Ei­ner ver­ges­se­nen Au­to­rin auf der Spur

Die Über­set­ze­rin Ol­ga Gar­cía traf auf Schrift­stel­ler Pe­ter Hand­ke. Da­bei spiel­te Fuß­ball ei­ne nicht un­we­sent­li­che Rol­le. Ak­tu­ell über­setzt sie in Strae­len ein Buch von Ma­ria Leit­ner, der Au­to­rin von „Ho­tel Ame­ri­ka“.

Rheinische Post Geldern - - Kultur Im Gelderland - VON BI­AN­CA MOKWA

STRAE­LEN Es ist so et­was wie ein Rit­ter­schlag, wenn ein sehr be­rühm­ter Au­tor, viel­fa­cher Preis­trä­ger, die ei­ge­ne Hei­mat­stadt li­te­ra­risch er­wähnt. So geht es Ol­ga Gar­cía. In Pe­ter Hand­kes Buch „Ver­such über die Ju­ke­box“taucht die spa­ni­sche Stadt So­ria auf, der Ge­burts­ort von Ol­ga Gar­cía. Hand­ke be­schreibt die ho­he La­ge, den Ver­lauf des Du­e­ro, den Ge­sang der Nach­ti­gal­len. Aber nicht nur das ver­bin­det die bei­den, son­dern auch die Lie­be zur Spra­che. Gar­cía ist Pro­fes­so­rin für deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur in Spa­ni­en, in Cá­ce­res.

Ak­tu­ell ist sie aber in Strae­len, weil sie in ih­rer Frei­zeit auch noch Über­set­ze­rin ist. Sie über­setzt vom Deut­schen ins Spa­ni­sche. „Ich ha­be das Glück, ich kom­bi­nie­re Be­ruf und Frei­zeit“, sagt sie. Drei Mo­na­te ist sie als „Trans­la­tor in Re­si­dence“im Eu­ro­päi­schen Über­set­zer­kol­le­gi­um (EÜK) in Strae­len und kann sich mit Be­geis­te­rung in Tex­te stür­zen. Ihr Haupt­pro­jekt ist die Über­set­zung des Bu­ches „Ei­ne Frau reist durch die Welt“von Ma­ria Leit­ner. „Ei­ne voll­kom­men ver­ges­se­ne Au­to­rin und Jour­na­lis­tin“, sagt die Über­set­ze­rin, die fas­zi­niert ist von der Le­bens­ge­schich­te die­ser Frau. Sie leb­te im Berlin der 1920er Jah­re, wur­de Jour­na­lis­tin und hat Re­por­ta­gen in Ame­ri­ka ge­macht. „Größ­ten­teils so­zi­al-kri­tisch“, sagt Gar­cía.

Be­kannt wur­de ihr Ro­man „Ho­tel Ame­ri­ka“. Ma­ria Leit­ner be­schreibt in Frosch­per­spek­ti­ve, wie ein Ho­tel in New York funk­tio­niert, al­so das Lu­xus­ho­tel aus der Per­spek­ti­ve der Ar­bei­ter ge­se­hen, die im Kel­ler un­ter­ge­bracht sind. In der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wur­de das Buch „Ho­tel Ame­ri­ka“ver­bo­ten und ver­brannt. Viel­leicht ist die neue Über­set­zung von „Ei­ne Frau reist durch die Welt“ins Spa­ni­sche ei­ne Ge­le­gen­heit, den Vor­hang des Ver­ges­sens zur Sei­te zu schie­ben.

Groß sei al­ler­dings das In­ter­es­se an deut­scher Li­te­ra­tur in Spa­ni­en nicht, sagt die Über­set­ze­rin seuf­zend mit Blick auf die Zahl der Stu­die­ren­den. „Ich bin si­cher, die Leu­te le­sen viel, viel we­ni­ger als frü­her“, nennt sie ei­nen Grund. Und auch das Ver­hal­ten der­je­ni­gen, die le­sen, hat sich ver­än­dert. Wenn sie als Pro­fes­so­rin ein Buch emp­feh­le und es gibt drei Ex­em­pla­re in der Bi­b­lio­thek, dann schau­en sich doch die meis­ten im In­ter­net den Text als pdf-Da­tei an. „Die wol­len al­les nur am Bild­schirm. Das fin­de ich Wahn­sinn.“Sie da­ge­gen greift noch sehr ger­ne zu Bü­chern aus Pa­pier. Und das nicht nur für die Ar­beit. „Privat le­se ich stän­dig und fast nur deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur.“Das geht so weit, dass sie bes­ser dar­über in­for­miert ist, was auf dem deut­schen Buch­markt los ist als auf dem spa­ni­schen. Fas­zi­niert hat sie zum Bei­spiel zu­letzt „Die Haupt­stadt“von Robert Me­n­as­se, der da­für üb­ri­gens den Deut­schen Buch­preis be­kom­men hat. „Es ist der ers­te EU-Ro­man, al­les spielt in Brüs­sel. Es ist zum Teil sehr lus­tig und zum Teil in­no­va­tiv“, sagt Gar­cía. Au­ßer­dem sei der Ro­man ziem­lich ak­tu­ell: „Was wird mit uns in Eu­ro­pa?“

Die Über­set­ze­rin fühlt sich „voll­kom­men eu­ro­pä­isch“, viel­leicht auch, weil sie so viel zwi­schen den Län­dern hin und her pen­delt. Das vom So­zio­lo­gen Ul­rich Beck ge­präg­te Wort „Orts­po­ly­ga­mie“tref­fe es ganz gut, sagt die Über­set­ze­rin. Deutsch­land sei in ih­rem Le­ben im­mer prä­sent ge­we­sen, sagt die Spa­nie­rin. Ihr On­kel und ih­re Tan­te wa­ren in der Pres­se­ab­tei­lung der Spa­ni­schen Bot­schaft in Bonn. Von

„Die wol­len al­les nur am Bild­schirm. Das fin­de ich Wahn­sinn“

Ol­ga Gar­cía

Über­set­ze­rin

ih­nen hat sie ein­mal ein Kin­der­buch auf Deutsch be­kom­men. Das ist ein­fach ver­schwun­den, nicht aber die Er­in­ne­run­gen an die deut­sche Spra­che. Stu­diert hat sie dann Ger­ma­nis­tik und Über­set­zungs­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Ma­drid. Ihr Pro­fes­sor brach­te ihr nicht nur die ös­ter­rei­chi­sche Li­te­ra­tur na­he, son­dern er­zähl­te auch vom Eu­ro­päi­schen Über­set­zer­kol­le­gi­um in Strae­len. „Du musst da hin­ge­hen“, gab er ihr als Emp­feh­lung mit auf den Weg.

Im Som­mer 1991 war es dann das ers­te Mal so­weit. Und auch Pe­ter Hand­ke traf sie dann per­sön­lich. Das war im ver­gan­ge­nen Jahr, als ihm die Eh­ren­dok­tor­wür­de in Ma­drid ver­lie­hen wur­de. Als er hör­te, dass sie aus So­ria stammt, er­kun­dig­te er sich nach der dor­ti­gen Fuß­ball­mann­schaft. Er hat­te sich in sei­ner Zeit in der spa­ni­schen Pro­vinz ei­ni­ge Spie­le dort an­ge­schaut. Viel­leicht nicht sehr ver­wun­der­lich, Hand­ke schrieb un­ter an­de­rem auch „Die Angst des Tor­manns beim Elf­me­ter“. „Das Ge­spräch war ganz nied­lich“, sagt die Über­set­ze­rin, de­ren Hei­mat bei Hand­ke ei­nen li­te­ra­ri­schen Nie­der­schlag fand.

RP-FO­TO: THO­MAS BINN

„Voll­kom­men eu­ro­pä­isch“fühlt sich Über­set­ze­rin Ol­ga Gar­cía aus Spa­ni­en. Und wohl fühlt sie sich im Eu­ro­päi­schen Über­set­zer-Kol­le­gi­um.

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