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Reutlinger Nachrichten  - - HINTERGRUND -

*nur ers­tes Halb­jahr zen, es eilt al­so ge­hö­rig.

Asyl­sa­chen ma­chen un­ter den Ein­gän­gen der vier Ver­wal­tungs­ge­rich­te Ba­den-würt­tem­bergs der­zeit 84 Pro­zent aus. Weil nicht we­ni­ger sons­ti­ge Kla­gen an­fal­len, Bau- oder Po­li­zei­rechts­sa­chen, weil wei­ter Stu­den­ten auf Stu­di­en­plät­ze kla­gen oder Bür­ger ge­gen ir­gend­ei­ne Be­hör­de, sind die Ge­rich­te am Li­mit. Jus­tiz­mi­nis­ter Gui­do Wolf (CDU) spricht von ei­ner „au­ßer­ge­wöhn­li­chen Be­las­tungs­si­tua­ti­on“. Die Po­li­tik hat re­agiert. 2016 wur­den 26 Rich­ter­stel­len ge­schaf­fen und 18 für Ser­vice­kräf­te. Im Dop­pel­haus­halt 2018/2019 ste­hen noch­mal 31 Rich­ter­stel­len und 24 Ser­vice­kräf­te. Weil der Land­tag noch zu­stim­men muss, hat Wolf an­ge­kün­digt, wei­te­re Rich­ter über­gangs­wei­se aus dem all­ge­mei­nen Per­so­nal­bud­get zu fi­nan­zie­ren. Es hilft ja nichts, Rechts­staat ist Rechts­staat, der Kla­ge­berg muss ab­ge­tra­gen wer­den.

Um 11.40 Uhr ist der An­walt end­lich da, aber sein Man­dant, ein jun­ger Tu­ne­si­er, fühlt sich nicht gut. „Ich bin krank, mir ist schwin­de­lig, ich ha­be Kopf­schmer­zen“, über­setzt die Dol­met­sche­rin. Dem Mann sind vie­le Lei­den at­tes­tiert, ein Arzt hat ihn schon ein­mal ver­hand­lungs­un­fä­hig ge­schrie­ben, heu­te aber liegt kein At­test vor. Rich­ter Fein­äug­le un­ter­bricht kurz, der Klä­ger mö­ge sich aus­ru­hen. Als es wei­ter­geht, soll er sein Schick­sal schil­dern, das ge­lingt zäh, er sagt, er ha­be al­les schon so oft er­zählt.

Um 12.30 Uhr muss der An­walt wie­der weg, zu ei­nem an­de­ren Man­dan­ten, drü­ben, bei Rich­ter Korn. Al­so un­ter­bricht Fein­äug­le wie­der und ruft so­lan­ge den nächs­ten Fall auf. Wie­der ein jun­ger Tu­ne­si­er, dies­mal klappt es bes­ser, der Mann ist an­walt­los, top­fit und gut ge­launt. Er fürch­tet in sei­ner Hei­mat die Ra­che von Ter­ro­ris­ten, ge­gen die er bei der Po­li­zei aus­ge­sagt ha­be. Die Ver­hand­lung läuft flüs­sig, nach 35 Mi­nu­ten spricht der Klä­ger das letz­te Wort: „Ich möch­te ger­ne in Deutsch­land blei­ben, ich ha­be ei­ne Freun­din und möch­te hier le­ben.“

Drau­ßen war­tet schon der Nächs­te, ein 23-jäh­ri­ger Ma­rok­ka­ner, der wäh­rend der Ver­hand­lung bald an­fan­gen wird zu wei­nen. Er wird sa­gen, er sei Voll­wai­se und Ex-stra­ßen­kind, in Ma­rok­ko ha­be er nie­man­den. Wenn er zu­rück­müs­se, kom­me er si­cher ins Ge­fäng­nis. Er ist in neu­ro­lo­gi­scher und psych­ia­tri­scher Be­hand­lung, neh­me Schlaf­ta­blet­ten, ein Arzt hat Zu­kunfts­ängs­te be­schei­nigt und rät zu ei­ner Trau­ma­the­ra­pie.

Rich­ter Fein­äug­le be­ginnt mit der Be­fra­gung. Er wird auch die­sen Fall prü­fen und dann ein Ur­teil fäl­len. Am En­de geht es im­mer um die­sel­be ein­fa­che Fra­ge: Blei­ben dür­fen oder ge­hen müs­sen? Aber ein­fach ist hier gar nichts. Nicht die Rechts­la­ge, nicht die Ver­fah­rens­ab­läu­fe, nicht die Um­set­zung der Ur­tei­le und schon gar nicht die gan­zen Schick­sa­le.

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