IS­DV: Sta­ge­hands

Nach der An­rei­se zum nächs­ten Spiel­ort ist oft die größ­te Her­aus­for­de­rung: mit den vom Per­so­nal­dienst­leis­ter be­reit­ge­stell­ten Sta­ge­hands über­haupt nur zu kom­mu­ni­zie­ren!

Production Partner - - In­halt - Text: Su­san­ne Fritzsch und Mer­ten Wa­gnitz | Fo­tos: IS­DV

Als vor Jah­ren die ers­ten Fäl­le von schein­selbst­stän­di­ger Be­schäf­ti­gung in der Ver­an­stal­tungs­bran­che durch die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung fest­ge­stellt wur­den, be­traf das vor al­lem die Sta­ge­hands. Das Ri­si­ko der Be­schäf­ti­gung selbst­stän­di­ger Hel­fer­crews schien für die Ver­an­stal­ter nicht mehr trag­bar und die Lö­sung soll­te Zeit­ar­beit sein. Durch das Ar­beit­neh­mer­über­las­sungs­ge­setz (AÜG) wür­den die tech­nisch ver­sier­ten und mo­ti­vier­ten Hel­fer der Ver­an­stal­tungs­bran­che ver­lo­ren ge­hen, ver­si­cher­te die Ge­gen­sei­te.

Die Pro­gno­sen: ab­ge­si­chert, ver­ein­facht, bes­ser …

Die Nutz­nie­ßer der AÜ hin­ge­gen be­haup­te­ten: Hel­fer wür­den nun end­lich gut be­zahlt wer­den, hät­ten so­zia­le Ab­si­che­rung und ge­re­gel­te Ar­beits­zei­ten. Das The­ma Schein­selbst­stän­dig­keit wä­re für die Grup­pe der Auf­trag­ge­ber vom Tisch und die Ver­an­stal­ter hät­ten er­heb­lich we­ni­ger Auf­wand, da ein An­ruf beim Di­s­po­nen­ten der Per­so­nal­dienst­leis­tungs­fir­ma aus­rei­chend wä­re.

Bis die Aus­bil­dung zur Fach­kraft für Ver­an­stal­tungs­tech­nik 1998 ein­ge­führt wur­de, ging der ty­pi­sche Weg zum Tech­ni­ker über die Tä­tig­keit als Sta­ge­hand. Für das tech­ni­sche Ver­ständ­nis und die Lust am Job wur­den da die Grund­stei­ne ge-

legt. Im Rock’n’roll zu ar­bei­ten galt als Le­bens­ent­wurf und glich mehr ei­ner Be­ru­fung als ei­nem Be­ruf. Wer heut­zu­ta­ge ver­ste­hen möch­te, wie die­ser Le­bens­ent­wurf vor 15 oder 20 Jah­ren aus­sah, dem sei der Dokumentarfilm Road­crew von Olaf Held ans Herz ge­legt.

Die „klas­si­sche“Sta­ge­hand­crew gibt es nur noch sel­ten. Die Tä­tig­keit als Hel­fer ist häu­fig Ne­ben­er­werb für Stu­den­ten oder dient der Über­brü­ckung von Ar­beits­lo­sig­keit. Je­de Tour­nee­pro­duk­ti­on freut sich über en­ga­gier­te Hands, die Freu­de an ih­rem Job ha­ben. Und je­de Tour­nee­pro­duk­ti­on ist frus­triert, wenn Hel­fer oh­ne je­des Ver­ständ­nis für die Bran­che und un­mo­ti­viert auf der Ar­beit er­schei­nen.

Der Rea­li­ty Check: un­qua­li­fi­ziert, un­ter­be­setzt, über­mü­det …

Die Rea­li­tät zeigt, dass das AÜG nicht für die Ver­an­stal­tungs­bran­che ge­eig­net ist. Die Idee hin­ter der Ar­beit­neh­mer­über­las­sung ist, In­dus­trie­be­trie­ben in Zei­ten er­höh­ten Pro­duk­ti­ons­auf­kom­mens Zeit­ar­beit­neh­mer über Wo­chen oder Mo­na­te zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die kürz­lich be­schlos­se­ne und lang dis­ku­tier­te Än­de­rung des AÜG mit ei­ner Be­fris­tung auf 18 Mo­na­te zum Bei­spiel ist für die Bran­che völ­lig ir­re­le­vant. In­dus­trie- und bau­ty­pi­sche Pro­duk­ti­ons­spit­zen über ei­nen der­ar­tig lan­gen Zei­t­raum gibt es in der Ver­an­stal­tungs­bran­che nicht. Hier wird Zu­satz­per­so­nal nur ta­ge­wei­se be­nö­tigt. Folg­lich fin­det auch nur schwer ei­ne In­te­gra­ti­on der Hel­fer in die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on des Auf­trag­ge­bers statt.

Schlim­mer noch: All die po­si­ti­ven Pro­gno­sen ver­keh­ren sich re­gel­mä­ßig ins Ge­gen­teil.

Es wird dem Ent­lei­her emp­foh­len, Fir­men aus­zu­wäh­len, die mit der Bran­che ver­traut sind und spe­zi­fi­sche Tä­tig­kei­ten aus­füh­ren kön­nen. Doch schei­nen die Ver­lei­her selbst oft­mals kein pas­sen­des Per­so­nal da­für zu fin­den. Vie­le Tour­nee­pro­duk­tio­nen wird es mitt­ler­wei­le lei­der nicht mehr über­ra­schen, wenn mor­gens zum Load In 15 Ern­te­hel­fer in wei­ßen Ober­hem­den mehr oder we­ni­ger ein­satz­be­reit zur Ver­fü­gung ste­hen.

Tour­nee­all­tag – ein ak­tu­el­les Bei­spiel

Seit gut ei­nem Jahr sind wir mit ei­ner mit­tel­gro­ßen Pro­duk­ti­on in Deutsch­land un­ter­wegs. Die Tour­nee um­fasst 150 Shows und be­spielt na­he­zu sämt­li­che deut­sche Hal­len mit Ka­pa­zi­tä­ten von 3.000 bis 15.000 Zu­schau­ern. Wir ha­ben an­nä­hernd je­den Tag Mehr­auf­wand durch nicht­funk­tio­nie­ren­de Hel­fer­crews. Das Bei­spiel mit den 15 Ern­te­hel­fern ist lei­der kei­ne Über­spit­zung, son­dern ei­ne der täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen, die es mit viel Ge­duld zu meis­tern gilt.

Häu­fig ist das ers­te Pro­blem zu Ar­beits­be­ginn: feh­len­de Hel­fer. Von 24 Hel­fern ha­ben sich zwei krank­ge­mel­det. Al­so muss um­struk­tu­riert wer­den. Der Stap­ler­fah­rer und der Cr­ew­chef ar­bei­ten mit und kön­nen da­durch die ih­nen ur­sprüng­lich zu­ge­dach­ten Auf­ga­ben nur man­gel­haft aus­füh­ren. Lei­der kommt die Cr­ew mit­nich­ten aus­ge­schla­fen aus ei­ner an­ge­mes­se­nen Ru­he­zeit. Uns

wird mit­ge­teilt, dass noch bis 3:30 Uhr ei­ne an­de­re Pro­duk­ti­on ab­ge­baut wur­de. Die 200 km An­fahrts­weg wer­den eben­falls von der Ru­he­zeit ab­ge­zo­gen. Die Tour­nee­mann­schaft trifft auf ei­ne über­mü­de­te und un­voll­stän­di­ge Hel­fer­grup­pe.

Und schnell kommt es zu nächs­ten Pro­ble­men: Acht ha­ben das noch nie ge­macht und neun spre­chen we­der Deutsch noch Eng­lisch – re­spek­ti­ve bei­des. Bei vier wei­te­ren Hel­fern fehlt selbst die Ba­sis­aus­stat­tung an per­sön­li­cher Schutz­aus­rüs­tung, wie Si­cher­heits­schu­he und Hand­schu­he. Schnell ver­schwin­den die ers­ten zum Rau­chen oder müs­sen sich aus­ru­hen. Der Stap­ler­fah­rer fährt trotz wie­der­hol­ten Stopp­ru­fen mit den Ga­beln in die Wand, weil er vor Mü­dig­keit nicht mehr re­agie­ren kann. Und man weiß nicht, ob man la­chen oder wei­nen soll. Der Fah­rer wird aus­ge­checkt. Aus Sicht des Ar­beits- und Ge­sund­heits­schut­zes be­we­gen wir uns mehr und mehr auf nicht­trag­ba­re Zu­stän­de zu.

Nach­dem zwei Hel­fer über ei­ne hal­be St­un­de ver­sucht ha­ben, Bü­tec-bei­ne mit den Gum­mi­fü­ßen zu­erst in die Be­fes­ti­gungs­ecken der Plat­ten zu ste­cken (und ge­schei­tert sind), sol­len sie durch­num­me­rier­te Lam­pen auf den Bo­den stel­len. Man ahnt es …

Es han­delt sich hier nicht um ei­ne Gro­tes­ke, son­dern die bit­te­re Rea­li­tät. Mitt­ler­wei­le hat un­se­re Licht­crew lus­ti­ge Tier­bil­der auf­ge­klebt, um die Rei­hen­fol­ge und Po­si­ti­on der Lam­pen noch­mals zu ver­ein­fa­chen (sie­he Ti­tel­bild). Die Tour­nee­crew ist ge­nervt und bit­tet um ei­nen Hel­fer­tausch für den Ab­bau. Aber ob der Cr­ew­chef auf die Schnel­le noch „fri­sche“Hands be­kom­men wird, ist nicht si­cher.

Da, wo we­der sprach­li­ches noch tech­ni­sches Ver­ständ­nis ge­ge­ben ist, sinkt na­tür­lich die Mo­ti­va­ti­on. Man kann es ih­nen kaum ver­übeln. Aber sol­len wir un­se­re Tour­nee­crew nun auch noch nach Fremd­spra­chen­kennt­nis­sen aus­wäh­len?

Fa­zit: 450-Eu­ro-ba­sis, un­ter­ver­si­chert, pro­duk­ti­ons­hem­mend

Wie hat sich die Hel­fer­si­tua­ti­on al­so seit­her ent­wi­ckelt? We­der gu­te Be­zah­lung noch ei­ne ver­nünf­ti­ge so­zia­le Ab­si­che­rung ha­ben sich für die Auf­bau­hel­fer ein­ge­stellt. Nicht sel­ten sind sie eben nur auf 450-Eu­ro-ba­sis an­ge­stellt und die we­nigs­ten wer­den mit die­ser Grund­la­ge ih­ren Ren­ten­bei­trag auf­sto­cken kön­nen, um im Al­ter ver­nünf­tig ab­ge­si­chert zu sein. Die­ses Ar­beits­mo­dell un­ter­stützt folg­lich Al­ters­ar­mut.

Hin­zu kommt die Per­spek­tiv­lo­sig­keit: Die we­nigs­ten Hel­fer ar­bei­ten heu­te mit der Mo­ti­va­ti­on, sich in der Ver­an­stal­tungs­bran­che ein Stand­bein zu schaf­fen. Ei­ne Auf­stiegs­mög­lich­keit oder Wei­ter­bil­dung ist sel­ten mög­lich. Der al­te Wer­de­gang vom Hel­fer zum Tech­ni­ker aus Über­zeu­gung und so­mit auch die emo­tio­na­le Bin­dung an Be­ruf und Bran­che stel­len sich nicht mehr ein. Das Ge­fühl, ein Teil von et­was zu sein und Spaß bei der Ar­beit zu ha­ben, exis­tiert nicht mehr – und das merkt auch die Tour­nee­crew! Sie muss am En­de die feh­len­den Leis­tun­gen kom­pen­sie­ren.

»Es gibt sie noch! Per­so­nal dienstl eis tungs fir­men, die ihr Per­so­nal ver­ant­wor­tungs­be­wusst und so­zi­al ver­träg­lich ein­set­zen. Fir­men, die ih­re Cr­ews re­gel­mä­ßig fort­bil­den, un­ter­wei­sen, mit der be­nö­tig­ten PSA aus­stat­ten und zu­min­dest ver­su­chen, den größ­ten Teil der Hel­fer in Voll zeit ver­trä­gen zu be­schäf­ti­gen. Aber die­se Fir­men ste­hen lei­der im un­fai­ren Wett­be­werb mit je­nen, die sämt­li­che ge­setz­li­che Vor­ga­ben miss­ach­ten. « DerISDV for­dert, Tour­nee pro­duk­tio­nen durch qua­li­fi­zier­te Sta­ge­hands zu un­ter­stüt­zen

Von den Be­für­wor­tern der Ar­beit­neh­mer­über­las­sung wur­de stets an­ge­führt, dass die zu ge­rin­ge Be­zah­lung der „al­ten, klas­si­schen“selbst­stän­di­gen Sta­ge­hands un­wei­ger­lich zur Al­ters­ar­mut füh­ren wür­de. Die neu­en, er­zwun­ge­nen Lö­sun­gen ha­ben le­dig­lich die Si­tua­ti­on der pre­kä­ren Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se ver­schärft. Da­mit ein­her­ge­gan­gen ist ei­ne Kos­ten­stei­ge­rung für die Ent­lei­her. Lei­der kommt die­ses Geld nie bei den Be­schäf­tig­ten an, die in der Re­gel ih­re Tä­tig­kei­ten für den Min­dest­lohn aus­füh­ren.

Al­les schlecht?

Aber: Es gibt si­e­no ch–Per­so­nal dienstl eis tungs fir­men, die ihr Per­so­nal ver­ant­wor­tungs­be­wusst und so­zi­al ver­träg­lich ein­set­zen. Fir­men, die ih­re Cr­ews re­gel­mä­ßig fort­bil­den, un­ter­wei­sen, mit der be­nö­tig­ten PSA aus­stat­ten und zu­min­dest ver­su­chen, den größ­ten Teil der Hel­fe­rin Voll zeit ver­trä­gen zu be­schäf­ti­gen.

Trifft die Tour­nee­crew auf eben die­se – mitt­ler­wei­le sel­te­ne – Spe­zi­es, wird bei abend­li­chen Ge­sprä­chen im Tour­bus fest­ge­stellt: Wie frü­her! Ein „nor­ma­ler“Arbeitstag auf Tour.

Ana­log zu an­de­ren Tei­len der Bran­che ste­hen die­se Fir­men lei­der im un­fai­ren Wett­be­werb mit je­nen, die sämt­li­che ge­setz­li­chen Vor­ga­ben miss­ach­ten. Und hier sind vor al­lem je­ne ge­for­dert, die Hel­fer bu­chen und den Tour­nee­pro­duk­tio­nen zur Ver­fü­gung stel­len.

Su­san­ne Fritzsch und Mer­ten Wa­gnitz kom­men­tie­ren die ak­tu­el­le Sta­ge­hand-si­tua­ti­on

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