Die Al­ten grei­fen nach der Macht

De­mo­gra­fie Sie wächst und wächst: die Ge­ne­ra­ti­on 60plus. In Zu­kunft könn­te sie in Ab­stim­mun­gen ih­re In­ter­es­sen im­mer öf­ter ge­gen Jün­ge­re durch­set­zen. Im Wahl­kampf sind Auf­trit­te in Hei­men des­halb Pflicht für Po­li­ti­ker.

Reutlinger Nachrichten  - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Micha­el Ga­bel Micha­el Ga­bel

zent der un­ter 40-Jäh­ri­gen ih­re Stim­me ab, bei den ab 60-Jäh­ri­gen wa­ren es hin­ge­gen 76,3 Pro­zent.

Bei­spiel Br­ex­it

Die Ge­ne­ra­ti­on 60plus könn­te da­ge­gen schon bald so­gar zah­len­mä­ßig die ab­so­lu­te Mehr­heit stel­len. Drei Trends trei­ben den de­mo­gra­fi­schen Wan­del an. Zum ei­nen wer­den ver­gleichs­wei­se we­ni­ge Kin­der ge­bo­ren. Zum an­dern rü­cken die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge – 1955 bis 1969 – in der Al­ters­py­ra­mi­de nach oben. Ein wei­te­rer Grund: Die Deut­schen le­ben im­mer län­ger; lag das durch­schnitt­li­che Ster­be­al­ter 1990 bei et­wa 75 Jah­ren, so sind es heu­te nach An­ga­ben des deut­schen Ver­si­che­rer-ver­bands 81 Jah­re.

Ein dra­ma­ti­sches Bei­spiel für das Ver­sa­gen der Jün­ge­ren bei ei­nem Ur­nen­gang ist der Br­ex­it. Wä­ren die über­wie­gend Eu-freund­li­chen jün­ge­ren Bri­ten ähn­lich zu­ver­läs­sig zur Ab­stim­mung ge­gan­gen wie die Äl­te­ren, hät­te es wohl kei­ne Mehr­heit für ei­nen Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU ge­ge­ben.

Wer kann sa­gen, ob sich sol­che Si­tua­tio­nen in Zu­kunft nicht häu­fen wer­den? Der staat­li­che Zu­schuss zur Ren­te wird bis 2020 über die Mar­ke von jähr­lich 100 Mil­li­ar­den Eu­ro stei­gen. „Nicht nur bei der Ren­te, auch bei der Pfle­ge wer­den die Leis­tun­gen der­zeit aus­ge­wei­tet“, be­klagt der Chef des Ifo-in­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, Cle­mens Fu­est. „Die Ver­su­chung für Po­li­ti­ker ist groß, Wahl­ge­schen­ke zu ver­tei­len, denn die Kos­ten fal­len vor al­lem in der Zu­kunft an.“

Um ei­ner Ent­wick­lung hin zu ei­ner mög­li­chen Ge­ron­to­kra­tie jeg­li­chen Bo­den zu ent­zie­hen, macht der Cdu-po­li­ti­ker Jens Spahn (37) ei­nen ra­di­ka­len Vor­schlag. Er plä­diert für ein Fa­mi­li­en­wahl­recht, bei dem El­tern stell­ver­tre­tend für ih­re noch nicht wahl­be­rech­tig­ten Kin­der das Wahl­recht aus­üben. Sei­ne Be­grün­dung: „Wenn Fa­mi­li­en mehr Stim­men ha­ben, be­kom­men ih­re The­men auch mehr Ge­wicht in der po­li­ti­schen De­bat­te.“

Dos­sier: Um­fra­gen, Hin­ter­grün­de und Vi­de­os zur Bun­des­tag­wahl un­ter swp.de/btw17

Den­ken jün­ge­re Wäh­ler tat­säch­lich so weit in die Zu­kunft?

Na­tür­lich. Wir wis­sen aus vie­len Un­ter­su­chun­gen, dass sich auch die Jun­gen schon mit dem The­ma Al­ters­vor­sor­ge be­schäf­ti­gen. Sie tun das, weil sie wis­sen, dass die ge­setz­li­che Ren­te nicht aus­rei­chen wird. Des­halb den­ken sie schon in re­la­tiv jun­gen Jah­ren dar­über nach, wie sie ih­re Al­ters­ver­sor­gung si­chern kön­nen.

War­um gibt es kei­ne Rent­ner­par­tei mit ei­nem maß­ge­schnei­der­ten Pro­gramm für Se­nio­ren?

Ei­ne rei­ne Rent­ner­par­tei hät­te kei­ne Chan­ce, weil die über 60-Jäh­ri­gen nicht nur an so ge­nann­ten al­ten The­men in­ter­es­siert sind. Ei­ne Par­tei, die von den äl­te­ren Bür­gern ge­wählt wer­den will, muss das ge­sam­te Spektrum der in der Ge­sell­schaft an­ste­hen­den Pro­ble­me ab­de­cken. Da­zu ge­hö­ren zum Bei­spiel die in­ne­re und äu­ße­re Si­cher­heit, das so­zia­le Si­che­rungs­sys­tem, Fra­gen der Öko­lo­gie und Öko­no­mie. Ins­ge­samt las­sen sich nicht mehr so gro­ße Un­ter­schie­de im po­li­ti­schen In­ter­es­se der Ge­ne­ra­tio­nen ent­de­cken.

Fo­to: dpa

Se­nio­ren sind auf dem Vor­marsch in der Ge­sell­schaft. Das bil­det sich auch in den Wah­l­er­geb­nis­sen ab.

Fo­to: dpa

Man­fred Güll­ner: Ei­ne Rent­ner­par­tei hät­te kei­ne Chan­ce.

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