Die Amish rin­gen mit der Mo­der­ne

Seit mehr als 300 Jah­ren ver­wei­gern sich die christ­li­chen Tra­di­tio­na­lis­ten in den USA dem Fort­schritt. Doch im­mer stär­ker dringt die Neu­zeit in die ab­ge­schot­tet le­ben­de Ge­mein­schaft ein. Be­son­ders die jun­gen Amish zei­gen sich an­fäl­lig für die Ver­lo­ckun­ge

Rheinische Post Goch - - Weitsicht - VON MICHAEL BRÖCKER

GORDONVILLE Jon Fis­her ist 14 Jah­re alt. Er lebt mit­ten in den USA. Und mit­ten im 18. Jahr­hun­dert. Bei den Fis­hers zu Hau­se in Lan­cas­ter Coun­ty, ei­ner länd­li­chen Re­gi­on mit tie­fen Äckern und wei­ten Fel­dern im Nord­os­ten der USA, ist die Mo­der­ne ver­bo­ten. Gas­öfen brin­gen Wär­me ins Haus, Ker­zen spen­den Licht. Pfer­de­kut­schen sind das be­vor­zug­te Fort­be­we­gungs­mit­tel. Die Fis­hers sind Amish.

In ih­rer christ­li­chen Glau­bens­ge­mein­schaft ist das 21. Jahr­hun­dert ver­bo­ten. Of­fi­zi­ell je­den­falls. Denn vie­le jün­ge­re Amish le­ben heim­lich ziem­lich mo­dern. So wie Jon Fis­her, der sich mit sei­nen Brü­dern Sam (18) und Ja­nice (20) ein iPho­ne ge­kauft hat. Das Mul­ti­funk­ti­ons­Han­dy der US-Fir­ma App­le ver­ste­cken die drei Brü­der in ei­ner Schub-

Auf ei­ni­gen Far­men ver­drän­gen Trak­to­ren die ty­pi­schen Pfer­de­ge­span­ne

la­de in Sams Hand­wer­ker­ge­schäft. Die El­tern ah­nen nichts. „Die meis­ten mei­ner Freun­de ha­ben heim­lich ein Han­dy“, sagt Jon.

Die Idyl­le der in Dut­zen­den Ro­ma­nen und Fil­men ve­r­ewig­ten Welt von Far­mern, die ih­ren Acker mit Pferd und Pflug be­wirt­schaf­ten, und Groß­fa­mi­li­en in alt­mo­di­schen Klei­dern brö­ckelt. Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on drängt mit Macht ins di­gi­ta­le Zeit­al­ter. In Lan­cas­ter, der mit 59 000 Mit­glie­dern welt­größ­ten Amish-Sied­lung, kämp­fen die Kir­chen­füh­rer ver­zwei­felt ge­gen die schlei­chen­de Mo­der­ni­sie­rung. Neu­lich wur­de im Ge­mein­de­vor­stand in Gordonville ein Streit über das Hau­s­te­le­fon aus­ge­tra­gen. Die Amish „neu­er Ord­nung“, der pro­gres­si­ve Flü­gel der Re­li­gi­ons­grup­pe, woll­ten das Te­le­fon ge­ne­rell „le­ga­li­sie­ren“. Die Bi­schö­fe lehn­ten das ab. Sie be­trach­ten welt­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel als stö­ren­des Ele­ment in ei­ner auf Gleich­heit vor Gott aus­ge­rich­te­ten Ge­mein­de.

Das Leit­mo­tiv der Amish lau­tet: Die Ge­mein­schaft ist mehr als der Ein­zel­ne, in ih­rem dem Deut­schen ähn­li­chen Ak­zent „Gay­las­sen­hi­te“ ge­nannt. Sta­tus­sym­bo­le sind in der Ge­mein­schaft, die vor mehr als 300 Jah­ren durch Re­li­gi­ons­flücht­lin­ge aus Süd­deutsch­land und der Schweiz ge­grün­det wur­de, ver­pönt. „Vie­le Amish ar­bei­ten aber nicht mehr auf ei­ner Farm, son­dern in Schrei­ne­rei­en und klei­nen Ge­schäf­ten. Sie sind auf ein Te­le­fon an­ge­wie­sen“, sagt Jo­na­than Stoltz­fus, ein „New Or­der Amish“. Der 71-Jäh­ri­ge, des­sen Vor­fah­ren 1763 aus Zwei­brü­cken emi­grier­ten, lebt mit sei­ner Frau Bar­ba­ra in ei­nem die­ser ty­pi­schen ame­ri­ka­ni­schen Holz­häu­ser mit ge­mäh­tem Vor­gar- ten und ei­nem Pick-up-Truck vor der Ga­ra­ge. Das Au­to ist bei den neu­en Amish im Ge­gen­satz zu den Tra­di­tio­na­lis­ten er­laubt. Strom ha­ben die Stoltz­fus’ aber nicht.

Wie viel Mo­der­ne ver­tra­gen die Amish? Wie mit Han­dys, In­ter­net und Fern­se­hen um­ge­hen? Für ei­ni­ge Ju­gend­li­che ste­hen die strik­ten Re­geln nur auf dem Pa­pier. Der re­nom­mier­te Amish-For­scher Do­nald Kray­bill vom Eliz­a­be­th­town Col­le­ge in Penn­syl­va­nia schätzt, dass je­der vier­te Amish un­ter 20 Jah­ren ein Han­dy be­sitzt. Neu­lich wur­de ei­ne 17-Jäh­ri­ge mit ei­nem trag­ba­ren DVD-Play­er er­wischt. Sie hat­te sich „Des­pe­ra­te Hou­se­wi­ves“ an­ge­se­hen, die po­pu­lä­re US-Fern­seh­se­rie über Kle­in­stadt-Af­fä­ren. Ein Jahr Ex­tra-Bi­bel­un­ter­richt soll sie nun wie­der auf den rech­ten Weg brin­gen. Ih­re Ge­mein­schaft ver­las­sen wol­len die jun­gen Amish den­noch so gut wie nie. 85 Pro­zent be­ken­nen sich im Al­ter von 16 Jah­ren mit der Er­wach­se­nen-Tau­fe end­gül­tig zum Le­ben als Amish. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind im­mer wie­der Stür­me der Neu­zeit über „Got­tes letz­te In­seln“ her­ein­ge­bro­chen, wie die Amish ge­nannt wer­den. Vor sechs Jah­ren er­schoss ein kir­chen­fer­ner Ju­gend­li­cher sechs Amish in ei­ner Schu­le in Lan­cas­ter. In Mis­sou­ri er­regt ak­tu­ell ein Pro­zess ge­gen ei­nen 20-Jäh­ri­gen Auf­se­hen, der sei­ne 13-jäh­ri­ge Cou­si­ne ver­ge­wal­tigt ha­ben soll. „Wir wol­len von dem Bö­sen auf der Welt ei­gent­lich nichts wis­sen“, sagt Bar­ba­ra Stoltz­fus ver- zwei­felt. „Wir wol­len nicht ver­är­gert sein.“

So ein­fach scheint das im 21. Jahr­hun­dert nicht zu sein. Ge­ra­de tüf­teln die Kir­chen­füh­rer an ei­ner Soft­ware, die „schlech­te Sei­ten“ im In­ter­net au­to­ma­tisch sper­ren soll, er­zählt Jo­na­than Stoltz­fus. Ei­ni­ge der mo­der­nen Amish ha­ben be­reits ei­nen In­ter­net­an­schluss, et­wa für ihr Ge­schäft. „Wir wer­den eben schritt­wei­se mo­der­ni­siert“, sagt Jo­na­than Stoltz­fus. Bleibt die Fra­ge: Ver­än­dert die Au­ßen­welt die Amish, oder drän­gen die Amish in die Au­ßen­welt?

Weil die ame­ri­ka­ni­schen Tou­ris­ten das son­der­ba­re Völk­chen so lie­ben, kön­nen sich die Amish heu­te ge­winn­brin­gend ver­mark­ten. Der „Aa­ron & Jes­si­ca Bug­gy­ri­de“ et­wa, di­rekt an der Durch­gangs­stra­ße zwi­schen Lan­cas­ter und In­ter­cour­se ge­le­gen, ge­hört zu den Haupt­at­trak­tio­nen. In­ha­ber Hans Stoltz­fus – so hei­ßen ein Vier­tel al­ler Amish in Penn­syl­va­nia – bie­tet Rei­sen­den ei­ne Tour mit den tra­di­tio­nel­len schwar­zen Pfer­de­kut­schen an. 15 Eu­ro für 30 Mi­nu­ten, mit­ten durch das Farm­land. Und am En­de geht es zum fa­mi­li­en­ei­ge­nen Bau­ern­hof, wo Stoltz­fus’ Kin­der selbst­ge­mach­te Huf­ei­sen und Kek­se ver­kau­fen. Rund 27 000 Eu­ro nimmt ei­ne Amish-Fa­mi­lie durch­schnitt­lich pro Jahr zu­sätz­lich durch den Tou­ris­mus ein, hat For­scher Kray­bill er-

„Die Amish sind so weit zu­rück, dass sie uns schon

wie­der vor­aus sind“

rech­net. Die Kir­che schaut der Kom­mer­zia­li­sie­rung macht­los zu.

Jo­na­than Stoltz­fus kennt die Kri­tik. „Gern ge­se­hen wird das nicht“, sagt er. Aber das Ge­schäft sei eben ver­lo­ckend. „Wir fin­den Es­ki­mos ja auch span­nend.“ Auch an der Land­wirt­schaft, für rund die Hälf­te der Amish im­mer noch Haupt­er­werbs­quel­le, geht der Wan­del nicht vor­bei. Tre­cker sind in­zwi­schen auf ei­ni­gen Hö­fen zu se­hen, man­che Far­mer ha­ben So­lar­zel­len auf ih­re Scheu­nen­dä­cher ge­baut. „Die Tech­no­lo­gie spielt ei­ne grö­ße­re Rol­le“, sagt der Wis­sen­schaft­ler Kray­bill. „Der Wech­sel vom Far­mer zum Klein­un­ter­neh­mer ist ei­ne in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on – für die Amish der dra­ma­tischs­te Um­bruch seit ih­rer Emi­gra­ti­on.“

Der Mo­der­ni­sie­rungs­druck wächst. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren hat sich die Be­völ­ke­rung auf 240 000 Amish ver­dop­pelt. Die An­ti­ba­by­pil­le ist ver­bo­ten, fünf-bis sie­ben­köp­fi­ge Fa­mi­li­en sind die Re­gel, Ehen un­ter Vet­tern und Cou­si­nen er­laubt. Mit wel­chem Stoltz­fus Jo­na­than und Bar­ba­ra ver­wandt sind, wis­sen sie nicht. Sechs Kin­der und 33 En­kel­kin­der ge­hö­ren je­den­falls in di­rek­ter Li­nie zur Fa­mi­lie. Die Hoff­nung, dass die Kin­der durch stren­gen Pri­vat­un­ter­richt – Deutsch, Eng­lisch, Ma­the­ma­tik und vor al­lem Bi­bel­stun­den – von der Au­ßen­welt fern­ge­hal­ten wer­den kön­nen, trügt. For­scher Kray­bill ist je­doch op­ti­mis­tisch, was die Zu­kunft der Amish an­geht. „Sie ver­kör­pern Grund­wer­te, die in der mo­der­nen Welt zu­neh­mend ver­lo­ren ge­hen: ei­nen Sinn für Ge­mein­schaft und In­te­gri­tät“, sagt er. „Die Amish sind so weit zu­rück, dass sie uns schon wie­der vor­aus sind.“

FO­TO: AFP

Kut­schen statt Au­tos: Die Amish ver­zich­ten aus re­li­giö­sen Grün­den auf die al­ler­meis­ten Er­run­gen­schaf­ten mo­der­ner Tech­nik. Doch in­ner­halb der Ge­mein­schaft gibt es durch­aus Un­ter­schie­de zwi­schen Tra­di­tio­na­lis­ten und den „Li­be­ra­len“, die Kom­pro­mis­se mit der Neu­zeit ak­zep­tie­ren.

FO­TO: BRÖCKER

Jo­na­than und Bar­ba­ra Stoltz­fus aus Gordonville im US-Bun­des­staat Penn­syl­va­nia ge­hö­ren zu den Amish „neu­er Ord­nung“, dem li­be­ra­len Flü­gel.

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Trotz Te­le­fon­ver­bot: Jon Fis­her (14) zeigt sein Hig­htech-Han­dy.

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