Sub-spe­cial: Der Bass, das Ru­del­tier

Wel­len­län­gen-be­dingt bo­ten Sub­woo­fer bis­her ein ku­gel­för­mi­ges Ab­strahl­ver­hal­ten. Bringt man sie aber – in be­stimm­ten Auf­stel­lun­gen ge­ord­net – mit ih­res­glei­chen zu­sam­men, be­gin­nen sie, ge­rich­tet ab­zu­strah­len. Wo­für ist das gut?

Production Partner - - Inhalt - Text: Mi­ke Rauch­fleisch | Fo­tos: Mi­ke Rauch­fleisch, Jörg Küs­ter (2), Det­lef Ho­e­pfner (1)

Die klas­si­sche Sub­woo­fer-an­ord­nung lau­tet frü­her: Ein Bass links der Sze­nen­flä­che. Und ei­nen Bass rechts der Büh­ne. Auch dann war es noch lan­ge Jah­re Pra­xis, als die Theo­rie der Li­ne-ar­rays in der pro­fes­sio­nel­len Be­schal­lungs­tech­nik im gro­ßen Stil um­ge­setzt wur­de. In­ter­es­san­ter­wei­se ge­hör­ten da­ge­gen in der Son­ar­tech­nik al­ter­na­ti­ve An­ord­nun­gen schon lan­ge zum Grund­wis­sen. In der Ver­an­stal­tungs­tech­nik – mit ih­rem of­fen­bar et­was schlech­te­rem Ge­dächt­nis – hält die­ses aber erst seit ca. zehn Jah­ren Ein­zug; ei­ni­ge der Be­grif­fe sind jetzt auch der An­ten­nen­tech­nik ent­lie­hen. Be­trach­tet man die her­kömm­li­che L/r-an­ord­nung, er­hält man ei­ne un­aus­ge­wo­ge­ne Bass­ver­tei­lung. Da Bäs­se im­mer Rund­strah­ler sind, gibt es durch sich ad­die­ren­de und sub­tra­hie­ren­de Pha­sen Aus­lö­schun­gen und in der Mit­te der An­ord­nung ei­ne Po­wer Al­ley. Bes­ser wird dies schon mit ei­ner ein­fa­chen An­ord­nung: der „Zahn­lü­cke“. Hier wer­den die Bäs­se in be­stimm­ten Ent­fer­nun­gen zu­ein­an­der ge­stellt. Die­se Ent­fer­nun­gen be­rech­nen sich auf Ba­sis der obe­ren Trenn­fre­quenz der Bäs­se (de­ren hal­be Wel­len­län­ge, hier­zu gibt es di­ver­se Tools und Ta­bel­len). Nun ha­ben wir auf die Brei­te der auf­ge­stell­ten Bäs­se schon ei­ne Front an tie­fen Fre­quen­zen, da sie sich in ei­ner Rich­tung ad­die­ren. Guckt man von der Sei­te, kommt es dort zu Aus­lö­schun­gen, weil die Bäs­se hier nicht zeit­gleich ein­tref­fen. Will man die­sen

Kor­ri­dor auf­wei­ten, muss man Ver­zö­ge­rungs­zei­ten in die Bäs­se ein­füh­ren und die Pha­sen­ver­schie­bung wei­ter ver­än­dern. Nor­ma­ler­wei­se wird vor­ge­schla­gen, al­le Bäs­se de­fi­niert zu be­ar­bei­ten. Wir ha­ben aber in der Pra­xis fest­ge­stellt, dass auch be­reits ein Ver­zö­gern der äu­ßers­ten Bäs­se ei­ne Aus­wei­tung be­wirkt. Wer hier nicht durch Tri­al and Er­ror wei­ter­kom­men möch­te, be­dient sich wie­der ei­nes Kal­ku­la­ti­ons-tools, der Her­stel­ler­ta­bel­len für Öff­nungs­win­kel oder nimmt ein Mess­pro­gramm (plus zu­ge­hö­ri­ger Schu­lung) und guckt, wie sich hier die Pha­se ver­än­dert. Au­ßer­dem soll­te man be­ob­ach­ten, ob man da­mit die Im­pul­streue ver­schlech­tert und Bäs­se, Kick oder auch an­de­re per­kus­si­ve Mu­sik eher schlech­ter wie­der­ge­ben wer­den. Man könn­te die Bäs­se – statt de­ren Zu­spie­lung zu ver­zö­gern – na­tür­lich auch phy­si­ka­lisch ver­schie­ben, da­mit er­zielt man ja die glei­che Ve­rän­de­rung. Ei­gent­lich kann das ja nicht sein, aber die Im­pul­streue scheint mir dann rein prak­tisch er­mit­telt nicht zu stark an­ge­grif­fen zu wer­den. Pro­ble­ma­tisch bei der me­cha­ni­schen Um­plat­zie­rung ist halt, dass da­für die räum­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ge­ge­ben sein müs­sen: Die Bäs­se nach au­ßen im­mer wei­ter nach hin­ten zu ver­schie­ben – das muss man bei ty­pi­schen Büh­nen erst mal ge­stellt be­kom­men.

Vor­teil die­ser An­ord­nun­gen ist, dass sie recht ein­fach zu er­rich­ten sind und schon in klei­ne­ren Stück­zah­len zu gu­ten Er­geb­nis­sen füh­ren. Ihr größ­ter Nach­teil: Sie bie­ten kei­ne Dämp­fung nach hin­ten zur Büh­ne. Und auch kei­ne Dämp­fung nach oben. Wich­tig: In die je­wei­li­ge „St­acking-rich­tung“schnü­ren die Bäs­se im­mer wei­ter zu, des­to mehr man ne­ben­ein­an­der-/auf­türmt – egal, ob ho­ri­zon­tal oder ver­ti­kal. Wo­zu könn­ten man ei­ne Dämp­fung nach oben brau­chen? Es kann in schwie­ri­gen Hal­len sehr hel­fen, Re­so­nan­zen aus dem Dach zu be­kämp­fen. Au­ßer­dem geht in der Phy­sik Ener­gie ja nie ver­lo­ren, heißt man ge­winnt auch im­mer et­was in die Pri­mär­rich­tung da­zu, was dann auch den Ein­druck auf den Brust­korb ver­bes­sert.

Al­ler­dings wird in die­sen Auf­bau­va­ri­an­ten die Büh­ne selbst noch or­dent­lich durch­ge­schüt­telt. Wie be­kommt man nun hin, dass die Büh­ne we­ni­ger „be­las­tet“wird? Dies wird er­reicht, in­dem man der nach hin­ten ge­rich­te­ten Ener­gie ei­ne „Ge­ge­n­ener­gie“ent­ge­gen­setzt, de­ren Po­la­ri­tät um­ge­dreht wur­de. Um ei­ne gu­te Aus­lö­schung zu er­hal­ten, wird auch die Pha­sen­la­ge (Zeit) der Bäs­se zu­ein­an­der ( je nach Auf­bau) kor­ri­giert. Je nach Kon­zept wer­den die Stär­ke der Aus­lö­schung oder der zu dämp­fen­de Fre­quenz­be­reich op­ti­miert. Zu er­war­ten sind Dämp­fun­gen von bis zu 10–15 db. Die­se Car­dioid-an­wen­dun­gen funk­tio­nie­ren in al­len Grö­ßen, sind ein­fach zu er­stel­len und ef­fek­tiv.

Ei­ne wei­te­re Va­ri­an­te sind die auf die Zu­hö­rer aus­ge­rich­te­ten End­fi­re-ar­rays. Der Be­griff kommt aus der An­ten­nen­tech­nik und be­schreibt ei­ne An­ord­nung, die recht stark bün­delt: Es sind hin­ter­ein­an­der an­ge­ord­ne­te Bäs­se, die aber ein­zeln auf den hin­ters­ten Bass der Li­nie ver­zö­gert wer­den. Auch hier gibt es di­ver­se Aus­füh­run­gen, gera­de hin­ter­ein­an­der oder auch leicht ver­setzt. Die Ab­strah­lung wird da­durch en­ger oder et­was wei­ter ge­öff­net. Je nach Kon­zept kann man bis zu 30 db nach hin­ten re­du­zie­ren. Das be­ru­higt bei Elek­tro­ni­scher Mu­sik die Nach­barn und bei Mu­sik mit mehr als ei­nem Mi­kro ent­spannt es sehr den Tech­ni­ker.

Legt man dann noch ei­nen Aux-mix auf den Sub, hat man vie­le Frei­hei­ten – egal wel­che Subs und in wel­cher An­ord­nung, und es wer­den wirk­lich nur die Si­gna­le ge­boos­tet, die im Bass­be­reich auch was zu su­chen ha­ben. Aber Vor­sicht: Ach­tet hier im­mer auf den Pe­gel, der ge­schickt wird. Bei 24 db Ab­sen­kung pro Ok­ta­ve und Tren­nung um 90 Hz ha­ben wir bei 180 Hz im­mer noch ei­ne nur um 24 db re­du­zier­te Span­nung am Ein­gang des Ver­stär­kers. Erst in der dar­auf­fol­gen­den Ok­ta­ve fin­det dann prak­tisch kei­ne Über­tra­gung mehr statt. Apro­pos Tren­nung: In Zei­ten von Li­ne-ar­rays ist es im­mer mehr in Mo­de ge­kom­men, viel aus den Tops zu ho­len und die Ka­me­ra­den auf dem Bo­den nicht sehr hoch spie­len zu las­sen. In vie­len Si­tua­tio­nen hat­ten wir aber den Ein­druck, dass man von un­ten ru­hig et­was mehr als nur 1 oder 1,5 Ok­ta­ven neh­men kann. Hier soll­te man mes­sen und vor al­lem hö­ren, was ei­nem zu­sagt.

Ge­flo­ge­ne Bäs­se

Die Bäs­se be­fin­den sich bei vie­len Ver­an­stal­tun­gen auf dem Bo­den, und hier sind sie auch gut auf­ge­ho­ben, schon we­gen der Ge­win­ne durch die Bo­den­kopp­lung. War­um dann Ton­nen in die Luft be­we­gen? Ein Bas­s­ar­ray hin­ter der ge­flo­ge­nen Haupt­be­schal­lung macht es mög­lich, den kom­plet­ten

Fre­quenz­be­reich aus ei­nem „Punkt“car­dioi­d­för­mig ab­zu­strah­len. Trotz­dem be­freit man da­bei die Toptei­le (z. B. mit ei­ner 8"-Be­stü­ckung) gut von den Fre­quen­zen, für die sie ei­gent­lich nicht pri­mär ent­wi­ckelt wur­den. Deut­lich wei­ter­ent­wi­ckelt ha­ben sich die me­cha­ni­schen Mög­lich­kei­ten, die Bäs­se ein­fa­cher mit in die Luft zu be­kom­men. Hier gibt es dann ei­gent­lich auch al­le akus­ti­schen An­ord­nun­gen, die hier be­schrie­ben wur­den plus der Va­ri­an­te, die Bäs­se als Li­nie ne­ben die Toptei­le zu hän­gen, was wie­der ei­nen ei­ge­nen Cha­rak­ter der Ener­gie­ver­tei­lung bie­tet.

Ex­tra­va­gan­te Bass-an­ord­nun­gen

Wei­te­re Sch­man­kerl der Bas­san­ord­nung sind Lö­sun­gen wie das „TM Ar­ray“, das Tho­mas Mundorf für Meyer Sound und Auf­trit­te von Me­tal­li­ca ab 2009 zu­sam­men­stell­te. Es be­steht aus vier senk­rech­ten „Sub­woo­fer-schorn­stei­nen“dicht bei­ein­an­der und war für 360-Grad-büh­nen op­ti­miert. Durch die Län­ge des Ar­rays er­gibt sich ei­ne gu­te Rund­um­strah­lung bei deut­li­cher Dämp­fung nach oben (Hal­len­de­cke) und un­ten (Büh­ne). Es heißt, dass die Band ger­ne den Sub­woo­fer­sound von der Büh­ne hält und da­zu auf Tour nach wie vor krea­tiv tä­tig ist, z. B. mit nach un­ten ge­rich­te­ten, ge­flo­ge­nen End­fi­re-kon­fi­gu­ra­ti­on und In­fras in den Ecken der Ve­nue. Schon an­ge­sichts des Ge­wichts und der nö­ti­gen Flug­punk­te wird man so ei­ne Lö­sung aber si­cher nicht so häu­fig nut­zen kön­nen.

Ein eben­falls sehr ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ger und kom­mu­ni­ka­ti­ons­freu­di­ger Kan­di­dat ist Da­ve Rat, der eben­falls seit Jahr­zehn­ten mit ganz vie­len ähn­li­chen Kon­fi­gu­ra­tio­nen und Pro­ces­sing Ver­su­che an­stellt, pla­ka­tiv als Vor­tex oder Or­gas­ma­tron be­nannt. Auch hier wer­den Bäs­se bei­ein­an­der plat­ziert und durch Ver­zö­ge­rungs­zei­ten in­ner­halb des Ar­rays ein de­fi­nier­tes Ab­strahl­ver­hal­ten er­reicht. Er führt Links/rechts­si­gna­le über Kreuz, ver­än­dert die Zei­ten – al­les kein Ho­kus­po­kus, aber si­cher ei­ne schö­ne Haus­auf­ga­be, die­se mal im La­ger nach­zu­stel­len.

Bass macht ver­rückt – oder be­ru­higt

Bäs­se las­sen sich al­so auf un­ter­schied­li­che Art durch­aus aus­rich­ten – das ist mehr Auf­wand, aber sie stö­ren dann auch we­ni­ger: egal ob auf der Büh­ne in den Mi­kros oder auch bei den Nach­barn ei­nes Events. In den Hö­hen ha­ben wie hier ja sel­ten Pro­ble­me, da­ge­gen macht das „Bumm Bumm“doch vie­le ver­rückt. Man soll­te mit Blick auf den ei­ge­nen Mix nicht ver­ges­sen, dass die Zu­hö­rer für Bäs­se doch be­son­ders sen­si­bi­li­siert sein und un­ter­schied­lich re­agie­ren kön­nen. Angst­zu­stän­de sind zwar si­cher sel­ten, kön­nen wohl aber auch vor­kom­men. Man setzt das ja in Sound-de­signs auch be­wusst ein: Ein sub­ti­ler Bass­lauf be­rei­tet in ei­nem Spuk­haus die nö­ti­ge Grund­stim­mung, so dass man auf die wei­te­ren Schock­mo­men­te noch mehr re­agiert. Oder man den­ke an Han­ni­bal Lec­ters Glas­ge­fäng­nis, bei dem in „Schwei­gen der Läm­mer“per­ma­nent ei­ne Kli­ma­an­la­ge brummt. Schon aus der Na­tur ken­nen wir Ge­fah­ren wie Ge­wit­ter als tief­fre­quent – der Don­ner mit sei­ner lan­gen Wel­len­lä­ge ist weit zu hö­ren und wir sind da­durch ge­warnt. Man könn­te viel­leicht sa­gen, dass so was in un­se­rem Dna-ge­dächt­nis ab­ge­legt ist, und wir uns et­was un­be­hag­lich füh­len. Um­ge­kehrt tau­chen bei Ed­m­mu­sik ja auch sehr ex­tre­me Bäs­se auf, die an den Ute­rus im Mut­ter­leib er­in­nern sol­len, aber hier pul­siert die tief­fre­quen­te In­for­ma­ti­on. Da ei­nem ja manch­mal der nö­ti­ge Ab­stand zur ei­ge­nen Ar­beit fehlt, emp­fiehlt es sich, öf­ter mal zu mes­sen, was sich im Laut­stär­ke­spek­trum so ab­bil­det und auch ein­mal zwi­schen A-be­wer­te­tem Mo­dus (hier sind die Bäs­se deut­lich ab­ge­schwächt) und C um­zu­schal­ten.

Was wä­re dann ei­ne „na­tür­li­che Bass­wie­der­ga­be“? Das ist viel­leicht ge­schmacks­ab­hän­gig, aber es gibt al­lei­ne in der Bass­re­flex-ab­tei­lung Bäs­se, die sehr „kna­ckig“sind und dann wie­der wel­che, die sehr „lang­sam“da­her­kom­men. Und nicht zu­letzt ist die Fra­ge, wel­ches Ma­te­ri­al sich im La­ger be­fin­det und Geld ver­dient. Die prag­ma­ti­sche An­for­de­rung im all­täg­li­chen Bu­si­ness ist da­her meist, mit mög­lichst we­nig Auf­wand ei­ne ge­rich­te­te Ab­strah­lung zu er­rei­chen – und da­mit ei­nen Event zum Er­folg zu füh­ren. Mit der nö­ti­gen Er­fah­rung und dem Wis­sen über sol­che An­ord­nun­gen ist man dann auf bes­tem We­ge, mehr als nur ein Wee­kend War­ri­or der Ver­an­stal­tungs­tech­nik zu wer­den.

Mi­ke Rauch­fleisch, ur­sprüng­lich gelernter Kom­mu­ni­ka­ti­ons-elek­tro­ni­ker, setzt seit über 20 Jah­ren Live-events in un­ter­schied­lichs­ter Aus­füh­rung durch und be­treu­te als Sys­te­mer und Mi­xer et­li­che Bands

Bra­chi­al-bass bei Sum­mer Ne­ver Ends: End­fi­re-ar­ray aus 8 × 3 Kling & Frei­tag SW 215E plus 6 × 3 No­mos XLC, car­dioid als 3er­sta­pel links und rechts des End­fi­re-auf­baus be­trie­ben

Zahn­lü­cke im Fest­zelt die ge­rich­te­ten Bäs­se re­du­zie­ren Pe­gel au­ßer­halb des Fest­zel­tes

Stadt­hal­le Wil­helms­ha­ven Zahn­lü­cke mit Car­dio-bass, um ge­zielt beim Sän­ger ei­ne Aus­lö­schung zu er­zie­len

Klas­si­sche End­fi­re-auf­stel­lung in 4er-rei­hen hat man be­son­ders gu­te Aus­lö­schun­gen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.