Kon­ser­va­ti­ve fei­ern zu Gut­ten­berg

Ei­gent­lich hat­te CSU- Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg auf sei­ner Rei­se durch die Lan­des­ver­bän­de Wi­der­stand ge­gen sei­ne Bun­des­wehr­re­form er­war­tet. Doch die Kon­ser­va­ti­ven um­ju­beln „KT“ als neu­en Hoff­nungs­trä­ger. Für sie ist er die er­sehn­te

Rheinische Post Goch - - Politik - VON MICHAEL BRÖCKER

BERLIN Nun hat auch die Se­nio­ren­Uni­on den Jung­star ent­deckt. CSUVer­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg, 38 Jah­re alt und der be­lieb­tes­te Po­li­ti­ker der Re­pu­blik, ist am 25. Ok­to­ber Gast­red­ner bei der De­le­gier­ten­ver­samm­lung der über 60 Jah­re al­ten Uni­ons­mit­glie­der in Reck­ling­hau­sen. 500 Be­su­cher ha­ben sich an­ge­mel­det. Auch CDU-Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel wird re­den. Al­ler­dings erst nach zu Gut­ten­berg.

Der Spröss­ling ei­nes frän­ki­schen Adels­ge­schlechts avan­ciert zum Star des kon­ser­va­ti­ven Flü­gels der Par­tei. Ges­tern Abend in Pots­dam, am kom­men­den Mon­tag in Ham­burg, spä­ter in Reck­ling­hau­sen – die Sä­le sind über­all aus­ver­kauft.

Da­bei hat­te Gut­ten­berg ei­gent­lich Wi­der­stand an der Ba­sis ge­gen sei­ne Bun­des­wehr-Re­form er­war­tet, räumt ein Be­ra­ter ein. Doch über die Aus­set­zung der Wehr­pflicht regt sich kaum ei­ner auf. Die meis­ten wol­len dem „Hoff­nungs­trä­ger der Uni­ons­par­tei­en“, wie Jun­ge-Uni­on-Chef Phil­ipp Miß­fel­der den CSU-Mi­nis­ter bei ei­ner Ver­an­stal­tung zum Jah­res­tag der Ein­heit im Kon­rad-Ade­nau­er-Haus an­kün­dig­te, ein­fach nur zu­hö­ren.

Gut­ten­berg nutzt sei­ne Be­liebt­heit und prä­sen­tiert sich als Vor­zei­ge-Kon­ser­va­ti­ver – seit dem Ab­schied von Fried­rich Merz und Ro­land Koch ei­ne un­be­setz­te Plan­stel­le in der Uni­on. Statt über Pa­trio­tis­mus und Leit­kul­tur „zu schwa­dro­nie­ren“ müs­se man die­se Grund­sät­ze „un­ver­krampft le­ben“, rät er den Nach­wuchs­kräf­ten von CDU und CSU in der Re­de, die Gut­ten­berg un­ter dem Ti­tel „Ei­ne zwei­te Re­de zur Deut­schen Ein­heit“ von der „FAZ“ nach­dru­cken ließ.

In der Is­lam-De­bat­te kon­ter­te Gut­ten­berg sei­nen Par­tei­chef Horst See­ho­fer ge­schickt aus, in­dem er sich von des­sen dif­fa­mie­ren­den Äu­ße­run­gen dis­tan­zier­te, zu­gleich aber klar­stell­te: „Die Be­to­nung an­de­rer Kul­tu­ren darf nie­mals zur Re­la­ti­vie­rung der ei­ge­nen füh­ren.“ See­ho­fer hat­te ei­nen Zu­wan­de­rungs­stopp für Mus­li­me und Ara­ber ge­for­dert, sei­ne Aus­sa­ge spä­ter aber re­la­ti­viert. Schon bei der Wehr­pflicht knick­te der CSU-Chef vor sei­nem Zög­ling Gut­ten­berg ein und ak­zep­tiert nun die Ab­schaf­fung des Di­ens­tes, den See­ho­fer vor Mo­na­ten noch als „Mar­ken­kern“ der Uni­on be­zeich­net hat­te. Auch den Chris­ten in der Uni­on wid­met sich Gut­ten­berg ge­schickt, pre­digt auf je­der Ver­an­stal­tung, dass die Christ­de­mo­kra­ten sich für das „C“ in ih­rem Na­men nicht ent­schul­di­gen bräuch­ten. Den Frei­heits­be­griff de­fi­niert der ka­tho­li­sche Ju­rist mit der Adel­sau­ra in An­leh­nung an Apos­tel Pau­lus – „die Frei­heit, sich für oder ge­gen et­was zu ent­sch­ei- den, setzt die Fä­hig­keit vor­aus, sich sei­nes Ver­stands zu be­die­nen“. Hei­mat, Ver­ant­wor­tung, Frei­heit – das sind die The­men Gut­ten­bergs, des­sen Ur­groß­va­ter im 20. Jahr­hun­dert das Fa­mi­li­en­schloss mit Ka­no­nen ge­gen säch­si­sche Kom­mu­nis­ten ver­tei­dig­te.

Gut­ten­bergs Kon­zept: Er gibt sich als An­ti-Po­li­ti­ker und wur­de so zum be­lieb­tes­ten Po­li­ti­ker. Sei­ne ehr­li­chen Wor­te zum Af­gha­nis­tan­Krieg, da­zu bo­den­stän­di­ge Bier­zelt­auf­trit­te und kna­cki­ge Bil­der als Disc­jo­ckey mit AC/DC-Shirt brach­ten dem Ba­ron Punk­te beim Volk.

„Karl Theo­dor zu Gut­ten­berg ist ge­rad­li­nig und steht zu sei­nen Über­zeu­gun­gen“, lobt der baye­ri­sche CSU-Fi­nanz­mi­nis­ter Georg Fah­ren­schon sei­nen Lands­mann. In CDU-Orts­ver­ei­nen gilt Gut­ten­berg als Al­ter­na­ti­ve zu Kanz­le­rin Mer­kel, soll­te die­se nach ei­ner mög­li­chen Nie­der­la­gen-Se­rie bei den Land­tags­wah­len ihr Amt ver­lie­ren oder 2013 nicht mehr an­tre­ten.

In den Mund nimmt Gut­ten­berg das Wort „Kanz­ler“ nicht. Sei­ne Po­pu­la­ri­tät ist brü­chig. Dass er mit sei­ner Frau Ste­pha­nie, Ur-Ur-En­ke­lin von Reichs­kanz­ler Ot­to von Bis­marck, in Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen po­siert und sie nun auch noch Mo­de­ra­to­rin beim Pri­vat­sen­der RTL II ge­wor­den ist, wird in kon­ser­va­ti­ven Zir­keln mit Na­se­rümp­fen be­trach­tet. Soll­te Gut­ten­berg in­des die gra­vie­rends­te Wehr­re­form der Ge­schich­te um­set­zen, wä­re er end­gül­tig ein po­li­ti­sches Schwer­ge­wicht, Kanz­ler­ma­te­ri­al. Die Kla­via­tur der Macht hät­te Gut­ten­berg, der als Kind so ger­ne Pia­nist wer­den woll­te, dann wohl ver­in­ner­licht.

FO­TO: HILGEMANN

Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg: „Be­to­nung an­de­rer Kul­tu­ren darf nie­mals zur Re­la­ti­vie­rung der ei­ge­nen füh­ren.“

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