Chi­ne­si­scher Dis­si­dent erst­mals in Deutsch­land

Der Schrift­stel­ler Liao Yi­wu (52) will sich kei­ner Selbst­zen­sur un­ter­wer­fen – auch nicht nach er­lit­te­ner Haft und Fol­ter

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON LOTHAR SCHRÖDER

KÖLN Zwölf Mal hat der chi­ne­si­sche Schrift­stel­ler Liao Yi­wu ver­sucht, ein Vi­sum für ei­ne Aus­lands­rei­se zu be­kom­men. Zwölf Mal ha­be ihm die Macht­ha­ber das ver­wei­gert – so­wohl für die Frank­fur­ter Buch­mes­se 2009 mit dem Gast­land Chi­na als auch jüngst für ei­nen Auf­tritt auf der Lit.Co­lo­gne. Doch die Köl­ner ha­ben sich wei­ter be­müht und es end­lich er­reicht, dass der 52-Jäh­ri­ge jetzt nach Deutsch­land kom­men konn­te. Wir tra­fen den Dis­si­den­ten in Köln. Er­reich­te Sie das Vi­sum für die Rei­se nach Deutsch­land wie aus hei­te­rem Him­mel? Yi­wu Ich ha­be mich über zehn Jah­re be­müht, Ein­la­dun­gen ins Aus­land an­zu­neh­men. Auch ich möch­te die Welt ein biss­chen se­hen. Das ist mir aber nie ge­lun­gen. Mei­ne Stim­me wur­de im Aus­land je­doch stets ge­hört. Man hat wahr­ge­nom­men, dass mir das Rei­sen ver­wei­gert wur­de. Jetzt hat es ge­klappt. Es steckt in die­sem Ver­hal­ten der Macht­ha­ber kei­ner­lei Lo­gik. Emp­fin­den Sie das als Psy­cho-Ter­ror? Yi­wu In den 90er Jah­ren saß ich im Ge­fäng­nis. Man hat mich dort so ge­fol­tert, dass ich zwei Mal ver­sucht ha­be, mir das Le­ben zu neh­men. Nach die­sen Er­fah­run­gen kann mich wirk­lich nichts mehr er­schüt­tern. Ich in­sis­tie­re ein­fach auf dem Recht, mich frei zu be­we­gen. Ich ha­be auch Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel ge­schrie­ben; und sie hat aus­rich­ten las­sen, dass sie sich für mich ein­set­zen will. Das hat mich er­mu­tigt. Wie hat sich die Si­tua­ti­on, die Stim­mung in Chi­na ver­än­dert nach Be- kannt­ga­be des Frie­dens­no­bel­prei­ses an Liu Xiao­bo? Yi­wu Es ist nor­mal, sich Sor­gen zu ma­chen. Den­noch glau­be ich nicht, dass die Si­tua­ti­on in Chi­na jetzt noch schlim­mer wird. Na­tür­lich är- gert sich die Re­gie­rung über die Eh­rung; dass aber sei­ne Frau ihn im Ge­fäng­nis be­su­chen durf­te, ist trotz al­lem ein gu­tes Zei­chen. Ihr Lang­ge­dicht über die Zer­schla­gung der De­mo­kra­tie­be­we­gung auf dem Platz des Himm­li­schen Frie­dens 1989 in Pe­king ist be­rühmt ge­wor­den. Wie konn­te es Ver­brei­tung fin­den? Yi­wu Als ich von der furcht­ba­ren Nie­der­schla­gung hör­te, ha­be ich so­fort das Ge­dicht ver­fasst. Über il­le­ga­le We­ge hat es gro­ße Ver­brei­tung ge­fun­den. Es wä­re wahr­schein­lich nicht so be­kannt ge­wor­den, wenn man mich nicht ver­haf­tet hät­te. Un­ter­drü­ckung und Wi­der­stand ist der glei­che Kreis. Wo­von le­ben Sie, da Ih­re Bü­cher in Chi­na ver­bo­ten sind? Yi­wu Weil kei­nes mei­ner Wer­ke ver­öf­fent­licht wer­den darf, ver­su­che ich, die Bü­cher im Aus­land zu ver­öf­fent­li­chen – auch in so ge­nann­ten kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Zeit­schrif­ten. Ich bin prak­tisch auf dem Weg der Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re. Aber ich bin ein frei­er Mensch, ich un­ter­wer­fe mich kei­ner Selbst­zen­sur – und so le­be ich wei­ter. War­um wol­len Sie nach all den Er­fah­run­gen nach Chi­na zu­rück­keh­ren? Yi­wu Es steht in der chi­ne­si­schen Ver­fas­sung, dass man sich frei be­we­gen darf. Wenn ich oh­ne das Recht auf Rück­kehr jetzt aus­ge­reist wä­re, hät­te ich die­sen lan­gen Weg doch gar nicht ge­hen müs­sen. Ich hät­te ein­fach über die Gren­ze flie­hen kön­nen. Aber ich ge­he zu­rück. Das soll mei­nen Freun­den – die al­le in ähn­li­chen Si­tua­tio­nen sind – ein Bei­spiel sein. Ich möch­te ih­nen Mut zu­spre­chen. Chi­na ist mein Land; und ich wer­de da­blei­ben.

FO­TO: GETTY IMAGES

Liao Yi­wu

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