Ge­nuss­mensch und Ere­mit

Aus­stel­lung „Es le­be die Ma­le­rei!“: Das Frank­fur­ter Stä­del prä­sen­tiert die fran­zö­si­schen Farb­künst­ler und Freun­de Pier­re Bon­nard und Hen­ri Ma­tis­se in ei­ner ex­qui­sit be­stück­ten Schau.

Reutlinger Nachrichten  - - FEUILLETON - Von Burk­hard Mei­er-grol­man

Ei­ne mehr als vier­zig Jah­re wäh­ren­de Künst­ler­freund­schaft ist ei­ne aus­ge­spro­che­ne Ra­ri­tät, ein sel­ten ver­zeich­ne­tes Er­eig­nis in den An­na­len der Kunst­ge­schich­te. So et­was lässt auch die rou­ti­nier­tes­ten Mu­se­ums­leu­te nicht ru­hig schla­fen, zu­mal wenn es sich bei den bei­den Prot­ago­nis­ten um Pier­re Bon­nard (1867-1947) und Hen­ri Ma­tis­se (1869-1954) han­delt, zwei aus­ge­wie­se­ne Hoch­ka­rä­ter fran­zö­si­scher Pro­ve­ni­enz, die die ers­ten De­ka­den des 20. Jahr­hun­derts denn auch präch­tig il­lu­mi­niert ha­ben.

Wo­bei die Ku­ra­to­ren der neu­en Ma­tis­se-bon­nard-schau im Frank­fur­ter Stä­del-mu­se­um den Ein­druck ver­mei­den wol­len, man ha­be sich für das Kunst-event des Jah­res 2017 vor­ge­nom­men, die bei­den Groß­meis­ter in die Are­na zu schi­cken, um zu se­hen, wer den Sie­ges­lor­beer ein­heim­sen wür­de. Tat­säch­lich wird al­les ge­tan, um Wett­kampf­stim­mung im Keim zu er­sti­cken. Wie man das macht?

Ganz ein­fach, in­dem man gleich ein­gangs, wenn Car­tier-bres­sons Schwar­zweiß-por­träts von Bon­nard und Ma­tis­se an die Schau­wän­de kom­men, brav dar­auf schaut, dass pa­ri­tä­tisch vor­ge­gan­gen und kei­ner der bei­den über­vor­teilt wird.

Ge­gen­sei­ti­ger Re­spekt

Bei den ex­qui­si­ten Ex­po­na­ten, die aus den re­nom­mier­tes­ten Kunst­tem­peln die­ser Welt – dem Mo­ma in New York, der Ta­te in London, der Ere­mi­ta­ge in St. Pe­ters­burg, dem Cent­re Pom­pi­dou und dem Mu­see d’or­say in Pa­ris – her­an­ge­karrt wur­den, die­sel­be Vor­ge­hens­wei­se. Pe­ni­bel wird in den Aus­stel­lungs­räu­men Maß ge­nom­men, al­les wird hal­biert, hier darf Ma­tis­se sei­ne Oda­lis­ken aufs Ru­he­bett drü­cken, dort dür­fen Bon­nards Nack­te ihr Ba­de­was­ser schlür­fen. Ge­ra­de die­se Angst der Ku­ra­to­ren vor ei­nem Un­gleich­ge­wicht Bild­kom­po­si­ti­on un­ter­zu­ord­nen.

Den Un­ter­schied zwi­schen Bon­nard und Ma­tis­se ma­chen ne­ben Bild­auf­fas­sung und Mal­wei­se die cha­rak­ter­li­chen Dis­po­si­tio­nen aus. Ma­tis­se war der ex­tro­ver­tier­te, welt­of­fe­ne Ge­nuss­mensch, sein Freund Bon­nard eher der in sich ge­kehr­te Ere­mit, der dem Tru­bel drau­ßen ger­ne aus dem We­ge ging.

Die­se di­ver­gie­ren­den Per­sön­lich­keits­merk­ma­le sind auf je­der Lein­wand ab­les­bar: Die Frau­en auf den Ma­tis­se-bil­dern strah­len enor­mes Selbst­be­wusst­sein aus, sie tre­ten dem Be­trach­ter un­ver­krampft ent­ge­gen, Pier­re Bon­nards Mo­del­le hin­ge­gen sind meist mit sich selbst be­schäf­tigt, ach­ten nicht auf ih­re Um­ge­bung, wir­ken eher schwer­mü­tig und de­pres­siv.

Dop­pel­tes Farb­feu­er­werk

Nur wenn es um Leucht­kraft, Far­big­keit, um Bild­wir­kung geht, spie­len bei­de Künst­ler mit höchs­tem Ein­satz. Beim Ge­brauch der Farb­pa­let­te ge­ben sie sich re­gel­recht die Spo­ren. Wie Pier­re Bon­nard ei­nen sim­plen Mi­mo­sen­strauß in ei­nen bro­deln­den Farb­vul­kan ver­wan­delt, das ist so mo­dern und un­ver­gleich­lich, dass es lä­cher­lich ist, wenn man die­sen Ma­ler ein­fach in die Schub­la­de der Spät­im­pres­sio­nis­ten stop­fen will.

Hen­ri Ma­tis­se er­reicht ei­ne ähn­li­che Farb­wucht da­durch, dass er auf sei­nen Lein­wän­den mäch­ti­ge, oft block­ar­ti­ge Farb­fel­der auf­baut, die so kom­pakt sind, dass man den Ein­druck hat, sie wür­den sich gleich von der Wand lö­sen und dem Be­trach­ter di­rekt in die Au­gen sprin­gen. Bin­det man dann Bon­nard und Ma­tis­se zu­sam­men, er­gibt das ein mo­nu­men­ta­les dop­pel­tes Farb­feu­er­werk, das ganz si­cher­lich die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Aus­stel­lungs­land­schaft in die­sem Herbst kräf­tig er­hel­len wird. No­mi­niert sind un­ter an­de­ren Kor­nel Mun­druc­zó in der Ka­te­go­rie Re­gie Schau­spiel („Láts­z­a­t­é­let/imi­ta­ti­on of Li­fe“, Thea­ter Ober­hau­sen) und Ka­rin Neu­häu­ser als Darstel­le­rin/darstel­ler Schau­spiel („Wut/ra­ge“, Tha­lia Thea­ter Ham­burg). In der Ka­te­go­rie Re­gie Mu­sik­thea­ter ge­hört Paul-ge­org Dittrich („La dam­na­ti­on de Faust“, Thea­ter Bre­men) zu den No­mi­nier­ten.

Die un­do­tier­te Aus­zeich­nung wird seit 2006 ver­lie­hen. Mit ihr wer­den Künst­ler ge­ehrt, die sich in be­son­de­rer Wei­se durch ih­re Leis­tung für das deut­sche Thea­ter her­vor­ge­tan ha­ben.

Fo­to: VG Bild-kunst, Bonn 2017/Ta­te, London 2017

Im Ge­gen­satz zu den selbst­be­wuss­ten Da­men von Ma­tis­se wir­ken Bon­nards Frau­en schwer­mü­tig, wie hier in „Die Milch­schüs­sel“.

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