Po­kern und Tak­tie­ren

Nächs­te Run­de für die Ja­mai­ka-Son­die­run­gen

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Ber­lin. Nach dem Krach der „Ja­mai­ka­ner“En­de ver­gan­ge­ner Wo­che wa­ren die Par­tei­spit­zen von CDU, CSU, FDP und Grü­nen ge­fragt. Sie sol­len die fest­ge­fah­re­nen Ja­mai­ka-Son­die­run­gen wie­der aufs rich­ti­ge Gleis brin­gen. Und SPD-Chef Mar­tin Schulz ruft ih­nen noch­mals zu, wenn es nicht klappt, gibt’s Neu­wah­len. Die SPD ste­he je­den­falls nicht zur Ver­fü­gung. Die Furcht ist nicht un­be­grün­det, dass es für die oh­ne­hin schon zer­zaus­ten Uni­ons-Schwes­tern CDU und CSU bei Neu­wah­len noch schlim­mer kom­men könn­te – und die AfD sich wie­der die Hän­de reibt. Wer den Platz al­so vor­zei­tig ver­lässt, be­kommt da­für den Schwar­zen Pe­ter zu­ge­scho­ben.

Was steckt al­so hin­ter dem Krach über Steu­ern und Haus­halt so­wie über Kli­ma und Mi­gra­ti­on in der ver­gan­ge­nen Wo­che? Zu­nächst: Kein Mensch geht in Ver­hand­lun­gen und zeigt dem Ver­hand­lungs­part­ner gleich auf, wo er Kom­pro­mis­se ma­chen wür­de. Es war al­so ei­ne er­wart­ba­re Po­si­tio­nie­rung mit Ma­xi­mal­for­de­run­gen. Da­her hat es ei­ne ge­wis­se Kon­se­quenz, wenn sich Uni­on und FDP freu­en, dass man sich auf die „Schwar­ze Null“ver­stän­digt hat. Und es ist auch nicht über­ra­schend, dass die Grü­nen, die sich in die­ser Kon­stel­la­ti­on die Zu­stän­dig­keit für So­zia­les auf die Fah­nen ge­schrie­ben ha­ben, die Fi­nan­zier­bar­keit in Zwei­fel zie­hen. Noch wis­se man gar nicht, ob die Steu­er­schät­zung ge­nü­gend Geld brin­gen wür­de. An­de­rer­seits geht die FDP mit ih­rer Wirt­schafts­kli­en­tel auf die Bar­ri­ka­den, wenn die Grü­nen ver­mel­den, dass man sich auf die Ein­hal­tung der Kli­ma­zie­le ver­stän­digt ha­be. Ja, was denn sonst. Auch hier ist man ei­gent­lich gar nicht so weit aus­ein­an­der. Aber was die Grü­nen kön­nen, kön­nen die Li­be­ra­len auch. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag recht­zei­tig ei­ne Aus­zeit ge­nom­men, um die Grä­ben nicht noch tie­fer wer­den zu las­sen. Denn jen­seits des Po­kerns und Tak­tie­rens fehlt et­was Ent­schei­den­des: Ver­trau­en. FDP-Frak­ti­ons­vi­ze Alex­an­der Graf Lambs­dorff wirbt in der „Welt am Sonn­tag“für Ge­duld. Und er ap­pel­liert an Grü­ne wie Li­be­ra­le glei­cher­ma­ßen, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen. Die FDP ist wäh­rend ih­rer au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen Op­po­si­ti­on im Bund bei Land­tags­wah­len der ver­gan­ge­nen Jah­re in kei­ne Ko­ali­ti­on ein­ge­stie­gen, die schon vor­her be­stan­den hat und wo sie als Par­tei mit dem ge­rings­ten Stim­men­an­teil nur Mehr­heits­be­schaf­fer ge­we­sen wä­re. Es muss im­mer ei­ne Trend­wen­de mög­lich sein, be­tont FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner im­mer wie­der. Das war in sei­nen Au­gen in Ba­den-Würt­tem­berg bei Grün-Rot nicht so und ist jetzt in Nie­der­sach­sen bei Rot-Grün wohl eben­falls nicht mög­lich. Da­ge­gen ha­ben sich die Li­be­ra­len in Rhein­land-Pfalz mit sei­ner lang­jäh­ri­gen so­zi­al­li­be­ra­len Tra­di­ti­on an ei­ner Am­pel be­tei­ligt, wo­bei sie stär­ker sind als die Grü­nen. Und in Schles­wi­gHol­stein sind sie so­gar als Par­tei mit dem­ge­rin­ge­ren Stim­men­an­teil als die Grü­nen in ei­nen Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on ge­gan­gen. Hier gab es aber ei­nen Wech­sel von Rot-Grün zu Schwar­zGelb-Grün.

Die Grü­nen be­fin­den sich jetzt im Bund genau in der Si­tua­ti­on, die die Li­be­ra­len in den Län­dern nie für sich ak­zep­tie­ren woll­ten. Sie sind die po­ten­zi­el­len Ja­mai­ka-Ko­ali­tio­nä­re mit dem ge­rings­ten Stim­men­an­teil und sie tref­fen auf Ko­ali­ti­ons­part­ner, die ei­ne lan­ge ge­mein­sa­me Tra­di­ti­on ha­ben. Auch wenn es bei der letz­ten schwarz-gel­ben Ko­ali­ti­on vie­le Ver­wer­fun­gen gab, die bei den Li­be­ra­len bis heu­te nach­wir­ken und ih­rer­seits für Ve­r­un­si­che­rung der FDP in den Son­die­rungs­ge­sprä­chen sorgt. Lind­ner räum­te im Wahl­kampf die in­halt­li­che Nä­he zur CDU ein, aber wies zu­gleich Darstel­lun­gen ent­schie­den zu­rück, es ge­be ei­ne „na­tür­li­che Part­ner­schaft“. Die Grü­nen neh­men ihm das nicht ab und se­hen sich wohl als fünf­tes Rad am Wa­gen. Viel­leicht kom­men die „Ja­mai­ka­ner“in die­ser Wo­che mit der Ver­trau­ens­bil­dung ei­nen Schritt wei­ter. Rup­pert Mayr

Par­tei­en stell­ten zu­nächst ih­re Ma­xi­mal­for­de­run­gen

Zwi­schen Grü­nen und FDP fehlt das Ver­trau­en

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