Gro­ßes Wohn­zim­mer

Pro­fi­mu­si­ker, ein FOH-MANN und ein Me­di­en­künst­ler be­sin­nen sich auf die „ur­sprüng­li­che Idee“des Mu­sik­ma­chens: Ei­ne Büh­ne mit­ten im Raum, kein klas­si­sches Mo­ni­to­ring, statt­des­sen auf­ein­an­der hö­ren. Für das Pu­bli­kum wird mit über­schau­ba­rer Rund­um-be­schal­lun

Production Partner - - Report | 360°-konzert - Text: Ni­co­lay Ketterer | Fo­tos: Ni­co­lay Ketterer, Pink Event Ser­vices

Am An­fang steht ein Strom­aus­fall: Wäh­rend des Sound­checks in der Sce­na­rio-hal­le des Karls­ru­her Tem­pel­ver­eins ver­ur­sacht ei­ne der mit­ge­brach­ten Wohn­zim­mer-steh­lam­pen ei­nen Kur­zschluss, sie war auf den Ton-strom­kreis ge­legt wor­den; die Di­gi­co Sd5-kon­so­le quit­tiert den Di­enst mit ei­nem Ab­sturz. FOH-MANN Rou­ven El­ler kann die Ses­si­on zwar neu la­den, muss al­ler­dings ein­zel­ne Plug-ins neu auf­set­zen. Ei­gent­lich will er ab­ge­stürz­te Ses­si­ons nicht nut­zen, auf­grund der Un­wäg­bar­keit in­ter­ner Feh­ler. Die fort­ge­schrit­te­ne Zeit macht ihm ei­nen Strich durch die Rech­nung, und der mu­si­ka­li­sche Rah­men er­lau­be – im Ge­gen­satz zu „gro­ßen“Pro­duk­tio­nen, bei de­nen zu­ver­läs­sig re­pro­du­ziert wer­den soll – Im­pro­vi­sa­ti­on. Den un­ge­zwun­ge­nen Rah­men stellt das „Ver­eins­heim“, ein Pro­jekt aus Pro­fi­mu­si­kern und Tech­ni­kern. „Wir – Schlag­zeu­ger Tom­my Bal­du, Key­boar­der Ni­co Schnepf, Sän­ger Da­vid Mai­er, Licht­mann Ha­e­gar und ich, ha­ben zu fünft das ‚Ver­eins­heim‘ ge­grün­det. Wir sind mitt­ler­wei­le al­le in ganz Deutsch­land un­ter­wegs, woll­ten aber mal ein Pro­jekt zu­sam­men ma­chen“, er­klärt Rou­ven El­ler, der als fes­ter FOH-MANN für Laith Al-de­en, Lou Be­ga, die SWR Big­band und Rolf Stahl­ho­fen (Söh­ne Mann­heims) un­ter­wegs war.

Sie ha­ben Stü­cke ge­schrie­ben, grob ex­pe­ri­men­tel­len Folk­rock mit deut­schen Tex­ten, und nach ei­nem ge­eig­ne­ten Rah­men ge­sucht. „Für mich war wich­tig, Mu­sik wie­der an­ders zu er­le­ben, weg von ei­ner gro­ßen Be­schal­lungs- und Mo­ni­tor­lö­sung, in die sich je­der in sei­nen ei­ge­nen Mi­kro­kos­mos ein­stöp­selt.“Er ha­be sich auf ei­ne Pro­be­raum­si­tua­ti­on zu­rück­be­son­nen, meint El­ler: „Dort geht es dar­um, die Dy­na­mik an­zu­pas­sen: Wenn mein Ele­ment zu laut ist, spie­le ich lei­ser

oder dre­he mich run­ter.“Aus dem Grund woll­te er oh­ne Wed­ges und In-ear-sys­te­me aus­kom­men. Die Mu­si­ker soll­ten sich so nah zu­sam­men­set­zen, dass je­der auf den an­de­ren ach­tet, mit­geht. Das Pro­jekt ent­stand vor rund fünf Jah­ren. „Wir ver­an­stal­ten das Ver­eins­heim zwei bis drei Mal im Jahr, je­weils ei­ne ‚Rut­sche‘ von zwei bis vier Gigs.“Sie spie­len meist im re­gio­na­len Ein­zugs­ge­biet, in der ge­fühl­ten „Band­hei­mat“Karls­ru­he und Mann­heim, wo die Kon­zer­te im­mer aus­ver­kauft sei­en, er­zählt El­ler. Die Sce­na­rio-hal­le des Tem­pel-kul­tur­ver­eins in Karls­ru­he, ein al­tes Back­stein-ge­bäu­de, dient bis­lang als „Stamm-club“, eben­so wie die Al­te Feu­er­wa­che in Mann­heim, in der sie am Vor­tag auf­ge­tre­ten sind; das Pro­jekt war auch in Lud­wigs­burg oder Frank­furt un­ter­wegs.

Zum „Kern“ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren der Bas­sist Pau­cker (u. a. Joy Den­ala­ne, Max Her­re, Tho­mas D) und der is­län­di­sche Gi­tar­rist Ómar Guðjóns­son ge­sellt, der je­des Mal

aus Reyk­ja­vík ein­fliegt. Die Mu­si­ker bil­de­ten ei­ne pas­sen­de Ein­heit, meint El­ler. „Für je­den der sie­ben Leu­te, die hier fest mit­ma­chen, ist das ei­ne tol­le Rei­se, mit zwei, drei Gast­sän­gern, die bei je­der ‚Kon­zert­se­rie‘ wech­seln. Wir neh­men die mit in un­se­re Sound-welt.“Bis­lang war et­wa Zwei­raum­woh­nung da­bei, die ei­gent­lich elek­tro­ni­sche Mu­sik ma­chen. „Die Gäs­te sind zu­nächst über­rascht: Kein her­kömm­li­ches Mo­ni­to­ring, kein In-ear, nichts – das ist ein ‚Zu­rück­kom­men‘, ein­fach mal dar­auf ein­las­sen! Manch­mal ist es schwie­rig: Wenn je­mand sehr lei­se singt, müs­sen schlicht al­le sehr lei­se spie­len! Die Mu­si­ker müs­sen sich an­pas­sen. Ich kann den Ge­sang nicht end­los laut ma­chen. Die Mu­si­ker ma­chen zu­sam­men Mu­sik, und ich ma­che das, was drum her­um statt­fin­det.“

Der Klang müs­se im Raum funk­tio­nie­ren. „Die Idee ist, dass ich das Gan­ze nur trans­por­tie­re und da­mit ei­ne ‚Sound-welt‘ schaf­fe – Ef­fek­te da­zu­mi­sche, viel mit De­lays ar­bei­te oder ei­ne Stim­me ‚rein­flie­gen‘ las­se. Das ent­steht, wenn man sich beim Kon­zert ‚ein­ge­groovt‘ hat, zu­sam­men mit dem Pu­bli­kum – und ist je­des Mal an­ders. Ich weiß vor­her nie, was ich ma­che: Es sind kei­ne Sze­nen auf dem Pult vor­be­rei­tet.“Sie hät­ten sich um­ge­schaut und nichts Ver­gleich­ba­res ge­fun­den. „Es gibt die Sen­dung ‚Inas Nacht‘, bei der ein im­pro­vi­sier­ter Rah­men vor­han­den ist, aber nichts, bei dem die Band als Ein­heit im Vor­der­grund steht.“

Auf­bau mit Rund­um-be­schal­lung: von au­ßen nach in­nen oder vice ver­sa?

Sie ver­an­stal­ten ein „360-Grad-kon­zert“, wie sie es nen­nen. Die Büh­ne wird je­weils in der Mit­te des Raums auf­ge­baut. Im Tem­pel ste­hen am hin­te­ren En­de des Raums Stüh­le in auf­stei­gen­den Rei­hen, dort be­fin­det sich nor­ma­ler­wei­se die Büh­ne. „Wir woll­ten das Pu­bli­kum in ein Wohn­zim­mer ho­len. Der Raum ist rund­um be­stuhlt, die Leu­te sit­zen so nah dran, dass sie theo­re­tisch mit­spie­len könn­ten. Das soll eng und ku­sche­lig sein, das Pu­bli­kum mit­neh­men.“Der Saal sei ein „He­xen­kes­sel“, meint El­ler. Im Karls­ru­her „Toll­haus“ha­ben sie den bis­her größ­ten Gig ge­spielt, rund 800 Leu­te im gro­ßen Saal. „Das war ein Ver­suchs­ob­jekt: Die Mu­si­ker ste­hen ge­nau­so eng bei­sam­men, das Pu­bli­kum drum her­um. Das hat im­mer noch su­per funk­tio­niert, aber ich ver­mu­te, da liegt die Gren­ze für das Kon­zept. Wir hat­ten auch An­fra­gen für ‚Das Fest‘ [jähr­li­che Karls­ru­her Open-air-groß­ver­an­stal­tung, d. Red.], woll­ten aber nicht auf ei­ner nor­ma­len Büh­ne vor dem Pu­bli­kum spie­len. Dann wä­re die Idee des Abends weg.“

Zu­nächst woll­ten sie von au­ßen nach in­nen be­schal­len, was Pro­ble­me auf­warf. „In ei­nem 30 m brei­ten Raum ent­ste­hen be­reits 100 ms De­lay. Da kön­nen die Mu­si­ker nicht mehr spie­len, und das klingt auch nicht gut.“Da­her ent­stand der um­ge­kehr­te An­satz, von in­nen nach au­ßen zu be­schal­len. Es sei ein Spon­so­ring-pro­jekt al­ler Be­tei­lig­ten. „Wir sind mit zwei Sprin­tern un­ter­wegs, ei­gent­lich ei­ne sehr klei­ne Num­mer. Es gibt kein Bud­get, wir ma­chen das al­le zu­sam­men.“Die Be­schal­lung über­nimmt er mit sei­ner Fir­ma Pink Event Ser­vices. „Ei­ne nor­ma­le Rund­um­be­schal­lung, meist d&b – wir neh­men, was eben ge­ra­de noch im La­ger ist. Ak­tu­ell ei­ne Drei­er­rei­he T10-tops, zwei T10, die die Au­ßen­be­rei­che ab­de­cken und ei­ne Q10 in die Ge­gen­rich­tung – das ist nicht zu­letzt der Tra­ver­sen­last der ein­zel­nen Lä­den ge­schul­det. Da­zu noch zwei E3, die nach au­ßen leicht auf­fül­len, und zwei Q-sub.“Die An­la­ge läuft über zwei D80-ver­stär­ker, da­zu das er­wähn­te Di­gi­co Sd5-pult samt Sta­ge­rack. Sie brin­gen das kom­plet­te Sound-se­t­up mit, weil kein Haus für den Zweck ei­ne pas­sen­de Lö­sung ha­be.

Ei­ne klei­ne „Aus­nah­me“beim The­ma Mo­ni­to­ring: „Über dem Ge­s­angs­po­dest hängt ei­ne Q10-wedge, die als ‚Du­sche‘ fun­giert.“Das sei so­zu­sa­gen der Er­satz für die ge­dach­te Pro­be­raum-ge­sangs­an­la­ge. „Die Wedge be­schallt prak­tisch nur das Po­dest, nur Stim­me, da­mit der Sän­ger et­was In­to­na­ti­ons­kon­trol­le hat – so, dass er es wahr­nimmt, aber nicht be­son­ders laut. Wenn je­mand Akus­tik­gi­tar­re spielt, kommt die viel­leicht noch mit drauf, zur Ori­en­tie­rung. An­sons­ten gilt: Wir ma­chen das ein­mal an, es gibt auch kei­nen wirk­li­chen Mo­ni­tor-check, die Ein­stel­lung bleibt den Abend über gleich. Der Rest pas­siert als Re­fle­xi­on aus dem Raum. In der Al­ten Feu­er­wa­che in Mann­heim er­gibt das ein an­de­res Kon­zert, weil je­der auf die Dy­na­mik und das Ge­sche­hen ach­tet.“Die größ­ten Un­ter­schie­de zur Mann­hei­mer Rä­um­lich­keit am Vor­abend? „Der Raum dort ist et­was hal­li­ger bei 2–3,5 khz und hat pro­ble­ma­ti­sche Raum­mo­den in den un­te­ren Mit­ten. Da muss der Bas­sist an­ders spie­len, al­le müs­sen auf die Akus­tik ein­ge­hen und ih­re An­schlagdy­na­mik an­pas­sen.“

Un­ge­wöhn­lich, dass Pro­fis ein ge­mein­sa­mes Tour-pro­jekt als „Be­loh­nung“für sich selbst ver­an­stal­ten: „Das ist ge­nau das rich­ti­ge Stich­wort: Wir zeh­ren al­le da­von.“Der Auf­wand sei rie­sig, aber nach ei­ner Kon­zert­rei­he sei ihm wie­der be­wusst, wes­halb er sich sein ers­tes Misch­pult ge­kauft hat und den Be­ruf ma­che. Er selbst ste­he mitt­ler­wei­le nur noch bei Pro­jek­ten am Pult, die ihm wich­tig sind, über­nimmt sonst die ad­mi­nis­tra­ti­ve Ar­beit sei­ner Fir­ma in Pfinz­tal bei Karls­ru­he. „Es muss für uns gut sein. Wir müs­sen Bock dar­auf ha­ben. Dann wä­re es fast ein Wun­der, wenn das Pu­bli­kum das nicht gut fin­det, aber das ist nicht die Prä­mis­se. Wir mei­nen nicht, ei­nen Song ein­bau­en zu müs­sen, weil das Pu­bli­kum das brau­chen könn­te.“Mitt­ler­wei­le kün­dig­ten sie die Gäs­te auch nicht mehr vor­her an. „Un­ser Ziel war im­mer, das ‚Ver­eins­heim‘ als Ge­sam­ter­eig­nis zu ver­mit­teln. Das gibt ei­nen tol­len Abend – völ­lig egal, ob ein Pop­star Gast ist oder nicht.“

Re­cor­ding-vor­be­rei­tung

Als Gast­sän­ger ist der Mu­si­ker Ro­bert Lau­pert ali­as L’au­pai­re da­bei; bis­lang die ers­te Wie­der­ho­lung bei ei­ner Ver­eins­heim­kon­zert­rei­he. Er ist ak­tu­ell der ein­zi­ge Gast. El­ler: „Wir woll­ten uns bei die­ser Rut­sche auf ei­ne an­ste­hen­de Re­cor­dings­es­si­on vor­be­rei­ten und mehr ei­ge­ne Songs spie­len.“Das

Pu­bli­kum ha­be im­mer nach ei­ner Plat­te ge­fragt, schließ­lich ha­ben sie sich ent­schlos­sen, am fol­gen­den Wo­che­n­en­de zwei Re­cor­ding-ses­si­ons mit klei­ne­rem Pu­bli­kum in El­lers Stu­dio mit­zu­schnei­den. „Zu­erst war die Idee, oh­ne Pu­bli­kum auf­zu­neh­men, aber wir wür­den dann nicht in die glei­che Stim­mung kom­men. Da­von lebt die Mu­sik.“Sie hät­ten sich da­ge­gen ent­schie­den, schlicht ei­nen nor­ma­len Auf­tritt zu ver­öf­fent­li­chen, „weil wir die Auf­nah­me grund­sätz­lich ana­log hal­ten wol­len. Bei mir im Stu­dio steht ei­ne ana­lo­ge Sslkon­so­le und Out­board-equip­ment. Da­zu wol­len wir live auf ei­ne Te­le­fun­ken Zwei-spur­ma­schi­ne mi­schen, so dass das Er­geb­nis nach den bei­den Ses­si­ons theo­re­tisch fer­tig ist. Das wird nicht bei al­len Songs funk­tio­nie­ren: Wir schnei­den zur Si­cher­heit die Ein­zel­spu­ren in Pro Tools mit, aber es wä­re schön, wenn ein paar Mi­schun­gen end­gül­tig funk­tio­nie­ren und den ‚Live-an­satz‘ ver­mit­teln.“

Sounds und Mi­kro­fo­nie­rung

An­fangs hat Key­boar­der Ni­co Schnepf ein Up­right-pia­no für Pia­no-sounds aus­pro­biert, muss­te aber schnell auf Al­ter­na­ti­ven aus­wei­chen. El­ler: „Wenn das Pia­no ei­ne tra­gen­de Rol­le über­nimmt und die Me­lo­die spielt, be­kom­me ich es bei lau­ten Stü­cken nicht mehr über den Rest. Ich ha­be zu viel Über­spre­chen im Mi­kro­fon.“Sie hat­ten über die Jah­re ein Rho­des E-pia­no pro­biert, auch ein Ya­ma­ha CP70, aber das sei – ab­seits von Auf­wand und Ge­wicht – eben­falls ein Kom­pro­miss für das Pro­jekt ge­we­sen. Mitt­ler­wei­le hat sich Schnepf ein ei­ge­nes Mas­ter-key­board ge­baut, er steu­ert ein Note­book an und spielt da­ne­ben zwei al­te Syn­the­si­zer. Die Si­gna­le lau­fen über ei­nen Key­board-ver­stär­ker, den El­ler mit ei­nem Senn­hei­ser MD441 ab­nimmt.

Die Drums von Tom­my Bal­du, der u. a. mit Laith Al-de­en, Xa­vier Nai­doo und Söh­ne Mann­heims ge­spielt hat, sind „jaz­zig“ex­pe­ri­men­tell ge­hal­ten, mit of­fe­ner Stim­mung. Ei­ne Fell­de­cke dämpft das ge­schlos­se­ne Front­fell der Bass­drum von au­ßen, El­ler mi­kro­fo­niert das Front­fell mit ei­nem al­ten AKG D12, das die aus­ge­präg­ten Bas­san­tei­le gut trans­por­tiert. „Ich ma­che An­pas­sun­gen, die ich brau­che und ha­ben möch­te, aber ver­su­che nicht, ein In­stru­ment zu ver­bie­gen. Das ist oh­ne­hin ein spe­zi­el­les Schlag­zeug, das muss auch so rü­ber­kom­men.“An der Sna­re-ober­sei­te nutzt er ein Senn­hei­ser 441, un­ten ein Au­dix i5. „Da hät­te ich auch lie­ber ein ‚al­tes‘ Mo­dell ge­habt, aber mir sind die Mi­kro­fo­ne aus­ge­gan­gen.“Die Hi-hat nimmt er mit ei­nem Au­dio-tech­ni­ca ATM450 Klein­mem­branKon­den­sa­tor­mi­kro­fon ab, mit seit­li­cher Ein­spra­che. „Auf­grund des na­tür­li­chen Sounds der Hi-hat brau­che ich ein Mi­kro­fon, das sanft ab­bil­det, oh­ne die Hö­hen an­zu­he­ben oder hart zu klin­gen. Da­zu ha­be ich auch den Pop­schutz drauf ge­las­sen, der nimmt noch mal et­was Hö­hen weg.“

Schlag­zeu­ger Bal­du setzt Schel­len am lin­ken Bein zur rhyth­mi­schen Be­to­nung ein; El­ler hat ne­ben dem Hi-hat-pe­dal ein Bey­er­dy­na­mic MCE83 po­si­tio­niert. „Ich ver­wen­de im­mer mal was an­de­res, nor­ma­ler­wei­se ein SM57. Die ho­hen Fre­quen­zen über 8 khz brau­che ich nicht, da­her ha­be ich sie – eben­so wie die Bas­san­tei­le – ab­ge­schnit­ten.“Über der Bass­drum hängt ein Scho­eps CMC5-U, das El­ler im Sin­ne ei­nes „ge­crush­ten“Mo­no­raum­mi­kro­fons nutzt. „Im Stu­dio hän­ge ich ein Mi­kro­fon über das Kit, für ei­nen Mo­no­ge­samt-sound. Das wä­re live zu weit weg, da­her plat­zie­re ich es di­rekt über der Bass­drum und kom­pri­mie­re re­la­tiv fett.“Den An­satz ver­wen­de er mitt­ler­wei­le bei al­len

Pro­jek­ten. „Das Schlag­zeug lebt noch mehr, wenn ich das Si­gnal da­zu­schie­be.“An bei­den Toms ver­wen­det er je­weils ein Bey­er­dy­na­mic M88TG, als Over­head ein Senn­hei­ser Mk4-groß­mem­bran über dem Ri­de-be­cken. „Die Mi­kro­fo­nie­rung stammt noch von ei­nem al­ten Set-auf­bau, wo Tom­my Bal­du kein Crash ver­wen­det hat. Das Crash-be­cken brau­che ich in den klei­nen Räu­men nicht zu ver­stär­ken.“

Am Gi­tar­ren-amp setzt er ein Senn­hei­ser Mk4-groß­mem­bran-kon­den­sa­tor­mi­kro­fon ein, da­zu ein Shu­re SM7 als dy­na­mi­sche Er­gän­zung. Im Ver­stär­ker sind Ein­streu­un­gen in die Sing­le-coils von Ómar Guðjóns­sons al­ter Har­monyGi­tar­re zu hö­ren, sie sind dem Dim­mer ge­schul­det. El­ler: „Hier gilt: Wir ar­bei­ten nicht an ei­nem clea­nen Abend. Wir schau­en, wie wir das Pro­blem mi­ni­mie­ren kön­nen – aber wenn der Sing­le-coil we­gen des Lichts brummt, dann ist das so. Wir hat­ten schon Gigs mit ei­nem Gast mit ei­ner al­ten Gi­tar­re, die brumm­te laut. Na­tür­lich könn­te er ei­ne an­de­re Gi­tar­re mit Hum­bu­ckern spie­len, aber wenn das die Gi­tar­re für den Song ist – die Leu­te ster­ben nicht, weil es mal ein biss­chen brummt.“Ein an­de­rer Punkt sei die Dy­na­mik­span­ne: „Wir ha­ben ein ge­misch­tes Pu­bli­kum von 20 bis 70, und man­chen ist es bei zwei kräf­ti­gen Num­mern zu laut, aber ich fas­se den Mas­ter-fa­der nicht an. Das ist die Band – von sehr lei­se bis sehr laut. Bei ei­nem Orches­ter ist das auch der Fall und ge­hört zur Mu­sik da­zu.“

Als Ge­s­angs­mi­kro­fon dient ein Shu­re Ksm86-dop­pel­mem­bran-mi­kro­fon. „Ich ha­be zwar kei­ne Sze­nen im Pult für die Songs, be­nut­ze aber für je­den Sän­ger ei­ne ab­ge­spei­cher­te Eq-ein­stel­lung. Je­der be­nutzt das glei­che Mi­kro­fon. Wenn ein Gast­sän­ger sein ei­ge­nes be­nut­zen will, ist das auch kein Pro­blem – al­ler­dings muss er selbst um­ste­cken, weil ich al­lei­ne bin.“Es sei ei­ne klei­ne, aber sehr ge­mein­schaft­li­che Pro­duk­ti­on, ein „Mit­ein­an­der“, be­tont El­ler. „Klar lie­ße sich das viel pro­fes­sio­nel­ler auf­zie­hen, und ich wür­de mit grö­ße­ren Pro­duk­tio­nen nicht so raus­ge­hen wie hier, aber wir bas­teln uns et­was zu­recht und schau­en, was pas­siert. Manch­mal schö­ne Sa­chen, an­de­re Ma­le nicht, aber es soll ei­ne Spiel­wei­se für je­den sein. Wenn ich ein neu­es Pult ha­be, neh­me ich das hier mit, zum Aus­pro­bie­ren. Das Pu­bli­kum nimmt ei­nem auch nicht krumm, wenn mal was schief­geht. Ich ar­bei­te ge­le­gent­lich mit Ver­zer­rern auf der Stim­me, manch­mal ent­steht im Ei­fer des Ge­fechts ein Feed­back. Wo­an­ders wür­de ich mir das nicht er­lau­ben, aber hier kann es auch zum Abend pas­sen, weil wir ge­ra­de im Flow wa­ren.“Es sei kei­ne „ge­tak­te­te“Show. „Der Abend lebt da­von, dass sich ein Song manch­mal in ei­ne an­de­re Rich­tung ent­wi­ckelt.“

Ef­fek­te und Si­gnal­be­ar­bei­tung

Die Ef­fek­te lau­fen weit­ge­hend über sein Pult. „Im Rack ha­be ich noch ein TC M3000, das ich ge­le­gent­lich be­nut­ze, aber das ist heu­te nicht an­ge­schlos­sen. Mit den in­ter­nen Di­gi­co­ef­fek­ten bin ich nicht ganz glück­lich, aber die sind grund­sätz­lich in Ord­nung.“An­fangs hat­te er wei­te­res Stu­dio­equip­ment da­bei, mitt­ler­wei­le setzt er auf Wa­ves-plug-ins als Er­gän­zung. „Das schlech­tes­te Glied in der Ket­te be­stimmt dei­nen Sound. Meis­tens ist es nicht die Qua­li­tät der Plug-ins, son­dern der Raum, der dich be­grenzt oder stö­ren­de Si­gna­le in Mi­kro­fo­nen. In letz­ter Kon­se­quenz trans­por­tie­re ich den Büh­nen­sound, der muss für al­le funk­tio­nie­ren und Spaß ma­chen. Wenn ich ge­stresst bin, weil ich noch 25 Kom­pres­so­ren an­schlie­ßen muss, ha­ben die Mu­si­ker auch nichts da­von.“Das sei ein Kom­pro­miss, der gut klin­ge. Er be­treibt ei­nen Wa­ves Ser­ver One für 12 vir­tu­el­le Ef­fekt-racks, be­dient die Plug-ins am Bild­schirm des Di­gi­co-pults. „Bei man­chen Pa­ra­me­tern muss ich mit der Maus ar­bei­ten, da fällt die ver­zö­ger­te An­spra­che auf. Vor­her hat­te ich die Be­die­nung auf ei­nen ex­ter­nen Rech­ner aus­ge­la­gert, das ging schnel­ler.“„Ich be­nut­ze den H-EQ in fast je­dem Ka­nal­zug, weil er mir et­was mehr Kon­trol­le und un­ter­schied­li­che Fil­ter­cha­rak­te­ris­ti­ken bie­tet“, an­sons­ten ver­wen­det er et­wa die Ab­bey­road-pla­te­und ver­schie­de­ne Vin­ta­ge-kom­pres­sor-emu­la­tio­nen. „Das bie­tet sich für die Show an – Ele­men­te, die ich im Stu­dio ha­be und ger­ne mit­neh­men wür­de. Frü­her hat­te ich ei­nen Klark D50-fe­der­hall da­bei. Das wur­de nach ei­ni­gen Gigs pro­ble­ma­tisch: „In Räu­men mit schwin­gen­dem Bo­den wird die Hall­spi­ra­le manch­mal an­ge­regt, je nach­dem, wie sich das Pu­bli­kum ver­hält.“

Das Bass­drum-mi­kro­fon läuft über ei­nen Wa­ves-kom­pres­sor Ma­se­ra­ti DR Drum Slam­mer. „Da­nach ein Vit­amin So­nic En­han­cer, mit dem ich das Mit­ten­band et­was an­he­be, um mehr An­tei­le zwi­schen 80 bis 120 Hz zu er­hal­ten. Im An­schluss ver­wen­de ich ei­nen Nls-chan­nel, der das Si­gnal ver­färbt, kom­pri­miert so­wie dich­ter und kom­pak­ter macht.“Auf der Sna­re setzt er eben­falls den Ma­se­ra­ti-kom­pres­sor und ei­nen Nls-chan­nel ein. Beim Bot­tom-mi­kro­fon ver­wen­det er kei­ne Kom­pres­si­on, senkt al­ler­dings Bäs­se ab und hebt die Hö­hen­wie­der­ga­be des Tep­pichs über das SM57 an. „Die Toms sind nur mit ei­nem ‚Si­cher­heits­netz‘ kom­pri­miert, das ei­gent­lich kaum ein­greift.“Er nutzt hier fre­quenz­ab­hän­gi­ge Noi­se­ga­tes, um nur tie­fe Fre­quen­zen zu gaten. Beim Over­head-mi­kro­fon hat er Hö­hen ab­ge­senkt, da­zu ei­nen nied­ri­gen Low-cut, „da­mit es den Ge­samt­klang des Schlag­zeugs über­trägt.“Das Mo­no-mi­kro­fon hat er mit ei­ner 15:1-Ra­tio dicht kom­pri­miert. Auf dem Schlag­zeug liegt ge­le­gent­lich die vir­tu­el­le Hall­plat­te mit ei­nem Nach­hall von knapp fünf Se­kun­den.

Zwi­schen Bass-di und Mi­kro­fon­signal kor­ri­giert er die Pha­sen­la­ge mit dem Wa­ves-plug-in In-pha­se. „Bei ei­nem nor­ma­len Pha­sen­schal­ter weiß man nie, wo man ist – es kann sein, dass man zwi­schen zwei halb­schlech­ten Op­tio­nen hin- und her­schal­tet. Hier kann ich die Mi­kro­fo­ne auf­ein­an­der schie­ben, der Un­ter­schied ist merk­lich. Das be­nut­ze ich auch bei se­pa­ra­ten Kick In- und Out-mi­kro­fo­nen. Bei Sna­re Top und Bot­tom funk­tio­niert es we­ni­ger gut, da war es auch nicht nö­tig – aus Zeit­grün­den las­se ich es meist weg. Bei ei­nem Gi­tar­ren-amp mit zwei Mi­kro­fo­nen nut­ze ich es eben­falls. Oft nur ge­rin­ge Kor­rek­tu­ren, aber das Ge­samt­si­gnal klingt et­was of­fe­ner.“Die bei­den Bass­si­gna­le be­ar­bei­tet er par­al­lel auf ei­ner Ste­reo-spur. „Ich nut­ze ei­nen Wa­ves APIEQ, da­nach Par­al­lel­kom­pres­si­on, um schnel­le Tran­si­en­ten

weg­zu­neh­men. An­schlie­ßend ei­ne dbx-emu­la­ti­on zum ei­gent­li­chen ‚Plät­ten‘. Schließ­lich ein C6-mul­ti­band-kom­pres­sor, der von der Bass­drum als Si­de­chain an­ge­steu­ert wird und mit kur­zen Attack- und Re­lease-zei­ten E-bass-an­tei­le bei 55, 56 Hz weg­nimmt, wo die Bass­drum viel macht. Das ist nicht wirk­lich hör­bar, aber lässt mehr Luft, die In­stru­men­te stö­ren sich nicht ge­gen­sei­tig.“Wei­te­re Ga­tes die­nen der Rausch­un­ter­drü­ckung brum­men­der Amps in Pau­sen und an lei­sen Stel­len, „da­mit die PA ru­hig ist, ge­ra­de bei An­sa­gen und lei­sen Num­mern.“Auf dem Mas­ter-bus ver­wen­det er eben­falls ei­nen C6-mul­ti­band­kom­pres­sor. Ins­ge­samt lie­gen 25 Spu­ren an. „Das wür­de auch auf ein klei­ne­res Pult pas­sen, aber es ist ei­ne Spaß­num­mer, da will ich auch Spaß ha­ben!“Ob an­ge­sichts des Flairs und der über­schau­ba­ren Spu­ren ei­ne ana­lo­ge Kon­so­le in Fra­ge kä­me? „Wür­de ich ger­ne ma­chen, nur be­sit­ze ich kei­ne mehr, auch das da­zu nö­ti­ge Out­board-equip­ment fehlt – und ich ha­be mich an die di­gi­ta­len Op­tio­nen ge­wöhnt.“

Ha­e­gar-vi­su­als als Raum­pro­jek­ti­on mit Fahr­rad-ver­frem­dung

Die Vi­su­als, die der Me­di­en­künst­ler Ha­e­gar live ge­ne­riert, sind für die „ein­hül­len­de“At­mo­sphä­re mit ent­schei­dend. Er ver­wen­det Bil­der, Tex­tu­ren, Animationen, Vi­deo­schnip­sel oder ver­frem­det die Band. „Ich ar­bei­te seit lan­gem mit Live-ka­me­ras, zeich­ne auch ger­ne mit Far­ben und fil­me das

Er­geb­nis ab“, er­klärt Ha­e­gar, der be­reits mit den Fan­tas­ti­schen Vier, Da­vid Gar­rett und Her­bert Grö­ne­mey­er ge­ar­bei­tet hat. „Teil­wei­se fil­me ich auch mei­nen Mo­ni­tor ab, was Rück­kopp­lun­gen und Farb­schlie­ren er­gibt.“

Vor sei­nem Ar­beits­platz steht ein Rad ei­nes Fahr­rads, die Spei­chen sind mit ei­nem Farb­fil­ter und Frisch­hal­te­fo­lie be­spannt. Das sei sein „Ma­gic Wheel“, er­zählt er: Ha­e­gar filmt die Band durch das Rad. „Wenn sich das Rad dreht, er­gibt sich ei­ne Ver­mi­schung – ein ana­lo­ger Ef­fekt, der das Live-bild ka­putt­macht und den ich di­gi­tal so nicht her­stel­len kann.“Das pas­se zum „ana­lo­gen“Klang der Band. Sei­ne Auf­ga­ben­stel­lung: Bil­der fin­den oder kre­ieren, um die At­mo­sphä­re zu un­ter­stüt­zen, den Sound in Bil­dern um­zu­set­zen. „Im Ge­gen­satz zu an­de­ren Pro­duk­tio­nen, wo ein Live-bild dem Pu­bli­kum die Künst­ler zeigt, nut­ze ich mei­ne bei­den Ka­me­ras für Ef­fekt­bil­der. Das Live-si­gnal wird ver­frem­det, ab­stra­hiert – manch­mal ent­steht nur ei­ne Struk­tur, Tex­tur, Far­be oder Be­we­gung. Im bes­ten Fal­le pas­siert et­was Gu­tes. Beim Ver­eins­heim weiß ich grob, wo­hin die Rich­tung geht – mei­ne As­so­zia­ti­on in Bil­dern ist er­dig, rau, roh. Wir ha­ben im Grun­de kein Licht – ei­ne mi­ni­ma­le Aus­leuch­tung der Band, ein paar Schein­wer­fer, die ei­ne Pro­be­raum­stim­mung as­so­zi­ie­ren, da­zu zwei, drei Wohn­zim­mer­lam­pen auf der Büh­ne. Die Si­tua­ti­on wird nicht ver­än­dert. Licht­ef­fek­te ent­ste­hen durch die Vi­de­o­be­spie­lung: Auf je­de Wand­flä­che ist ein Pro­jek­tor ge­rich­tet, krumm, schief, wie’s ge­ra­de passt, auf gro­bes Mau­er­werk oder Vor­hän­ge. Ich will nicht al­les cle­an, son­dern die Back­stein­wand se­hen, die Ve­rän­de­run­gen zur wei­ßen Wand ge­gen­über.“Manch­mal las­sen sie Flä­chen mit wei­ßem Mol­ton ab­hän­gen, er­gänzt FOH-MANN Rou­ven El­ler. „Das ist im­mer ein Kom­pro­miss zwi­schen Ha­e­gar und mir – wie vie­le Flä­chen wir of­fen las­sen, und wie vie­le ver­deckt wer­den müs­sen.“Im „Tem­pel“rei­chen die Mau­ern aus. Ha­e­gar er­klärt, es ge­he letzt­lich um die pas­sen­de At­mo­sphä­re: „Selbst wenn du auf die Band schaust, nimmst du be­wusst oder un­be­wusst die Pro­jek­ti­on da­hin­ter – das Flim­mern, die Far­ben und Struk­tu­ren – wahr.“Er ver­su­che, ei­ne Ein­heit zu er­zeu­gen: „Die Leu­te kom­men we­gen der Mu­sik, aber ge­hen mit ei­ner ganz­heit­li­chen Wahr­neh­mung raus.“Es sei ein spie­le­ri­scher Um­gang. „Manch­mal ver­wer­fe ich wäh­rend der An­sa­ge mei­ne Vor­be­rei­tung, weil sich die Mes­sa­ge ei­nes Songs an­ders ent­puppt als mein An­satz, und ich nicht mit ro­sa Luft­bal­lons punk­ten kann – au­ßer als iro­ni­sche Bre­chung, was ich auch ma­che.“Für ihn zäh­le, sich auf den Mo­ment ein­zu­las­sen. „Das Ver­eins­heim ist für mich ei­ne ex­pe­ri­men­ta­le Platt­form, ein künst­le­ri­sche Her­zens­pro­jekt, bei dem ich be­wusst je­des Mal an­ders vor­ge­he, ver­gli­chen mit an­de­ren Pro­duk­tio­nen, wo man ei­ne Tour vor­be­rei­tet hat und fer­ti­ge Vi­deo­loops ab­ruft.“Hier ge­be es we­der Leis­tungs­druck noch ei­ne Mess­lat­te, nur die ei­ge­ne. „Ich will mich selbst über­ra­schen: Manch­mal, in­dem ich Din­ge ge­zielt vor­be­rei­te oder spon­tan im­pro­vi­sie­re. Ich hö­re zwei Se­kun­den, was in dem Song pas­siert und fra­ge mich, nach wel­cher Far­be der klingt. Ha­be ich ei­ne Struk­tur, die passt? Kann ich mit der Li­veKa­me­ra ein Bild ge­ne­rie­ren, oder drü­cke ich auf ei­nen vor­be­rei­te­ten Lo­op? Dann ent­ste­hen manch­mal Din­ge, die ich mir nicht hät­te aus­den­ken kön­nen.“Schlag­zeu­ger Tom­my Bal­du un­ter­bricht ihn mit dem Vor­schlag für ein Licht­ge­wit­ter bei ei­nem ru­hi­gen Song, als Kon­trast. Ha­e­gar: „Das sind die Si­tua­tio­nen, wo ich rich­tig ei­nen drauf­le­gen möch­te.“Als Pro­jek­to­ren die­nen „an­dert­halb pro­fes­sio­nel­le Ge­rä­te, zwei von der Lan­des­me­di­en­an­stalt, da­zu noch zwei von mir.“Ein Bild sei schief, das an­de­re rot­sti­chig, das drit­te un­scharf. Je­der Trash sei recht, wenn er ei­nen Aus­druck lie­fert. Ich to­be mich aus, ver­su­che Nuan­cen zu fin­den, bei wel­chen Num­mern ich mich zu­rück­hal­te und ru­hi­ge­re Bil­der lie­fe­re, oder le­ge et­was drauf. Da­durch ent­steht ei­ne Dy­na­mik.“

Trotz „räum­li­cher“Be­schal­lung de­fi­niert

Rund 250 Leu­te sind ge­kom­men, das Kon­zert ist aus­ver­kauft. Das Pu­bli­kum lauscht ge­bannt vom ers­ten Mo­ment an, Smart­pho­nes sind kaum zu se­hen. Die Band be­ginnt mit ru­hi­gen „Klang­land­schaf­ten“, Schlag­zeu­ger Bal­du spielt spar­sa­me Rhyth­men auf of­fe­ner Sna­re oh­ne Tep­pich, mit lan­gem Hall. Er ver­wen­det ge­le­gent­lich Tü­cher als be­wuss­ten Dämp­fungs­ef­fekt, setzt teil­wei­se Schle­gel ein und nutzt auch Toms für Rhyth­men. Gi­tar­rist Ómar Guðjóns­son lie­fert

at­mo­sphä­ri­sche, mit­un­ter leicht sper­ri­ge In­die-blues-schat­tie­run­gen, un­ter­malt von sphä­ri­schen Synth-flä­chen oder be­ar­bei­te­ten Pia­no­k­län­gen. Das Er­geb­nis er­in­nert an Doors-in­stru­men­tal­stre­cken oder spä­te, ex­pe­ri­men­tel­le Talk-tal­kal­ben, die Band klingt trotz der „räum­li­chen“Be­schal­lung de­fi­niert. Sän­ger Da­vid Mai­er ver­mit­telt bei sei­nen deut­schen Tex­ten den Spa­gat zwi­schen Be­find­lich­keits­pro­sa und hal­b­i­ro­ni­schen Po­in­ten, die Ge­s­angs­stim­mung er­in­nert an Ele­ment Of Cri­me. Die Songs be­we­gen sich zwi­schen Folk­pop und Soul­rock,

zwi­schen sehr lei­se und laut. Gast­sän­ger L’au­pai­re singt ei­ge­ne eng­lisch­spra­chi­ge Songs, in Rich­tung ge­tra­ge­nem Song­wri­ter-folk. Me­di­en­künst­ler Ha­e­gar setzt teil­wei­se auf kom­ple­xe wie abs­trak­te Far­b­land­schaf­ten, mischt ei­ge­ne Ost­see-ur­laubs­bil­der mit ein; das Er­geb­nis un­ter­stützt den Sog und die Wahr­neh­mung der Band als „Klang­kol­lek­tiv“. FOH-MANN Rou­ven El­ler spielt stil­si­cher mit De­lay- und Hall­ef­fek­ten (und de­ren Feh­len) und lässt ver­ein­zelt ei­ne Ge­s­angs­spur im Hall „ver­schwin­den“. Er un­ter­stützt die Klan­gäs­the­tik, das ver­stärk­te Er­geb­nis klingt trotz des „kom­mu­nen­haf­ten“An­sat­zes ho­mo­gen und dif­fe­ren­ziert, mit deut­li­chem Bass­fun­da­ment. Da­bei ver­zich­tet El­ler auf prä­sen­te Hoch­mit­ten- bzw. Hö­hen­an­tei­le zu­guns­ten ei­nes un­auf­dring­li­chen Klang­bilds. Pro­ble­me tre­ten kaum auf. Le­dig­lich kur­ze Han­dy-ein­streu­un­gen durch­set­zen die At­mo­sphä­re zu Be­ginn, spä­ter ein kur­zes Feed­back. Das Pu­bli­kum re­agiert be­reits nach vier Songs en­thu­si­as­tisch. Bas­sist Pau­cker spielt eben­falls ei­ge­ne Stü­cke, sein Song „God Has Go­ne On Ho­li­day“ver­mit­telt Pop-ele­men­te und er­in­nert mit sei­nem sto­isch-be­schwing­ten Rhyth­mus et­wa an die Dan­dy War­hols. Spä­ter spielt er ei­nen neu­en Song, „Al­re­a­dy De­ad“, en­er­ge­tisch grob zwi­schen The Who und den Kinks an­ge­sie­delt, den er dem ver­stor­be­nen Chris Cor­nell wid­met. Hier klin­gen Bass und Drums ag­gres­siv-ro­ckig. Key­boar­der Ni­co Schnepf steu­ert schril­le, Far­fi­sa-ar­ti­ge B-mo­vie-or­gel­klän­ge bei, Ha­e­gar un­ter­legt die Mu­sik mit ei­nem dys­to­pi­schen Sci­ence-fic­tion-trash-mix, al­ten Ra­ke­ten­und Kriegs­auf­nah­men. Ge­gen Schluss im­pro­vi­siert Gast­sän­ger L’au­pai­re ei­nen Text zum Blues-sche­ma, nach The­men auf Zu­ruf des Pu­bli­kums.

FOH-MANN El­ler geht mit der Mu­sik mit, ihm ist der Spaß hin­ter dem Pult an­zu­se­hen, eben­so wie den Mu­si­kern auf der Büh­ne. Nach zwei Sets ist der Abend vor­bei. Was bleibt? In­ten­si­ve Mu­sik zum Zu­hö­ren, in dich­ter, mit­un­ter hyp­no­ti­scher Club-at­mo­sphä­re. Die Idee, sich wach­hal­ten zu wol­len, wirkt sich in­des auch auf die Lo­ca­ti­on aus: Ab der nächs­ten Rei­he im Sep­tem­ber zie­hen sie für die Karls­ru­her Gigs in den klei­nen Saal des „Toll­hau­ses“, um der ei­ge­nen „Rou­ti­ne“ent­ge­gen­zu­wir­ken.

„360-Grad-kon­zert“: Die Büh­ne be­fin­det sich in der Saal­mit­te

Wa­ves Ser­ver One für zu­sätz­li­che Plug-in-ef­fek­te mit Be­die­nung im Pult – hier ein Wa­ves C6-mul­ti­band-kom­pres­sor

Tra­ver­se in der Raum­mit­te u. a. mit d&b Tops und ei­ner „Du­sche“für de­zen­tes Ge­sangs-mo­ni­to­ring

FOH-MANN Rou­ven El­ler, hier im Stu­dio

Mit seit­lich aus­ge­rich­te­ter Kap­sel dient ein Au­dio-tech­ni­ca ATM450 zur Hi-hat-ab­nah­me

Wand­pro­jek­ti­on beim Kon­zert

„Ma­gic Wheel“Fahr­rad mit Frisch­hal­te­fo­lie und Farb­fil­ter von Me­di­en­künst­ler Ha­e­gar, der da­mit Live-bil­der ver­frem­det

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