­ner Stutt­gar­ter Ter­min­woh­nung. An der Haus­tür sind Klin­geln mit den Na­men der Frau­en, die auf vier Stock­wer­ken ar­bei­ten. Dass Frau­en nicht mehr in dem Zim­mer schla­fen dür­fen, in dem sie die Di­enst­leis­tung an­bie­ten, hält sie für „ab­so­lu­ten Quatsch“, wie sie sagt. Sie ha­be auch ei­ne Woh­nung, füh­le sich in ih­rem Zim­mer aber wohl.

„Das Ge­setz hat vie­le Feh­ler“, sagt auch die So­zi­al­ar­bei­te­rin Mar­ga­re­te Schick-Hä­ber­le. Sie be­rät Pro­sti­tu­ier­te im Ge­sund­heits­amt der Stadt Stutt­gart. Auch sie kri­ti­siert die Zwei-Zim­mer-Re­ge­lung. Das sei in der Theo­rie in­ter­es­sant ge­dacht, so Schick-Hä­ber­le. Wenn ein Eta­blis­se­ment aber mor­gens um vier schlie­ße, müss­ten Frau­en, die we­gen ih­res Be­ru­fes und ei­nes mög­li­chen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grun­des kei­ne Woh­nung in Stutt­gart be­kom­men und sich ein Ho­tel nicht leis­ten kön­nen, auf die Stra­ße ge­hen – oder mit ei­nem Kun­den nach Hau­se. Pro­ble­ma­tisch am Ge­setz fin­det Schick-Hä­ber­le auch, dass der Aus­weis, den die Frau­en künf­tig bei sich ha­ben müs­sen, zur Ent­de­ckung der oft ge­heim ge­hal­te­nen Tä­tig­keit in der Fa­mi­lie füh­ren könn­te – zum Bei­spiel, wenn je­mand die­sen Schein in der Hand­ta­sche fin­det. Das Ge­setz bie­tet aus ih­rer Sicht aber auch ei­ne Chan­ce: die, dass Pro­sti­tu­ier­te Kon­takt zu Be­ra­tungs­an­ge­bo­ten be­kom­men. Das Amt kann ei­ner Frau die Ar­beits­er­laub­nis ver­wei­gern, wenn es Hin­wei­se auf ei­ne Zwangs­la­ge gibt. Der Amts­arzt des Ge­sund­heits­am­tes in Stutt­gart, Mar­tin Pri­wit­zer, hält es aber für frag­lich, ob mit dem Ge­setz der weit ver­brei­te­ten Zwangs­pro­sti­tu­ti­on und dem in­ter­na­tio­na­len Men­schen­han­del ein Rie­gel vor­ge­scho­ben wer­den kann. Er er­war­tet, dass un­ter Zwang ste­hen­de Frau­en vor­be­rei­tet wer­den und wis­sen, was sie auf dem Amt sa­gen müs­sen. Clau­dia glaubt, dass Frau­en, die die Ar­beits­er­laub­nis nicht be­kom­men, trotz­dem wei­ter ar­bei­ten, weil sie das Geld brau­chen. Pro­sti­tu­ti­on wür­de durch das Ge­setz – ent­ge­gen al­ler po­li­ti­schen Be­teue­run­gen – so­mit wie­der mehr in die Il­le­ga­li­tät ge­drängt. „Das är­gert mich.“

NEUE RE­GELN: Das Ge­setz muss vom 1. No­vem­ber an um­ge­setzt wer­den. Es schreibt Sex­ar­bei­te­rin­nen un­ter an­de­rem ei­ne An­mel­dung beim Amt und re­gel­mä­ßi­ge Ge­sund­heits­be­ra­tung vor. Sym­bol­fo­to: dpa

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