Schlag­ab­tausch am Schach­brett

Büh­ne Ur­auf­füh­rung am Thea­ter Lin­den­hof: In Ste­fan Vö­gels thea­tra­li­schem Schach­du­ell ma­chen sich ein Is­rae­li und ein Dorf­bau­er an die En­t­rät­se­lung der dop­pel­ten Bö­den ih­rer Fa­mi­li­en­ge­schich­ten.

Reutlinger Nachrichten  - - KULTUR REGION IN DER - Von Kath­rin Kipp

Im Film „Der Vor­na­me“gau­kelt der­zeit in den Ki­nos ein wer­den­der Va­ter der lie­ben Ver­wandt­schaft vor, sein Sohn wer­de als „Adolf“ge­tauft. Was das Fa­mi­li­en­es­sen bö­se es­ka­lie­ren lässt. In „Chaim und Adolf“von Ste­fan Vö­gel ist die­ser Na­me schon seit 50 Jah­ren bi­zar­re Rea­li­tät für den Ober­hu­ber­bau­ern, weil er ihn von sei­nem Groß­va­ter ge­erbt hat. So will‘s die Tra­di­ti­on. Was aber ziem­lich hei­kel wird, als der Lin­de-wirt Mar­tin den Adolf mit dem Is­rae­li Chaim zum Schach­spie­len ver­kup­pelt.

Chaim ist als ge­tarn­ter Wan­der-tou­rist und His­to­ri­ker auf der Su­che nach sei­nen deut­schen Wur­zeln, Adolf der ein­zi­ge Schach­spie­ler weit und breit. Bei­de zu­sam­men er­ge­ben ei­ne ex­plo­si­ve Misch­po­ke.

Der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Ste­fan Vö­gel hat sein psy­cho­lo­gisch-dis­kur­si­ves Dia­logstück ur­sprüng­lich im Vor­arl­berg ver­or­tet. Der Mel­chin­ger Lin­den­hof hat es auf die Schwä­bi­sche Alb ver­pflanzt, aber hier wie dort sind die his­to­ri­schen The­men ver­gleich­bar: Wie ver­hält sich die drit­te Ge­ne­ra­ti­on in Be­zug auf Ho­lo­caust, Zwangs­ar­bei­ter­schaft und „Erb­schuld“, wenn sich her­aus­stellt, dass die ei­ge­ne Fa­mi­lie dar­in ver­wi­ckelt war und ist?

Und so sind in dem tri­cky struk­tu­rier­ten Dia­log al­ler­lei Fall­stri­cke, Ab­grün­de und dop­pel­te Bö­den ein­ge­ar­bei­tet, wenn‘s für die bei­den Prot­ago­nis­ten um die ei­ge­ne Fa­mi­li­en­eh­re, um Schuld, Geld, Vor­ur­tei­le, Er­be und Ver­drän­gung geht.

Ste­fan Vö­gel ver­packt das Du­ell in ein me­ta­pho­ri­sches Schach­spiel: Wer kann hier am bes­ten an­ti­zi­pie­ren, tak­tie­ren, blen­den und ant­äu­schen?

Am Mel­chin­ger Thea­ter geht man mit dem dörf­li­chen His­to­ri­ker­streit di­rekt an den Ort des Ge­sche­hens: in die Gast­stu­be des Lin­den­hofs. Denn die Pro­duk­ti­on soll, ge­för­dert vom Land, vor al­lem auch in Land­gast­stu­ben ge­zeigt wer­den. Bei der Pre­mie­re sa­ßen Lin­den­hof-prä­si­dent Uwe Zell­mer und der ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent Er­win Teu­fel am Stamm­tisch.

Re­gis­seur Franz Xa­ver Ott spielt selbst mit, und zwar als Wirt und als ei­ne Art Spiel­ma­cher im Stück, der den Über­blick be­hält, die Hitz­köp­fe be­sänf­tigt, sei­ne gas­tro­no­mi­schen Weis­hei­ten zum Bes­ten gibt und über­haupt mehr weiß, als er zu­gibt.ei­ne ima­gi­nä­re Bi­n­okel­run­de grölt im­mer wie­der lus­tig aus dem „Ne­ben­zim­mer“her­aus, be­stellt ei­ne Run­de nach der an­dern und motzt den Wirt an: „I mecht an Wurscht­s­a­lad. Aber net an der Blut­wurst spa­re!“.

Auf das Ni­veau die­ser „Holz­köpf“will sich Adolf Ober­hu­ber nicht her­un­ter­las­sen: haupt­be­ruf­lich schwingt der Be­zirks­schach­meis­ter zwar die Mist­ga­bel, hat aber im­mer­hin in Tü­bin­gen stu­diert, wenn auch nicht ab­schlie­ßend. Aber so gibt er sich welt­of­fen und auf­ge­klärt. Aber um­so bil­dungs­be­flis­se­ner, des­to ent­rüs­te­ter na­tür­lich auch die Re­ak­ti­on, wenn man in Ver­dacht ge­rät, in der Fa­mi­li­en­ge­schich­te sei nicht al­les un­be­fleckt ab­ge­lau­fen. Und über­haupt, wie­so heißt er „Adolf“?

Ste­fan Hall­mey­er ge­rät mit sei­nem Ober­hu­ber in so man­che ar­gu­men­ta­to­ri­sche Zwick­müh­le. Er spielt ihn so ele­gant wie rus­ti­kal, als so feu­ri­gen wie schnell be­lei­dig­ten Hitz­kopf, der, wenn ihm was nicht passt, schon auch mal das (un­fer­ti­ge) Schach­spiel vom Tisch fegt oder gleich die Flucht er­greift. Aber Mar­tin Ol­bertz, der sei­nen Chaim mit ei­nem öst­li­chen Ak­zent­deutsch ver­sieht, steht ihm in Sa­chen Aus­ge­fuchstheit und Reiz­bar­keit in Nichts nach.

Und so ent­fal­tet sich ein kna­cki­ger Schlag­ab­tausch, bei dem je­der meint, er hät­te den an­de­ren in­tel­lek­tu­ell schon längst im Sack. Bis zum Schluss bleibt span­nend, wel­che neue Wen­dung die Ah­nen­for­schung noch nimmt und wer die Fä­den ei­gent­lich in der Hand hält.

Adolf will sei­ne Fa­mi­lie von jeg­li­cher „Erb­schuld“frei­spre­chen, und Chaim weist ihm nach, dass er auch heu­te noch von den da­ma­li­gen Aus­beu­tungs­struk­tu­ren pro­fi­tiert, auch wenn sein Groß­va­ter Adolf „nur ein klei­nes Räd­chen“der Na­zi-ma­schi­ne­rie war und sei­ne Zwangs­ar­bei­te­rin­nen an­stän­dig be­han­delt hat. Je mehr Chaim Adolf vor­führt und in die stu­fen­wei­se En­t­rät­se­lung der Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­se hin­ein­zieht, des­to gif­ti­ger wird Adolf. Auch Chaim wird im­mer stür­mi­scher. Bei ihm schwingt aber auch Trau­rig­keit mit, wenn er sei­ne Wit­ze er­zählt oder sei­ne jid­di­schen Lie­der singt: „Hey, hey, das Le­ben ist kein Spaß“. Aber auf je­den Fall se­hens­wert.

Fo­to: Lin­den­hof

Zwei Hitz­köp­fe, zwei Fa­mi­li­en­ge­schich­ten: Das Mel­chin­ger Lin­den­hof-thea­ter gibt „Chaim und Adolf“zum Bes­ten.

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