Plä­doy­er für den „häss­li­chen Ami“

Rheinische Post Goch - - Weitsicht - VON MICHAEL HAMERLA

DÜSSELDORF Die Kör­per­spra­che kün­digt die Ton­la­ge ih­rer Bot­schaft an: Hea­ther De Lis­le trägt ein klei­nes Schwar­zes, be­müht sich aber nicht um Ele­ganz, son­dern stemmt, fron­tal dem Be­trach­ter zu­ge­wandt, ih­re Hän­de in die Hüf­ten. Es ist die klas­si­sche „Jetzt hö­ren Sie mal zu“-Po­se, in der die 34-jäh­ri­ge Jour­na­lis­tin auf dem Buch­um­schlag von „Ami­land“ ih­re „Streit­schrift für die Welt­macht USA“ prä­sen­tiert.

Zu­hö­ren, so wünscht sie, sol­len ihr al­le, die den ehe­ma­li­gen USPrä­si­den­ten Ge­or­ge W. Bush nur für ei­nen tum­ben Idio­ten hal­ten. Al­le, für die die USA im Zwei­fels­fall nur die kriegs­lüs­ter­nen Ober-Aus­beu­ter der Schät­ze der Welt sind. Hea­ther de Lis­le, im Aus­lands­fern­se­hen der „Deut­schen Wel­le“ tä­tig, aber auch als Ber­li­ner Kor­re­spon­den­tin für ei­nen New Yor­ker Ra­dio­sen­der, zielt mit ih­rem Buch auf den deut­schen An­ti­ame­ri­ka­nis­mus.

Den er­lebt sie selbst – of­fen­bar bis zum Über­druss. Sie ist vor al­lem in Berlin auf­ge­wach­sen. Ihr Va­ter war Mo­de­ra­tor beim US-Sen­der AFN, der Stim­me – so schreibt die Toch­ter – „der Frei­heit und des Mi­li­tärs“. Sie er­leb­te als 14-Jäh­ri­ge, wie aus­ge­rech­net in ei­ner deut­schame­ri­ka­ni­schen Schu­le in Berlin deut­sche Kin­der wäh­rend des Golf­kriegs 1991 nicht mehr ne­ben den Kin­dern ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten sit­zen woll­ten, weil die ja „Kriegs­trei­ber“ wa­ren.

De Lis­le hat sich im Lauf der Jah­re wohl je­de Men­ge kennt­nis­lo­ses Ge­schwätz über die Po­li­tik der USA an­hö­ren müs­sen. Sie arg­wöhnt, vie­le in Eu­ro­pa le­ben­de Ame­ri­ka­ner hass­ten ihr Hei­mat­land und be­för­der­ten durch Falsch­in­for­ma­tio­nen die Feind­schaft ge­gen Ame­ri­ka. Im In­ter­net, wo sie of­fen­bar ger­ne bloggt und blät­tert, fin­det sie eben­falls viel Blöd­sinn und noch mehr Vor­ur­tei­le. Das macht sie zor­nig.

Ih­re pla­ka­ti­ve Ge­gen­the­se: Die USA sind vor al­lem das Land der Frei­heit. Ih­re Krie­ge sind Krie­ge oft für die Frei­heit an­de­rer. Text­pro­be: „Wir sind nicht kriegs­süch­tig. Wir wis­sen nur, dass die bes­te Ver­tei­di­gung aus ei­ner mäch­ti­gen Ab­wehr be­steht. Und uns ist die Frei­heit wich­ti­ger als der Frie­den.“

Nein, zim­per­lich ist De Lis­le nicht. Ter­ro­ris­ten sind Ter­ro­ris­ten und sol­len als sol­che und nicht als ge­wöhn­li­che Kri­mi­nel­le be­han­delt wer­den. Wer Ter­ro­rist ist, lässt sich ja fest­stel­len. Und wenn man mal ein paar Ta­ge un­schul­dig in Haft sitzt, ist das aus­zu­hal­ten, der Ver­dacht wird ja aus­ge­räumt. Dem ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Ge­or­ge W. Bush hält sie zu­gu­te, dass er als ers­ter US-Prä­si­dent die­ser neu­en Form des Krie­ges ent­ge­gen­tre­ten muss­te, sieht ihn aber auch – vor al­lem durch sei­nen Vi­ze Dick Che­ney – schlecht be­ra­ten. Und Oba­ma ha­be „bis jetzt nur ge­re­det“.

Wä­re das al­les, „Ami­land“ wä­re nur ei­ne holz­schnitt­ar­ti­ge Zu­sam­men­fas­sung kon­ser­va­ti­ver US-Po­si­tio­nen. Er­freu­li­cher­wei­se aber stellt De Lis­le auch die ge­wal­ti­gen Un­ter­schie­de her­aus, die die ge­gen­wär­ti­ge eu­ro­päi­sche und be­son­ders deut­sche Auf­fas­sung von Po­li­tik von der ame­ri­ka­ni­schen tren­nen. Sie zitiert da­zu den ers­ten Zu­satz­ar­ti­kel zur US-Ver­fas­sung, der 1787 in Kraft trat. Die­ser Ar­ti­kel ga­ran­tiert die freie Re­li­gi­ons­aus­übung, die Re­de-und Pres­se­frei­heit und das Ver­samm­lungs­recht – in ei­ner viel of­fe­ne­ren Form, als es in Eu­ro­pa üb­lich ist. De Lis­le: „In Ame­ri­ka darf man das sa­gen, was man will, auch wenn es voll­kom­men schwach­sin­nig, be­lei­di­gend oder ein­fach nur be­scheu­ert ist.“

Die­se Tra­di­ti­on sor­ge da­für, dass po­li­ti­sche Grund­satz­dis­kus­sio­nen in den USA sehr viel ra­di­ka­ler ge­führt wer­den kön­nen als hier­zu­lan­de. De Lis­le re­gis­triert aber mit Sor­ge, dass selbst in den USA Dro­hun­gen oder auch nur die Angst vor Dro­hun­gen durch Is­la­mis­ten Ten­den­zen zur Selbst­zen­sur för­dern. Hea­ther de Lis­le: Ami­land. Streit­schrift für die Welt­macht USA. Tre­di­ti­on-Ver­lag, 176 Sei­ten, 14,80 Eu­ro.

FO­TO: VER­LAG

Die Ame­ri­ka­ne­rin Hea­ther De Lis­le (34) ist in Berlin auf­ge­wach­sen.

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