Ein Le­bens­gar­ten hin­term Wai­sen­haus

Mat­hil­de Mai­er geb. Worm­ser wuchs im Wai­sen­haus an der Neu­stra­ße auf. 1978 wid­me­te die Dins­la­ke­ne­rin ih­rer Hei­mat­stadt in ih­rem Buch „Die Gär­ten mei­nes Le­bens“ein Ka­pi­tel. Der Ver­ein Stol­per­stei­ne er­in­nert an sie.

Rheinische Post Dinslaken - - DINSLAKEN - VON AN­NE PRI­OR

DINS­LA­KEN „Der ers­te Gar­ten in mei­nem Le­ben lag in ei­nem klei­nen Städt­chen am Nie­der­rhein, da, wo die Er­de flach ist und ein gro­ßer Him­mel sich über der wei­ten Land­schaft öff­net und die Son­nen­un­ter­gän­ge so gol­den sind, wie Rem­brandt sie ge­malt hat. In die­sem Städt­chen war mein Va­ter Leh­rer.“Mit die­sen poe­ti­schen Wor­ten be­gin­nen die Er­in­ne­run­gen von Mat­hil­de Mai­er. Sie wur­de als Mat­hil­de Worm­ser am 14. Ju­li 1896 in Dins­la­ken als zwei­tes Kind des Leh­rers und Wai­sen­haus­di­rek­tors Leo­pold Worm­ser und sei­ner Ehe­frau Ber­ta, ge­bo­re­ne Kahn, ge­bo­ren. Im Wai­sen­haus an der Neu­stra­ße 43 wuchs sie mit ih­rer äl­te­ren Schwes­ter Bet­ty und et­wa 30 Wai­sen­haus­kin­dern auf.

Sie er­hielt den glei­chen Vor­na­men wie ih­re Tan­te Mat­hil­de Nau­mann, ei­ne Schwes­ter der Mut­ter. Die leb­te mit ih­rem Ehe­mann Dr. Isaak Nau­mann und den bei­den Töch­tern Ro­sa­lie und Mar­ga­re­the eben­falls in Dins­la­ken. Dr. Nau­mann war All­ge­mein­me­di­zi­ner und führ­te ei­ne Pra­xis. „Wenn man Glück hat­te, durf­te man mit dem On­kel Dok­tor in der Kut­sche, ei­nem zwei­räd­ri­gen Wa­gen mit Ver­deck, vom Pferd­chen Max ge­zo­gen, Kran­ken­be­su­che ma­chen, nach Hies­feld zur Ze­che oder in den Bruch.“Der Ze­chen­stand­ort Loh­berg ge­hör­te da­mals zur Preu­ßi­schen Land­ge­mein­de Hies­feld.

Mat­hil­de be­such­te die „Hö­he­re Töch­ter­schu­le“in Dins­la­ken. Da sie in der Stadt zu die­ser Zeit kein Abitur er­wer­ben konn­te, wur­de sie 1909 Schü­le­rin ei­nes neu ge­grün­de­ten Mäd­chen­gym­na­si­ums in Tri­er. Hier leb­te sie im Haus­halt von Ver- wand­ten. 1913 wur­de ihr Va­ter als Di­rek­tor des Wai­sen­hau­ses von Dr. Leo­pold Roth­schild ab­ge­löst. Die Fa­mi­lie Worm­ser ver­ließ Dins­la­ken und leb­te nun in Frank­furt am Main.

Mat­hil­de zog in den el­ter­li­chen Haus­halt und er­warb 1915 am Schil­ler-Gym­na­si­um in Frank­furt das Abitur. Da­nach be­gann sie ein Stu­di­um der Na­tur­wis­sen­schaf­ten in Mün­chen und Frank­furt. Ih­re Dok­tor­ar­beit, die ma­gna cum lau­de be­wer­tet wur­de, schrieb sie 1920 über „Elek­tro­che­mi­sche Un­ter­su­chun­gen an Gold-Kup­fer-und Me­tall­kris­tal­len“an der Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Frank­furt. Im glei­chen Jahr hei­ra­te­te Mat­hil­de den Ju­ris­ten Max Her­mann Mai­er aus Frank­furt. Er hat­te sein Dok­tor­ex­amen an der Ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Köln ab­ge­legt und war als frei­wil­li­ger Welt­kriegs­teil­neh­mer mit dem Ei­ser­nen Kreuz aus­ge­zeich­net wor­den.

Mat­hil­de üb­te nach ih­rer Ehe­schlie­ßung kei­ne ih­rer Aus­bil­dung ent­spre­chen­de be­ruf­li­che Tä­tig­keit aus, son­dern half ih­rem Ehe­mann, die An­walts- und No­ta­ri­ats­kanz­lei zu füh­ren. Das jun­ge Ehe­paar ver­brach­te fast je­den Frei­tag­abend bei den El­tern von Mat­hil­de, Ber­tha und Leo­pold Worm­ser, um mit ih­nen den Sab­bat zu be­ge­hen. Aus der Stu­di­en­zeit und den be­ruf­li­chen Jah­ren in Frank­furt re­sul­tier­ten Freund­schaf­ten des Ehe­paa­res un- ter an­de­rem mit dem Dich­ter Karl Wolfs­kehl, dem pro­tes­tan­ti­schen Theo­lo­gen Mar­tin Ra­de, den Ver­le­gern Eu­gen Claas­sen und Hen­ry Go­verts so­wie der Schrift­stel­le­rin Mar­got Bena­ry-Is­bert.

1936 über­nahm Max Mai­er die Lei­tung der Aus­wan­de­rungs­be­ra­tungs­stel­le des Hilfs­ver­eins der deut­schen Ju­den für Hes­sen und Hes­sen-Nas­sau, im Jahr zu­vor hat­te er Land in Bra­si­li­en er­wor­ben. Im No­vem­ber 1938 flo­hen Max und Mat­hil­de Mei­er über die Nie­der­lan­de nach Groß­bri­tan­ni­en. Von dort ging es mit dem Schiff von Sout­hamp­ton wei­ter bis nach Bra­si­li­en. Im De­zem­ber leg­te die „Cap Ar­co­na“in San­tas an. Mit dem Zug ging es in das Lan­des­in­ne­re.

In der von Deut­schen ge­grün­de­ten Ko­lo­nie Ro­lan­dia fan­den sie mit ih­rer Nich­te Mar­ga­re­te, die Wai­se war, ein neu­es Zu­hau­se. Die Mai­ers, die nie mit der Land­wirt­schaft et­was zu tun ge­habt hat­ten, bau­ten auf ih­rer Fa­zen­da Kaf­fee, Obst und Ge­mü­se an, züch­te­ten Vieh und schu­fen sich so im Lau­fe der Jah­re ei­ne neue Le­bens­grund­la­ge. Für die pas­sio­nier­te Pflan­zen­lieb­ha­be­rin Mat­hil­de Mai­er war Bra­si­li­en ein Pa­ra­dies. 1997 starb die Dins­la­ke­ne­rin im Al­ter von 101 Jah­ren in Ro­lan­dia und wur­de dort an der Sei­te ih­res 1976 ver­stor­be­nen Ehe­man­nes bei­ge­setzt.

Ih­re Au­to­bio­gra­phie „Die Gär­ten mei­nes Le­bens“er­schien im Jah­re 1978. In die­sem Buch, das sie mit zahl­rei­chen ei­ge­nen Zeich­nun­gen ver­sah und das auch in eng­li­scher und por­tu­gie­si­scher Spra­che er­schien, wid­me­te sie dem Is­rae­li­ti­schen Wai­sen­haus Dins­la­ken und sei­nem herr­li­chen Gar­ten ein ei­ge­nes Ka­pi­tel. Er ist der ers­te Gar­ten ih­res Le­bens: „Mein Va­ter war Stadt­ver­ord­ne­ter und Schieds­mann und er­zähl­te wohl von den Er­eig­nis­sen in der Stadt. Aber für mich war es nur der Ort, wo man zur Schu­le ging, Grau­brot beim Bä­cker hol­te, dem Schüt­zen­um­zug durch die mit jun­gem Bir­ken­grün ge­schmück­ten Stra­ßen zu­sah. Un­se­re Welt lag im Gar­ten und auf den Wei­den und We­gen der nie­der­rhei­ni­schen Land­schaft.“ Der Ver­ein Stol­per­stei­ne für Dins­la­ken wird in die­sem Jahr mit ei­ner Ver­an­stal­tung an Mat­hil­de Mai­er er­in­nern.FürDr.IsaakNau­mann,Mat­hil­de und Mar­ga­re­the Nau­mann wird Gun­ter Dem­nig am 17. April Ge­denk­stei­ne vor dem Haus Bahn­stra­ße 16 ver­le­gen.

FO­TO: ER­BEN VON MAT­HIL­DE UND MAX- HER­MANN MAI­ER

Das Ehe­paar Mat­hil­de und Max Her­mann Mai­er floh 1938 vor den Na­zis über die Nie­der­lan­de nach Groß­bri­tan­ni­en. Von dort nah­men die Ehe­leu­te ein Schiff nach Bra­si­li­en. In der deut­schen Ko­lo­nie Ro­lan­dia fan­den sie ein neu­es Zu­hau­se.

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