Eis­zeit im Lon­do­ner „Mos­kau“

Di­plo­ma­tie Das Ver­hält­nis zwi­schen Rus­sen und Bri­ten ist wie­der auf dem Ni­veau des Kal­ten Krie­ges. Ent­spre­chend ge­nau schaut die Re­gie­rung an der Them­se nun den zu­ge­wan­der­ten Olig­ar­chen auf die Fin­ger.

Reutlinger Nachrichten  - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Hen­drik Beb­ber Ste­fan Scholl

Der Schnee­matsch in Sa­lis­bu­ry am Ta­ge des An­schlags auf den rus­si­schen Dop­pel­agen­ten und sei­ne Toch­ter war längst ge­taut, als The­re­sa May Russ­land den kal­ten Krieg er­klär­te. „Dies war nicht nur ein Ver­bre­chen ge­gen die Skri­pals. Es war ein wahl­lo­ser und rück­sichts­lo­ser Akt ge­gen das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich, die das Le­ben un­schul­di­ger Zi­vi­lis­ten aufs Spiel setzt. Und wir wer­den solch ei­nen un­ver­schäm­ten Mord­an­schlag auf un­se­rem Bo­den nicht to­le­rie­ren“, warn­te die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin den Kreml.

Der rus­si­sche Bot­schaf­ter in Lon­don, Alex­an­der Ya­ko­ven­ko, re­agier­te mit der Ein­schät­zung sei­nes Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums über „ei­ne Kam­pa­gne, die dar­auf ab­zielt, die Be­zie­hun­gen zwi­schen bei­den Län­dern zu stö­ren, was weit­ge­hen­de Kon­se­quen­zen ha­ben kann.“Nach der ge­gen­sei­ti­gen Aus­wei­sung von Di­plo­ma­ten über­leg­te die bri­ti­sche Re­gie­rung, wie man Wla­di­mir Pu­tin als mut­maß­li­chen Draht­zie­her des An­schlags wirk­lich tref­fen kön­ne. Der Vor­sit­zen­de des au­ßen­po­li­ti­schen Par­la­ments­aus­schus­ses Tom Tu­gend­hat ver­langt Sank­tio­nen ge­gen die schwer­rei­chen Rus­sen, die Lon­don den Spitz­na­men „Mos­kau an der Them­se“ein­brach­ten. „Wir müs­sen den Leu­ten, die Pu­tin un­ter­stüt­zen, klar­ma­chen, dass dies kei­ne gu­te Idee ist“, sag­te Tu­gend­hat. „Die Olig­ar­chen, die so reich wur­den, weil sie seit mehr als 20 Jah­ren das rus­si­sche Volk be­steh­len, soll­ten nicht mehr in der La­ge sein, ihr Ver­mö­gen in Lon­don aus­zu­ge­ben. Wir se­hen, wie rus­si­sches Geld un­se­re In­sti­tu­tio­nen kor­rum­piert, und so müs­sen wir vor­sich­tig sein, dass wir nicht zum Op­fer wer­den. Das be­deu­tet, dass wir uns nicht nur ge­gen Ag­gres­si­on wie jetzt den Mord­an­schlag schüt­zen, son­dern auch ge­gen das schmut­zi­ge rus­si­sche Geld.“

Sol­che Skru­pel hat­ten „Lon­don­grad“bis­lang nicht ge­plagt. Selbst die Krim-kri­se be­scher­te den zahl­rei­chen Im­mo­bi­li­en­händ­lern in der bri­ti­schen Me­tro­po­le ei­nen neu­en Boom. Rus­si­sche und ukrai­ni­sche Mul­ti­mil­lio­nä­re leg­ten seit­her ihr Ka­pi­tal noch stär­ker an der Them­se an. Doch nun müs­sen die stin­k­rei­chen Olig­ar­chen aus dem Os­ten be­fürch­ten, dass es ih­nen we­gen der Sank­tio­nen fi­nan­zi­ell ans Le­der geht. Neue Ge­set­ze ver­lan­gen von ih­nen Auf­schluss dar­über, ob der Reich­tum auch le­gi­tim er­wor­ben wur­de. Der Bran­chen­dienst „Thom­son Reu­ters“kal­ku­liert, dass aus den Nach­fol­ge­staa­ten der So­wjet­uni­on in den ver­gan­ge­nen Steu­er- und In­ves­ti­ti­ons­an­rei­ze. Sie zah­len le­dig­lich ei­ne Sum­me von 30 000 bri­ti­schen Pfund im Jahr für ih­re Re­gis­trie­rung als „Nicht-do­mi­zi­liert“und wer­den für das Ver­mö­gen, das sich in ih­ren Hei­mat­län­dern be­fin­det, nicht zur Ein­kom­mens- und Ka­pi­tal­er­trag­steu­er ver­an­lagt. Ih­re An­we­sen­heit in Groß­bri­tan­ni­en er­freut auch die Lon­do­ner Spit­zen­an­wäl­te, die hier für ih­re Man­dan­ten teu­re Pro­zes­se im Rechts­streit mit Kon­kur­ren­ten füh­ren. Da der un­ge­heu­re Reich­tum der Olig­ar­chi­en oft aus Ge­schäf­ten mit der Kon­kurs­mas­se der So­wjet­uni­on stammt, ha­ben die Bri­ten für sie den Aus­druck „Klep­to­kra­ten“ge­prägt.

Zum In­be­griff die­ser „Räu­ber­ba­ro­ne“, die nach dem En­de der So­wjet­uni­on un­ge­heu­ren Reich­tum und po­li­ti­schen Ein­fluss er­lang­ten, wur­de Bo­ris Be­re­sow­skij. Der mil­li­ar­den­schwe­re Zieh­va­ter und spä­te­re Erz­feind des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin wur­de 2013 tot im Ba­de­zim­mer sei­nes feu­da­len Land­sit­zes in

aber es gibt Mo­men­te, da öff­net Ro­man Abra­mo­witsch (51) sei­ne See­le sperr­an­gel­weit: Et­wa im Mai 2017, als sich der lang­jäh­ri­ge Chel­sea-ka­pi­tän John Ter­ry vor dem ju­beln­den Sta­di­on an der Lon­do­ner Stam­ford Bridge ver­ab­schie­de­te, per Mi­kro­fon auch dem „bes­ten Ei­gen­tü­mer im Welt­fuß­ball“, dank­te. Abra­mo­witsch stand strah­lend in sei­ner Vip-lo­ge, und fal­te­te sei­ner­seits die Hän­de zu ei­ner de­muts­vol­len Dan­kes­ges­te.

Abra­mo­witsch hat­te den fi­nan­zi­ell an­ge­schla­ge­nen Chel­sea FC im Ju­ni 2003 für 140 Mil­lio­nen Pfund ge­kauft und gleich 120 Mil­lio­nen Pfund für Spie­l­er­käu­fe nach­ge­scho­ben. Prompt schaff­te es Chel­sea 2004 bis ins Cham­pi­ons Le­ague-halb­fi­na­le. Seit Abra­mo­witschs Ein­stieg hol­te die Mann­schaft fünf na­tio­na­le Meis­ter­schaf­ten und ei­nen Cham­pi­ons Le­ague-po­kal, ins­ge­samt 17 Ti­tel. Da­für gab er bis da­hin un­er­hör­te Sum­men für Spit­zen­spie­ler aus.

Auf die sport­li­chen Ti­tel war halb Lon­don stolz – und halb Mos­kau. Die Lon­do­ner Fans skan­dier­ten „Ka­lin­ka, Ka­lin­ka“, in si­bi­ri­schen Pro­vinz­städ­ten er­öff­ne­ten rei­hen­wei­se Pubs mit dem Na­men „Chel­sea“. Und in sei­ner Lo­ge an der Stam­ford Bridge tauch­te Lord Roth­schild auf oder Ber­nie Eccles­to­ne.

Doch nach dem Gift­an­schlag auf Ser­gej Skri­pal, für den Lon­don rus­si­sche Ge­heim­dienst­ler ver­ant­wort­lich macht, be­kam auch Abra­mo­witsch Pro­ble­me. Die Bri­ten ver­län­ger­ten sein Vi­sum nicht. Das Par­la­ment ver­fass­te neue Sank­ti­ons­lis­ten, auf de­nen auch Abra­mo­witsch ste­hen soll. Seit Mai hat der Mil­li­ar­där ei­nen is­rae­li­schen Pass, mit dem er jähr­lich sechs Mo­na­te oh­ne Vi­sa in En­g­land le­ben kann. Aber laut der Agen­tur Bloom­berg hat er sich dort seit Mo­na­ten nicht mehr bli­cken las­sen. Und Chel­sea stopp­te den Aus­bau des Sta­di­ons.

Der Ab­schied von sei­nem Lieb­ling wür­de Abra­mo­witsch wohl schmer­zen. Er wüss­te ver­mut­lich nicht, was er mit der Ver­kaufs­sum­me an­fan­gen soll. Als Un­ter­neh­mer mit viel frei­em Geld droht ihm, dass der Kreml ihn für staat­li­che Groß­pro­jek­te zur Kas­se bit­tet. Auch der Fuß­ball­fan Abra­mo­witsch wer­de in der Hei­mat kaum glück­lich, ver­mu­tet ein Sze­ne­ken­ner: „Man­gels Kon­kur­renz ist es sinn­los, hier hun­der­te Mil­lio­nen Dol­lar in ei­nen Klub zu ste­cken.“

Die Lon­do­ner Zei­tung „Eve­ning Stan­dard“ge­hört ei­nem Ex-kgb-of­fi­zier.

Exi­lan­ten aus der Ex-so­wjet­uni­on schät­zen die Pri­vat­schu­len für ih­re Kin­der.

Fo­to: Mick Sin­clair/mau­ri­ti­us images

Rei­che Rus­sen ha­ben sich in Lon­don ein­ge­kauft, selbst ei­nen ei­ge­nen Stra­ßen­na­men ha­ben sie sich schon er­obert.

Fo­to: epa/fa­cun­do Ar­riz­a­ba­la­ga/dpa

Der Mil­li­ar­där Ro­man Abra­mo­witsch fei­ert ei­nen Heim­sieg von Chel­sea.

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