„Die Gü­te Got­tes ver­än­dert die Welt“

Von Lan­des­bi­schof Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh

Pforzheimer Kurier - - MARTIN LUTHERND DER GLAUBE -

Wel­che Rol­le spielt Re­li­gi­on in der künf­ti­gen Ge­sell­schaft? Um die­se Fra­ge ging es oft im Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um. Vie­le be­wegt da­bei die Angst vor dem Fa­na­tis­mus. An­de­re sind gleich­gül­tig oder se­hen re­li­giö­se Fra­gen als über­holt an; aber auch sie se­hen, dass Re­li­gi­on ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt und wei­ter­hin spie­len wird.

Im Kern hat die christ­li­che Re­li­gi­on ei­ne Bot­schaft: Die Gü­te Got­tes ver­än­dert die Welt! Sie stärkt die Wür­de je­der Per­son, mei­ne, aber auch die der An­de­ren. Sie führt uns in un­se­rer Un­ter­schied­lich­keit zu­sam­men und macht uns Mut, of­fen und auch in Kon­flik­ten ge­walt­frei mit­ein­an­der zu le­ben. Und sie ach­tet be­son­ders auf die­je­ni­gen, die nicht für sich selbst sor­gen kön­nen; sie sind der Maß­stab für die Men­sch­lich­keit un­se­rer Ge­sell­schaft.

Der christ­li­che Glau­be be­ginnt mit ei­ner per­sön­li­chen Zu­sa­ge: „Fürch­te dich nicht! Ich ha­be dich er­löst, ich ha­be dich bei dei­nem Na­men ge­ru­fen, du ge­hörst zu mir!“Es ist die vor­nehms­te Auf­ga­be der Kir­chen, die ein­zel­ne Per­son in die­sem Gott­ver­trau­en zu stär- ken. Es macht frei von Er­war­tun­gen, von ei­ge­nen und von frem­den: „So musst du sein, da­mit du be­ste­hen kannst!“Ein Chris­ten­mensch ist ein frei­er Mensch. Sei­ne Wür­de grün­det nicht in sei­nem Nut­zen für die Ge­sell­schaft. Sie grün­det in Got­tes Zu­sa­ge. Die­se Er­kennt­nis wird in der di­gi­ta­li­sier­ten Kul­tur des 21. Jahr­hun­derts mit ih­ren vie­len Fort­schrit­ten in Me­di­zin und Tech­nik im­mer wich­ti­ger wer­den. Wir sind nicht gött­lich: Zum Mensch­sein ge­hört, dass wir be­grenzt und fehl­bar sind.

Zu­gleich traut Gott den Ein­zel­nen viel zu. Wir sind ge­fragt, in sei­nem Geist die Welt zu ge­stal­ten. Das war der Re­for­ma­ti­on wich­tig: nicht nur „die da oben“, je­der und je­de von uns ist ge­fragt, in un­se­rer Fa­mi­lie, in un­se­rem Be­ruf, für un­ser Land.

Nie­mand „hat“den Glau­ben, so wie ein ge­kauf­tes Brot. Manch­mal sind wir vol­ler Gott­ver­trau­en, dann wie­der an­ge­foch­ten und der Glau­be ent­zieht sich. Des­halb ist es wich­tig, über den Re­li­gi­on und Glau­ben nach­zu­den­ken und sich aus­zu­tau­schen. Der bes­te Schutz ge­gen Fun­da­men­ta­lis­mus und Fa­na­tis­mus, die Gott für ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen nut­zen, ist ei­ne brei­te re­li­giö­se Bil­dung. Nur wer im Ei­ge­nen sprach­fä­hig ist, kann in den Dia­log mit an­de­ren Re­li­gio­nen und Wel­t­an­schau­un­gen ein­tre­ten, der in Zu­kunft im­mer wich­ti­ger wer­den wird.

Der christ­li­che Glau­be stärkt den so­zia­len Zu­sam­men­halt. Vie­le all­täg­li­che Un­ter­schie­de ver­lie­ren im Gott­ver­trau­en an Ge­wicht; ent­schei­dend ist, dass wir Kin­der Got­tes und da­rin Ge­schwis­ter von Je­sus sind. Je­sus ist Rea­list; er kennt die Kon­flik­te. Aber die Zu­kunft ge­hört nicht dem (Aus-) Sor­tie­ren, son­dern ei­ner of­fe­nen, viel­fäl­ti­gen Ge­mein­schaft. Da ge­hö­ren die Na­hen da­zu, aber auch die, die weit weg sind. An sei­nem Tisch sind sie al­le will­kom­men, um auf­ein­an­der zu hö­ren, mit­ein­an­der zu re­den und die Welt zu er­neu­ern.

Wir le­ben auf ei­ner Er­de. Die Un­ge­rech­tig­keit, der Un­frie­den, die Dür­re oder die Über­schwem­mun­gen des Kli­ma­wan­dels be­tref­fen auch uns. Des­halb ist christ­li­che Kir­che im­mer ei­ne öku­me­ni­sche, welt­wei­te Ge­mein­schaft über Gren­zen hin­weg. Sie tritt den Po­la­ri­sie­run­gen, Aus­gren­zun­gen und Seg­men­tie­run­gen ent­ge­gen, die wir in den letz­ten Jah­ren be­ob­ach­ten; im Geist Je­su sucht sie Ver­söh­nung.

Die christ­li­che Re­li­gi­on brei­tet die Gü­te Got­tes aus. Das ist auch in Zu­kunft ihr Auf­trag. Des­we­gen ach­tet sie be­son­ders dar­auf, wie mit Men­schen um­ge­gan­gen wird, die be­son­ders ver­letz­lich sind, zum Bei­spiel am An­fang und En­de des Le­bens. Sie setzt sich für Kran­ke ein, für Men­schen in fi­nan­zi­el­len Not­la­gen, für Frem­de, für Men­schen, die aus­ge­grenzt wer­den oder die spü­ren, dass sie ver­sagt ha­ben.

Auf die­sem Weg in ei­ne in­klu­si­ve und barm­her­zi­ge Ge­sell­schaft wird die Kir­che zu­künf­tig noch ak­ti­ver mit an­de­ren Ver­bän­den, mit Kom­mu­nen und Initia­ti­ven zu­sam­men­ar­bei­ten. Sie wird die Men­schen er­mu­ti­gen, sich an der po­li­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung über die Zu­kunft un­se­rer Ge­sell­schaft zu be­tei­li­gen und sie wird selbst po­li­tisch Stel­lung neh­men, da­bei aber im­mer dar­auf ach­ten, das Po­li­ti­sche nicht re­li­gi­ös zu über­hö­hen.

Die Gü­te Got­tes ver­än­dert die Welt. Dar­auf hof­fen Chris­tin­nen und Chris­ten.

Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh

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