Der ei­ge­ne Kör­per als For­schungs­feld

Aus­stel­lung Die Tü­bin­ger Kunst­hal­le holt sich ei­ne ver­ges­sen ge­glaub­te Po­wer­frau ins Haus: Bir­git Jür­gens­sen.

Reutlinger Nachrichten  - - FEUILLETON - Burk­hard Mei­er-grol­man

Wenn die Ku­ra­to­rin­nen der neu­en Kunst­schau in der Tü­bin­ger Kunst­hal­le, Na­ta­scha Bur­ger und Ni­co­le Fritz, be­haup­ten, die 1949 in Wi­en ge­bo­re­ne und dort 2003 an Krebs ge­stor­be­ne Bür­gers­toch­ter Bir­git Jür­gens­sen sei zu­min­dest an­fangs sehr zu­rück­hal­tend und schüch­tern ge­we­sen, möch­te man das nicht glau­ben. Im­mer­hin hat die­se jetzt mit ei­ner ers­ten gro­ßen Re­tro­spek­ti­ve hier­zu­lan­de ge­ehr­te Da­me schon im zar­ten Al­ter von acht Jah­ren Skiz­zen im Stil ei­nes Pa­blo Pi­cas­so in ih­re Schul­hef­te ge­krit­zelt. Die­se nicht un­ori­gi­nel­len Nach­schöp­fun­gen hat sie prompt mit „BICASSO Jür­gens­sen“si­gniert. Das spricht doch ei­gent­lich für ei­ne gu­te Por­ti­on Selbst­be­wusst­sein und ein nicht we­ni­ger aus­ge­präg­tes Ta­lent zur Selbst­dar­stel­lung.

Im Te­enager­al­ter blieb Jür­gens­sen bei ih­rer Lei­den­schaft fürs Zeich­nen und Fa­bu­lie­ren, her­aus ka­men mit Hu­mor und Iro­nie ge­würz­te Kin­der­bü­cher, die auch schon ge­sell­schafts­kri­ti­sche Un­ter­tö­ne auf­schei­nen lie­ßen. Und da­bei ist es auch ge­blie­ben. Die­se Tü­bin­ger Werk­schau macht deut­lich, dass Bir­git Jür­gens­sen mit Fug und Recht an die Sei­te je­ner bei­den Kun­sta­ma­zo­nen Ma­ria Lass­nig und Va­lie Ex­port ge­stellt wer­den muss, die die ös­ter­rei­chi­sche Frau­en-avant­gar­de in den 70er Jah­ren des vo­ri­gen Jahr­hun­derts aus­ge­macht ha­ben.

Jür­gens­sen hat zwar nicht wie Va­lie Ex­port da­mals Skan­dal­ru­fe aus­ge­löst, weil sie ei­nen Bauch­la­den vor sich her­trug, wor­in Pas­san­ten ih­re nack­ten Brüs­te kurz be­tas­ten durf­ten. Nein, die Jür­gens­sen will mit ih­rem Bauch­la­den, der als „Haus­frau­en-kü­chen­schür­ze“da­her­kommt, kei­ne Ta­bu­zo­nen ein­rei­ßen, son­dern sie will eher das alt­her­ge­brach­te Rol­len­bild von den drei K – Kir­che, Kin­der, Kü­che – auf die Schip­pe neh­men und ad ab­sur­dum füh­ren.

Na­tür­lich ha­ben Va­lie Ex­port, Lass­nig und Co. auch Jür­gens­sens Werk tie­fe Ein­ker­bun­gen hin­ter­las­sen. Aber ge­wich­ti­ger ist noch der Ein­fluss der durch ih­re Fell­tas­se welt­be­rühmt ge­wor­de­ne Me­ret Op­pen­heim, die ih­re ge­nia­len Kunst­schöp­fun­gen aus dem Sur­rea­lis­mus und dem ma­gi­schen Rea­lis­mus her­aus­fil­ter­te.

Das Be­son­de­re an den Kun­stein­übun­gen von Jür­gens­sen ist aber die Kon­se­quenz, mit der sie ih­re künst­le­ri­schen Fin­dun­gen im­mer in Be­zie­hung zum mensch­li­chen Kör­per setzt. Sie ex­pe­ri­men­tiert un­ab­läs­sig, der ei­ge­ne Kör­per ist ihr For­schungs­feld, al­le Me­di­en, ob Aqua­rel­le, Stoff­bil­der, ob Zeich­nung, Fo­to­gra­fie, Ob­jekt­kunst, Col­la­gen, Rayo­gram­me oder schluss­end­lich auch Film und Vi­deo müs­sen her­hal­ten, um un­ser Rol­len­ver­ständ­nis, un­ser Ver­hält­nis zu Tie­ren, zur Na­tur und zur Um­welt zu über­prü­fen.

Die Er­geb­nis­se die­ser Kör­per­stu­di­en kön­nen er­stau­nen, ver­blüf­fen und ver­stö­ren: Jür­gens­sen stellt ei­nen schwan­ge­ren Stö­ckel­schuh oder ei­nen „net­ten Raub­vo­gel­schuh“in die Vi­tri­ne, sie fo­to­gra­fiert sich „Selbst mit Fell­chen“, sie legt ge­nüß­lich ein mit zwei Ei­ern be­stück­tes Vo­gel­nest in ih­ren Schoß, sie ver­schmilzt Hum­mer­sche­ren mit mensch­li­chen Ex­tre­mi­tä­ten. Sie gei­ßelt aber auch frech, bö­se und wit­zig un­ser Ge­schlech­ter­ge­ba­ren. Auf ei­ner Farb­stift­zeich­nung sind die Frau­en mehr oder we­ni­ger fröh­lich ge­stimmt beim Bo­den­schrub­ben. Und ih­re Putz­lap­pen, die sie aus­wrin­gen, ent­pup­pen sich – na klar – als die ins Lili­put­for­mat ge­schrumpf­ten Ehe­män­ner.

In­fo wir nicht mehr al­lein auf wei­ter Flur. Ab heu­te sind wir vie­le.“Schmidt hat­te im ver­gan­ge­nen Jahr nach sei­nem Ein­tre­ten ge­gen Rechts­ex­tre­mis­mus sein Haus we­gen ei­ner Bom­ben­dro­hung räu­men las­sen müs­sen.

„Bir­git Jür­gens­sen. Ich bin“bis

17. Fe­bru­ar 2019 in der Kunst­hal­le Tü­bin­gen, Di-so 11-18, Do bis 19 Uhr.

Fo­to: Ger­da Mei­er-grol­man

Bir­git Jür­gens­sens Farb­stift­zeich­nung „Schuh­mas­ke“von 1976.

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