In­sel­toch­ter

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Dann stieß sie ih­re Schwes­ter mit dem El­len­bo­gen an. „Und nun gib mal das Fo­to wei­ter, Al­muth!“, sag­te sie. „Und mach den Mund zu, sonst wird das Herz kalt.“

Am nächs­ten Mor­gen stand Wieb­ke schon um kurz nach sechs in Cap­tain Wat­sons Kü­che und kne­te­te den Teig für die Früh­stücks­bröt­chen. Die hal­be Nacht hat­te sie sich hin und her ge­wälzt und sich ein­zu­re­den ver­sucht, dass sie sich Fre­erks Blick nur ein­ge­bil­det hat­te. Aber auch jetzt stand ihr noch deut­lich vor Au­gen, wie er sie an­ge­se­hen hat­te, ehe er flucht­ar­tig auf­ge­bro­chen war.

Sie hob den He­fe­teig hoch und ritz­te die glat­te Ober­flä­che mit dem Fin­ger­na­gel ein, um zu prü­fen, ob sich be­reits ge­nü­gend Luft da­rin be­fand, ehe sie ihn mit Schwung wie­der auf den be­mehl­ten Tisch warf und wei­ter­kne­te­te.

Und selbst wenn, dach­te sie, was macht das für ei­nen Un­ter­schied? Selbst wenn er ein Au­ge auf mich ge­wor­fen ha­ben soll­te, ist das sein Pro­blem, nicht meins. Er muss se­hen, dass er sich die Sa­che wie­der aus dem Kopf schlägt. Schließ­lich bin ich ver­hei­ra­tet.

„Ver­hei­ra­tet, ver­hei­ra­tet, ver­hei­ra­tet …“Je­des Mal, wenn sie das Wort mur­mel­te, zog sie den Teig ein Stück aus­ein­an­der, klapp­te ihn zu­sam­men, dreh­te ihn und zog ihn in die Brei­te.

„Ver­hei­ra­tet, ver­hei­ra­tet, ver­hei­ra­tet …“Der Klang des Wor­tes ver­än­der­te sich, je öf­ter sie es aus­sprach, der Sinn lös­te sich auf, und es wur­de so et­was wie ei­ne lee­re Be­schwö­rung dar­aus, wäh­rend der Teig aus­ein­an­der­ge­zo­gen, zu­sam­men­ge­klappt, ge­dreht und wie­der aus­ein­an­der­ge­zo­gen wur­de.

„Ah, Wieb­ke! Wie gut, dass ich Sie al­lein er­wi­sche.“

Wieb­ke zuck­te beim Klang von Cap­tain Wat­sons Stim­me zu­sam­men und wand­te sich um. „Mei­ne Gü­te, Sir, ha­ben Sie mich er­schreckt!“

„Ent­schul­di­gen Sie, das woll­te ich nicht.“Cap­tain Wat­son mach­te ein schuld­be­wuss­tes Ge­sicht.

„Das macht doch nichts. Ich war nur gera­de in Ge­dan­ken.“

Wat­son nick­te und sah ei­nen Au­gen­blick lang schwei­gend zu, wie Wieb­ke sich wie­der dem Teig wid­me­te und ihn gründ­lich durch­walk­te. Schließ­lich räus­per­te er sich. „Ich woll­te Sie vor­war­nen“, sag­te er. „Es könn­te sein, dass un­se­re Gäs­te mit Ih­nen re­den möch­ten.“„Mit mir?“Oh­ne den Kopf zu he­ben, ar­bei­te­te sie wei­ter, form­te aus dem Teig ei­ne Ku­gel, leg­te ihn in ei­ne St­ein­gut­schüs­sel, die schon auf dem Tisch be­reit­stand, und be­deck­te ihn mit ei­nem Kü­chen­tuch. Die Schüs­sel stell­te sie ne­ben den Koh­le­herd, da­mit der Teig schnel­ler auf­ging.

Sie wusch sich am Spül­be­cken die Hän­de und trock­ne­te sie an der Schür­ze ab, wäh­rend sie sich wie­der Cap­tain Wat­son zu­wand­te, der am Kü­chen­schrank lehn­te und sie aus sei­nen hel­len, klu­gen Au­gen nach­denk­lich mus­ter­te.

„War­um soll­ten die Her­ren denn mit mir re­den wol­len?“, frag­te sie.

„Ich ge­be zu, das ist mei­ne Schuld“, sag­te er. „Es … ich …“Wie­der räus­per­te er sich. „Ha­ben Sie ei­nen Mo­ment Zeit, Wieb­ke? Ich muss et­was aus­ho­len, um es zu er­klä­ren.“

„Si­cher! Der Teig braucht noch ei­ne Wei­le.“Sie lä­chel­te dem Of­fi­zier zu und deu­te­te auf ei­nen Stuhl am Kü­chen­tisch. „Ich ha­be vor­hin Tee ge­macht. Wenn Sie auch ei­ne Tas­se mö­gen?“

„Gern“, er­wi­der­te er und setz­te sich, wäh­rend Wieb­ke zwei Tas­sen aus dem Schrank hol­te und die Tee­kan­ne vom Herd nahm, wo­bei sie Wat­son aus den Au­gen­win­keln be­ob­ach­te­te.

Ir­gend­et­was war an­ders als sonst. Wat­son schien un­ge­wohnt ner­vös. Sei­ne Be­we­gun­gen wirk­ten fah­rig, als er ei­ne Pa­ckung Zi­ga­ret­ten aus der Ta­sche sei­ner Uni­form­ja­cke zog und das Zel­lo­phan­pa­pier öff­ne­te. Ob ges­tern et­was vor­ge­fal­len war? Viel­leicht hat­te er ih­ret­we­gen Är­ger mit sei­nen Vor­ge­setz­ten be­kom­men. Wieb­kes Ma­gen flat­ter­te ein we­nig, als sie Tee in die bei­den Tas­sen goss und ihm ge­gen­über Platz nahm.

Wat­son nahm ei­nen tie­fen Zug aus sei­ner Zi­ga­ret­te und blies den Rauch in Rich­tung Kü­chen­de­cke. Ein kur­zes Lä­cheln flog über sein Ge­sicht, als sich ih­re Au­gen tra­fen, doch so­fort wich er ih­rem Blick aus, streif­te die Asche der Zi­ga­ret­te in den Aschen­be­cher vor sich und trank ei­nen Schluck aus sei­ner Tee­tas­se.

„In ein paar Wo­chen wird sich hier ei­ni­ges än­dern“, sag­te er. „Es ist ge­plant, die Ver­wal­tung der We­ser­marsch im Herbst in die Hän­de der Deut­schen zu über­ge­ben und die Re­gis­tra­tur zu ver­klei­nern. Dann wird das Mi­li­tär nur noch be­ra­tend tä­tig sein, und da­für braucht man nicht mehr so vie­le Leu­te.“Er seufz­te. „Für mich be­deu­tet das, dass ich zur Mi­li­tär­ver­wal­tung nach Han­no­ver ver­setzt wer­den. Und für Sie …“

In Wieb­kes Ma­gen bil­de­te sich ein Kno­ten. „Für mich be­deu­tet es, dass ich die Ar­beit ver­lie­re“, sag­te sie ton­los.

„Ja, so sieht es wohl aus, lei­der“, er­wi­der­te Wat­son lei­se. „Hier wer­den dann kaum noch Dol­met­scher ge­braucht.“Zwi­schen sei­nen Au­gen­brau­en bil­de­te sich ei­ne tie­fe Fal­te. Er schwieg ei­nen Au­gen­blick, dreh­te die Zi­ga­ret­te zwi­schen den Fin­gern, be­vor er er­neut ei­nen tie­fen Zug nahm.

„Wis­sen Sie, Wieb­ke, ich bin ego­is­tisch“, sag­te er schließ­lich. „Ich schät­ze die Zu­sam­men­ar­beit mit Ih­nen sehr, und ich will nicht dar­auf ver­zich­ten. Dar­um ha­be ich bei mei­nen Vor­ge­setz­ten dar­um ge­be­ten, Sie nach Han­no­ver mit­neh­men zu dür­fen.“Wat­son blick­te auf, und ein schma­les Lä­cheln um­spiel­te sei­ne Mund­win­kel, ehe er wie­der ernst wur­de. „Au­ßer­dem wä­re es für Ih­re Fa­mi­lie si­cher schlimm, wenn Sie Ih­re Ar­beit ver­lie­ren wür­den.“

Wieb­ke brauch­te ei­nen Mo­ment, bis sie ih­re Ge­dan­ken so weit ge­ord­net hat­te, dass sie ihm ant­wor­ten konn­te. „Nach Han­no­ver?“, frag­te sie. „Aber wie soll das ge­hen? Wie sol­len wir denn da ei­ne Woh­nung für uns al­le fin­den? In den Städ­ten ist das doch viel schwie­ri­ger als auf dem Land. Wir ha­ben ja schon fast ein Jahr ge­braucht, bis wir end­lich in Fed­der­war­der­siel un­ter­ge­kom­men sind.“

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