Spit­zen­kan­di­dat in Ba­den-würt­tem­berg

Reutlinger Nachrichten  - - SÜDWESTUMSCHAU -

Macht und Au­to­ri­tät in ei­ner künf­ti­gen Bun­des­re­gie­rung. Was aber, wenn ein mög­li­cher Ko­ali­ti­ons­part­ner – die FDP, die Grü­nen, die SPD – nach dem Fi­nanz­res­sort greift? Müss­te Schäu­b­le dann auf Mer­kels Ge­heiß ins Aus­wär­ti­ge Amt wech­seln, ins Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, das In­nen- oder das Wirt­schafts­res­sort? Sich den Lang­zeit­mi­nis­ter gar als ein­fa­chen Ab­ge­ord­ne­ten oh­ne klas­si­sches Port­fo­lio vor­zu­stel­len, fällt nicht nur dem Be­trof­fe­nen schwer. „Aus­ge­rech­net auf dem Ze­nit sei­nes An­se­hens“, unkt ein Be­ob­ach­ter, „könn­te er oh­ne Amt da­ste­hen.“

An­ge­la Mer­kel weiß nicht nur, was sie an Schäu­b­le hat, son­dern auch, was sie ris­kie­ren wür­de, lie­ße sie ihn fal­len. Der Par­tei­freund, so hat die Kanz­le­rin bei des­sen Ge­burts­tags­fest 2012 selbst ein­ge­räumt, sei „manch­mal nicht ein­fach zu er­le­ben“. So lie­bens­wür­dig und loy­al Schäu­b­le sein kann, so her­risch und ver­let­zend ha­ben ihn auch schon vie­le sei­ner Mit­strei­ter er­lebt. Mer­kel ih­rer­seits hat Hel­mut Kohl und des­sen Nach­fol­ger an der Cdu-spit­ze über den Spen­den­skan­dal stür­zen las­sen, sie hat ver­hin­dert, dass Schäu­b­le Bun­des­prä­si­dent oder Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter in Ber­lin wer­den durf­te. 2010 aber hielt die Bun­des­kanz­le­rin ih­re Hand schüt­zend über den Mi­nis­ter, als der Qu­er­schnitts­ge­lähm­te nach Kol­laps und Ope­ra­ti­on wo­chen­lang im Kran­ken­bett lag. Kon­stanz Wolf­gang Schäu­b­le wird in die­sem Jahr zum ach­ten Mal in Fol­ge als Spit­zen­kan­di­dat die Lan­des­lis­te der CDU Ba­den-würt­tem­berg zur Bun­des­tags­wahl an­füh­ren. Seit der Wahl 1990 ist Schäu­b­le auf Platz eins. Im März wur­de er in Sin­del­fin­gen mit 95,8 Pro­zent no­mi­niert. Schäu­b­le tritt im Wahl­kreis 284 (Offenburg) an, der mehr als 400 000 Ein­woh­ner in vier gro­ßen Kreis­städ­ten und 47 wei­te­ren Städ­ten und Ge­mein­den mit ins­ge­samt 149 Orts­tei­len hat. tk

Ei­gent­lich ist und bleibt Schäu­b­le un­ver­zicht­bar für Mer­kel, als ihr stärks­tes Pfund am Ka­bi­netts­tisch wie als Ga­li­ons­fi­gur je­ner kon­ser­va­tiv-bür­ger­li­chen CDU, die sich von der Par­tei­che­fin seit Jah­ren nicht aus­rei­chend ver­tre­ten sieht. Die­se Tra­di­tio­na­lis­ten hal­ten nur so lan­ge still, wie Leu­te wie Schäu­b­le oder des­sen Spe­zi Vol­ker Kau­der in vor­ders­ter Rei­he sind. Soll­te Mer­kel es wa­gen, Schäu­b­le aufs Ab­stell­gleis zu schie­ben, droh­te ihr nicht nur ein Kon­flikt mit dem Mann im Roll­stuhl, son­dern gleich mit ei­nem be­trächt­li­chen Teil ih­rer Par­tei.

So stellt sich für Schäu­b­le wie­der ein­mal die Fra­ge nach sei­ner Zu­kunft in der Po­li­tik. Das ist bei­lei­be nicht neu für den „fröh­li­chen Si­sy­phos“, wie ihn Freun­de in ei­ner frü­he­ren Fest­schrift cha­rak­te­ri­siert ha­ben. Sei­ne Lauf­bahn ist ge­prägt von Er­fol­gen und Nie­der­la­gen, von Auf­stieg und Fall, von Tri­umph und De­mü­ti­gung. Schäu­b­le war als Un­ter­händ­ler des Ein­heits­ver­trags ne­ben Kohl der wich­tigs­te Ar­chi­tekt

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