Lie­bes-Be­ra­tung von Gi­uli­et­t­as Se­kre­tä­rin­nen

Rheinische Post Goch - - Weitsicht -

Über­all in Ve­ro­na fin­det man Te­le­fon­ap­pa­ra­te, wo man für ein paar Cent die Lie­bes­ge­schich­te von Ro­meo und Ju­lia in vier Spra­chen noch ein­mal auf­fri­schen kann. Ita­li­en, Ve­ro­na – was wä­re Ve­ro­na oh­ne Ro­meo und Ju­lia? Ju­lia be­sitzt auch heu­te noch ei­nen rie­si­gen Fan­club. Des­halb gibt es den Club di Gi­uli­et­ta. Un­ge­fähr 4000 Brie­fe kom­men jähr­lich bei den eh­ren­amt­li­chen Se­kre­tä­rin­nen von Ju­lia an. Al­le wer­den ge­le­sen und hand­schrift­lich be­ant­wor­tet. Was schrei­ben die Leu­te? Sie bit­ten Ju­lia um Hil­fe. Jun­ge Paa­re, die hei­ra­ten wol­len, bit­ten um ei­ne glück­li­che Zu­kunft. Ver­zwei­fel­te Men­schen bit­ten Ju­lia ih­nen bei­zu­ste­hen. Ver­schmäh­te Lie­be oder Kin­der­lo­sig­keit, bei vie­len Pro­ble­men soll Ju­lia hel­fen. Ein­mal im Jahr wer­den zwei der schöns­ten Brie­fe mit ei­nem Preis ver­se­hen. Im­mer am 14. Fe­bru­ar wird im „Haus der Ju­lia“ von ita­lie­ni­schen Stars der Preis ver­lie­hen. Re­cher­chen ha­ben er­ge­ben, dass Ju­lia am 16. Sep­tem­ber 1284 ge­bo­ren wur­de, sie soll nur kurz ge­lebt ha­ben. Schön, dass es Men- schen gibt, die in der heu­ti­gen Zeit noch Brie­fe schrei­ben. Brie­fe vol­ler Sehn­sucht, Lie­be und mit der Hoff­nung auf die ewi­ge Lie­be.

Ich über­le­ge, wenn ich ei­nen Brief an Gi­uli­et­t­as Se­kre­tä­rin­nen schrei­ben wür­de, was könn­te ich schrei­ben? Ich wür­de mich be­dan­ken, dass der Zu­fall uns da­mals nach Ita­li­en ge­führt hat. Dass wir nicht nur Ve­ro­na, Ve­ne­dig und den Gar­da­see ge­nie­ßen durf­ten. Wir lie­ben den See, den Wind. In kei­nem Land wer­den Lie­be und Ro­man­tik so groß ge­schrie­ben wie in Ita­li­en.

Wir lie­ben die Are­na in Ve­ro­na. Ai­da und Car­men, die ra­sen­de Ei­fer­sucht, die un­er­wi­der­te Lie­be, die sich dort ab­spielt. Wir ge­nie­ßen die At­mo­sphä­re vor der Are­na auf der Piaz­za Bra. Das Al­ter der Men­schen, die die­se Brie­fe schrei­ben, spielt kei­ne Rol­le. Je­der Brief wird ge­le­sen und be­ant­wor­tet. Ve­ro­na ist ei­ne Rei­se wert. Wer den Hof der Ca­sa Ca­pu­le­ti be­tritt ist mit­ten­drin in der Ge­schich­te von Ro­meo und Ju­lia.

Selbst McDo­nalds ist un­be­dingt ei­nen Be­such wert, be­vor die Vor­stel­lung be­ginnt. Dort tref­fen sich die Leu­te in ih­ren Abend­klei­dern und An­zü­gen, um sich vor der Vor­stel­lung noch ein­mal zu stär­ken. Die um­lie­gen­den klei­nen Re­stau­rants vor der Are­na sind vol­ler Men­schen, die von dort aus den Klän­gen aus der Are­na zu­hö­ren.

In un­se­rer Fa­mi­lie gibt es ei­ne fünf­jäh­ri­ge Ju­lia. Vi­el­leicht wird auch sie ei­nes Ta­ges ei­nen Brief an Gi­uli­et­ta schrei­ben.

Von IRM­GARD BORG­MANN (57), kfm. An­ge­stell­te aus Kre­feld. Bei OPINIO be­kannt als bor­gi53.

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